Die "Kritik der Vernunft" solle zur "Kritik der Kultur" erweitert werden, riet 1923 der eine. Nein, nein, ganz anders, erwiderte 1927 der andere: Die gesamte Geschichte der Metaphysik müsse einer umfassenden "Destruktion" unterzogen werden, um die Frage nach dem Seienden und dem Sein endlich angemessen stellen zu können. Vielleicht sei aber Bescheidenheit besser, befand bereits 1922 ein Dritter und folgerte: "Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken." Das wiederum verwarf 1928 ein Vierter, denn schließlich gehe es um nichts anderes als das Höhere – und das ganz radikal: "Der Begriff des philosophischen Stils ist frei von Paradoxie. Er hat seine Postulate."

Ideenhistoriker erfinden ja gerne Konstellationen, die es so nie gab. Der Philosoph Wolfram Eilenberger will aber mit seinem Buch Zeit der Zauberer etwas anderes als solch eine kleine Inszenierung zentraler Gedanken der Philosophen Ernst Cassirer (der Erste, 1874–1945), Martin Heidegger (der Zweite, 1889–1976), Ludwig Wittgenstein (Nummer drei, 1889–1951) und Walter Benjamin (Nummer vier, 1892–1940). Es geht ihm um die Signatur einer Epoche, die vor allem durch diese vier Philosophen und ihr Denken geprägt wurde. Er will das ans Licht heben, was viele Bücher über die Weimarer Republik gerne in Kapiteln wie "Kultur" oder "Debatten" ablegen. Und er will dabei die Wirkmächtigkeit von Ideen und ihren Protagonisten nachweisen. Abenteuer des Geistes: Das sind daher für Eilenberger Verdichtungen individueller, politischer, ökonomischer und sozialer Prozesse, die sich gleichwohl immer nur bei genauer Lektüre finden lassen. Wenn er beispielsweise schreibt: "Wittgensteins philosophische Herangehensweise war eine streng wissenschaftliche, seine Moral aber eine existentialistische. Ein gutes Leben beruht nicht auf objektiven Gründen, sondern auf radikal subjektiven Entscheidungen", dann hallen darin Wittgensteins Verzicht auf ein Millionenvermögen, der spätere Rückzug als Lehrer in ein Gebirgsdorf und zugleich der unbedingte Ernst von dem mit, was es tatsächlich heißen kann, Philosoph zu sein.

Eilenberger begibt sich mit der Weimarer Republik in den wohl beliebtesten Aufenthaltsraum für Ideenhistoriker. Doch so bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet dieser Raum auch scheinen mag, so selten begegnet man wie bei Eilenberger dem unbedingten Vertrauen in die Bedeutung von Personen und ihren Schriften. Eigentlich war der große Kulturhistoriker Peter Gay (1923–2015) der Letzte, dem die virtuose Verknüpfung von Mensch und Denken souverän gelang. Daher folgt man jetzt gespannt dem ehemaligen Chefredakteur des Philosophie Magazins und seinen vier Protagonisten durch deren Biografien und Werke. In einem vom Autor genau kalkulierten Wechsel von Geschichten und Rekonstruktionen wird man nach und nach vertrauter mit diesen Gestalten.

All das wird nicht methodisch begründet, vielmehr aus dem Material heraus gestaltet. Wir begegnen den Helden gleich in einem "Prolog", der im Jahr 1929 spielt: Wittgenstein soll in Cambridge promoviert werden, Cassirer und Heidegger bereiten sich auf ihre seit Langem geplanten Vorträge im Schweizer Edelkurort Davos vor, während Benjamin in Berlin mal wieder in einer tiefen existenziellen Krise steckt – Momentaufnahmen, die ihre eigentliche Bedeutung erst im Laufe des Buches erhalten werden.

