64 – das ist für traditionell geprägte Japaner das letzte Jahr der Shōwa-Zeit. Dieses Jahr dauerte nur eine Woche, es endete am 7. Januar 1989 mit dem Tod Kaiser Hirohitos im 64. Jahr seiner Regierungszeit. 64 ist auch der Titel eines Kriminalromans von Hideo Yokoyama, der in Japan von Millionen verschlungen wurde. Wer ihn nicht gelesen hat, ist ärmer dran. Gäbe es einen Nobelpreis für Kriminalliteratur, 64 hätte ihn verdient.

In den beiden Ziffern des Titels sind die gewaltigen Konflikte des Romans wie in einem Brennspiegel fokussiert. Hier Tradition, Ehre, Gesichtswahrung, Bürokratie und Hierarchie, dort Wahrheitssuche, Aufklärung, Empathie, Mitleid und Solidarität: Werte und Muster im Umbruch. Alles wirkt und tobt in einem Mann. Mikami ist Pressedirektor des Polizeipräsidiums der Präfektur D irgendwo in der Mitte Japans. In der Mitte, zwischen den Stühlen auch er. Eigentlich fühlt Mikami sich den Ermittlern der Kriminalabteilung zugehörig, für die er lange gearbeitet hat. Als Pressedirektor gehört er nun zur feindlichen, nach bürokratischen Regeln funktionierenden Verwaltungsabteilung. Und zudem ist er der Öffentlichkeit verpflichtet, vertreten durch ein arrogantes und verwöhntes Pressekorps, das er bändigen muss.

Im Januar 1989, als Hirohito starb und damit die Shōwa-Zeit endete, wurde die siebenjährige Shoko entführt und trotz Lösegeldzahlung ermordet. Die größte Pleite der japanischen Polizei. Dieser Fall "Shōwa 64" ist zum Zeitpunkt der Handlung seit dreizehn Jahren nicht aufgeklärt, die Verjährung steht an. Jetzt, im Dezember 2002, will der Generalinspekteur höchstpersönlich aus Tokio kommen, um mit dem Vater von Shoko publikumswirksam zu trauern. Und intern aufzuräumen. Weshalb Mikami im Zentrum eines Taifuns steht, umtobt von Abwehrkämpfen der beiden Polizeiabteilungen. Als wäre dies nicht genug, ist Mikamis pubertierende Tochter verschwunden. Sie mag die "Fratze", die sie vom Vater geerbt hat, in D nicht mehr zeigen. Alle Aktionen Mikamis sind mit der Patina der Scham behaftet: Wie soll ein Mann ein Gesicht wahren, vor dem die Tochter abgehauen ist? Wem seine Loyalität, letzte Orientierung im Tohuwabohu, gelten soll, wird auch immer fragwürdiger: Die Kriminalabteilung unterdrückt seit Shokos Tod das Protokoll eines Ermittlungsfehlers, die Verwaltungsabteilung will die Macht im Präsidium ergreifen, und Shokos trauernder Vater, dem Mikamas Solidarität gilt, bricht den Kontakt ab. 64 ist ein Roman, der auf seinen 760 Seiten alle Muster von Kriminalliteratur einer Revision unterzieht. Jeder Schritt, den Mikami tut, führt in Dunkel und ins Helle, am Ende dieser wahnwitzigen Woche im Dezember ist er ein reiferer Mann.

Hideo Yokoyama: 64
Aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl; Atrium, Hamburg 2018; 768 S., 28,– €