Kairo, ein typischer Nachmittag: Auf der Hochstraße "Brücke des 6. Oktober" stauen sich die Wagen kilometerweit. Das Gehupe der Fahrer zerrt an den Nerven, Smog reizt die Lunge und trübt die Sicht. Jeden Tag geht es so, stundenlang. "Die Welt ist voll", klagt der ägyptische Folkloresänger Ahmed Adaweyah in seinem Hit Sachme, "ich gehe hierhin – Stau, ich gehe dorthin – Stau, so viele Menschen". Ja, so viele Menschen: 41 Millionen Ägypter gab es 1977, als Sachme herauskam, 92 Millionen sind es heute – in 40 Jahren hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt. Bis 2050 könnte sie auf 150 Millionen wachsen.

Eine solche Bevölkerungsexplosion würde selbst ein politisch stabiles Land mit robustem Wirtschaftswachstum herausfordern. Ägypten ist darauf dramatisch schlecht vorbereitet. Vor "nationalem Selbstmord" warnt gar der Statistiker Magued Osman. Der 66-Jährige saß früher dem Nationalen Bevölkerungsrat vor, der die demografische Entwicklung beobachtet und die Regierung berät. Heute lehrt er Statistik an der Cairo University und leitet die Meinungsforschungsfirma Baseera. Osman fürchtet um die natürlichen Ressourcen des Landes: Schon jetzt importiert Ägypten, einst Kornkammer des Römischen Reiches, mehr Weizen als jedes andere Land, Städte verdrängen Äcker, Wasser wird knapp. Am meisten Sorgen bereitet ihm jedoch, dass das Wirtschaftswachstum mit der demografischen Entwicklung nicht Schritt hält – mit Folgen wie Massenarbeitslosigkeit, sinkender Lebensqualität, sozialen Spannungen, Radikalisierung.

Nächste Woche finden in Ägypten Präsidentschaftswahlen statt. Sie sind eine Farce: Das Regime unter Amtsinhaber Abdel Fattah al-Sissi hat alle ernst zu nehmenden Rivalen aus dem Rennen gedrängt, der einzige verbliebene Gegenkandidat unterstützte bis vor Kurzem selbst Al-Sissi. Auf unzähligen Plakaten verspricht Al-Sissi, Ägypten sicherer, moderner, wirtschaftlich erfolgreicher und wohlhabender zu machen. Tatsächlich lobte der Internationale Währungsfonds seine Regierung kürzlich für wachstumsfördernde Reformen. Doch jeder kleine Fortschritt droht vom Effekt des Bevölkerungswachstums neutralisiert zu werden. Präsident Al-Sissi nennt das Bevölkerungswachstum gar eine "Bedrohung für nationale Entwicklung" – ebenso gefährlich wie Terrorismus.

Das Bildungssystem ist schlecht, jeder dritte Schulabgänger findet keine Stelle

Der Zusammenhang von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum ist vielschichtig und seit je umstritten. Jüngere Studien legen nahe: Ob eine wachsende Bevölkerung eine Volkswirtschaft belebt oder belastet, hängt von diversen Rahmenbedingungen ab. Die niedrige Geburtenrate in hoch entwickelten Industriestaaten wie Japan und Deutschland gilt als wachstumshemmend, weil Unternehmen Arbeitskräfte fehlen. In ärmeren Ländern kann eine große Zahl junger Menschen die Wirtschaft beleben – vorausgesetzt, sie sind gut ausgebildet.

"Das Problem in Ägypten ist, dass seit den fünfziger Jahren nicht genug in Bildung investiert wird", sagt Ghada Barsoum, die an der American University of Cairo zu Demografie und Arbeitsmarkt forscht. "In einer globalen Wirtschaft können unsere Arbeitskräfte nicht konkurrieren." In Vergleichsstudien landen Ägyptens Schulen stets auf den hintersten Plätzen. Steigende Kinderzahlen belasten das schwache Bildungssystem zusätzlich: 44 Schüler sitzen in einer durchschnittlichen Grundschulklasse, 39 sind es an weiterführenden Schulen.

Besuch an einer öffentlichen Schule in Nasr City, einem dicht bebauten Distrikt in Kairos Osten. Die Schule ist ein schmutzig brauner Betonklotz, auf dem engen, betonierten Schulhof spielen ein paar Jungen Fußball. Besucher werden nicht in die Klassenräume vorgelassen, doch die Jungen geben Auskunft: 46 Schüler säßen in seiner Klasse, erzählt der 15-jährige Mahmud, es gehe laut und chaotisch zu, wer wolle, könne zu Hause bleiben. "Den Lehrern ist das egal", sagt er und grinst vergnügt. Dann erzählt ein Vater von Lehrern, die während der Schulstunde Zeitung lesen oder erst gar nicht erscheinen. Ein Bericht der Unesco kennt die Ursachen: Die Gehälter von Lehrern seien so niedrig, dass viele sich über private Nachhilfestunden finanzierten und ihre Pflicht vernachlässigten. Wer es sich auch nur irgendwie leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule.

Die Mehrheit der Ägypter kann das nicht. Schon heute findet jeder dritte junge Ägypter keine Stelle. 40 Prozent der Ägypter sind jünger als 18 Jahre und werden erst in den nächsten Jahren auf Jobsuche gehen. Ihr Frust könnte sich in neuen Aufständen entladen. Schon während der Revolte 2011 skandierten die Demonstranten: "Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit" – in dieser Reihenfolge.

Die Regierung wirbt für kleinere Familien, doch viele Eltern sind schwer zu überzeugen

Neue Unruhen will die Regierung um jeden Preis vermeiden. Unterstützt von Krediten des Internationalen Währungsfonds, reformiert sie zum einen die Wirtschaft: Sie hat den Wechselkurs des ägyptischen Pfunds freigegeben, nachdem es lange an den Dollar gekoppelt war; prompt verlor die Währung an Wert, das soll die Exporte beflügeln. Die Regierung privatisiert Staatsfirmen, kürzt Subventionen. Zum anderen wirbt sie für kleinere Familien. Im Sommer haben die Ministerien für soziale Solidarität und Gesundheit eine TV-Kampagne unter dem Motto Itneen kifaya gestartet, "Zwei (Kinder) sind genug". 6.000 Kliniken für Familienplanung bieten kostenlose Untersuchungen und stark subventionierte Verhütungsmittel an.