Deshalb geht es anschließend zurück ins Jahr 1919, an den Beginn der ersten deutschen Demokratie. Denn nicht nur der Staat ordnet sich neu, auch Cassirer, Heidegger, Wittgenstein und Benjamin machen sich auf, um aus der Katastrophe des Krieges ihre Folgerungen zu ziehen. Eilenberger verfolgt Schritt für Schritt deren Werke im Werden: Cassirers auf Stabilisierung menschlicher Freiheitsbestrebungen abzielende, zwischen 1923 und 1929 veröffentlichte Kulturphilosophie "symbolischer Formen", Heideggers ambitioniertes Jahrhundertbuch Sein und Zeit von 1927, das ebenso wie Wittgensteins 1922 erschienener Tractatus logico-philosophicus ein neues Verhältnis zur Welt aufbauen möchte, und schließlich Benjamins Streben, aus dem Zufälligen und dessen Deutung das genuin Moderne zu filtrieren. Eilenberger bietet feine Beobachtungen, und man freut sich über manch gelungene Offenlegung von Parallelen dieser Solitäre – etwa dann, wenn es um ihre Fokussierung auf Sprache als Konstituierung von Welt geht. Bei Cassirer und Wittgenstein fühlt er sich am wohlsten; bei der Rekonstruktion von deren Denkentwicklung ist er weitaus genauer und zuverlässiger als bei den beiden anderen.

Höhepunkt der Inszenierung ist die Begegnung von Cassirer und Heidegger in Davos im Frühjahr 1929, die im Rückblick als "Weggabelung der Philosophie" (Henning Ritter) bezeichnet wurde. Das klingt bei Eilenberger so: "Bis in kleinste Details spiegeln sich in diesem epochalen Ereignis die prägenden Kontraste der gesamten Dekade. Der jüdische Industriellenspross aus Berlin trifft auf den katholischen Küstersohn aus der badischen Provinz, hanseatische Contenance auf unverblümt-direkte Bäuerlichkeit. Cassirer ist das Hotel. Heidegger die Hütte."

Den ersten Teil dieser Passage löst Eilenbergers Buch souverän ein: Besagte Kontraste werden anschaulich miteinander verwoben. Der zweite Teil hingegen verweist auf ein Problem seiner Darstellung: Unbedingt benötigen wir ja immer noch eine intellektuelle Gesamtgeschichte der Weimarer Republik, wofür alte, biedermeierliche Zöpfe vieler Philosophiehistoriker abgeschnitten werden müssen. Allerdings wäre gerade deshalb weniger Metaphernsucht und mehr Präzision nötig gewesen. Manche schöne Pointe lässt sich Eilenberger zudem entgehen. So wäre es klüger gewesen, statt sich beim Verhältnis Cassirer/Heidegger auf die wohlbekannten, 1981 erschienenen Erinnerungen von Cassirers Ehefrau Toni zu verlassen, Cassirer selbst mit seinen weitaus treffenderen Einsichten aus dieser Zeit zu Wort kommen zu lassen: "Heideggers Stil ist nicht dunkel aus einem Mangel heraus – geschweige, weil er die Dunkelheit sucht; dieser Stil ist vielmehr der Mensch – er trägt die Farbe seines Temperaments."

Was also ist der Ertrag dieses leicht lesbaren, dramaturgisch klug gebauten, zugleich aber oft allzu flott und selbstgewiss formulierten Buches? Zunächst einmal ist es eine populäre, ebenso lesens- wie bedenkenswerte Herausforderung für die akademische Philosophiegeschichte hierzulande. Jede künftige intellektuelle Gesamtschau dieser Epoche kann dann vielleicht auch wieder an die kühlen Worte des Philosophen Helmuth Plessner erinnern, der 1962 als siebzigjähriger, zurückblickender Zeitzeuge davor warnte, den "Legenden von den zwanziger Jahren", also deren vermeintlicher "einzigartiger Produktivität" und der "unvergleichlichen Fülle an Talent und Wagemut", erneut aufzusitzen. Ebenso wusste aber Plessner: Wer über Weimar schreibt, schreibt immer auch über seine eigene Gegenwart.

Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer
Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2018; 400 S., 25,–, als E-Book 19,99 €