Es war die frischgebackene Leipziger Buchpreisträgerin Esther Kinsky, die im störrischen Interview mit 3sat ein paar so kluge Sätze über die Peripherie und das Zentrum und die Genauigkeit des Blicks formulierte, dass die Reporterin tags darauf wie auf Wolken ins Leipziger Gewandhaus glitt, in der Gewissheit, für das, was dort zu erwarten war, eine intellektuelle Gewährsfrau gewonnen zu haben. Wobei das Gleiten auch dem Spätwintereinbruch in Sachsen geschuldet sein mochte, dem knöcheltiefen Schnee auf dem Augustusplatz vor dem Konzert, dem kniehohen danach. Sie halte es lieber mit der Peripherie als mit dem Zentrum, hatte Kinsky gesagt, gebe es im Zentrum doch eine Dynamik, die jedes Hinschauen erschwere, während man von den Rändern aus mehr sehe und seine Rückschlüsse ziehen könne, über das Zentrum zum Beispiel.

Andris Nelsons, seit vier Wochen als 21. Leipziger Gewandhauskapellmeister im Amt (und damit Nachfolger von Felix Mendelssohn Bartholdy, Wilhelm Furtwängler und Kurt Masur), ist fest im Zentrum verankert, in sämtlichen Herzkammern der Musik und des Musikbetriebs. Die Peripherie – seine Heimatstadt Riga, wo er 1978 geboren wurde, die lettische Sprache, all die kleinen und kleineren Orchester, die er auf seiner Ochsentour durch die Provinz dirigiert hat – musste er dafür hinter sich lassen, und oft hat er das gern getan. Genialische Interpreten wie er leiden immer darunter, dass die Musik in ihren Köpfen und Körpern viel schöner spielt als auf den meisten Podien, und größere, namhaftere Orchester bieten nun einmal höher qualifizierte Musiker und Solisten, zudem bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld.

Auf das Opernhaus in Riga, dessen Chefdirigent er mit 24 wurde, folgte also die Nordwestdeutsche Philharmonie Herford, auf Herford das City of Birmingham Symphony Orchestra, auf Birmingham das Boston Symphony Orchestra, und zu Boston gesellt sich nun das Leipziger Gewandhausorchester. Und dies sind nur die festen Positionen des 39-jährigen ausgebildeten Sängers und Trompeters, Gastverträge in München, Wien, New York, Salzburg und Luzern strickten und stricken sich wie selbstverständlich dazwischen. Nelsons gehörte zu den Kandidaten für die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern, in Bayreuth sollte er 2020 den neuen Ring dirigieren, und an Londons Königlichem Opernhaus wird auch demnächst eine Stelle frei.

Allen Erfolgen zum Trotz drängt sich die Frage auf, welcher Preis dafür zu zahlen ist und ob der Verlust des Peripheren nicht auch einen Verlust an Intuition und Inspiration bedeutet. Als Dirigent ist Nelsons ein Naturereignis, niemand seit Carlos Kleiber dreht gefühlvollere Pultpirouetten, mal mit verzücktem Blick, mal mit gen Himmel gereckten Fäusten, wie um das Metaphysische mit Macht auf die Erde zu zwingen. Schon der Fünfjährige wusste, dass er Musik machen wollte; und dass ihm die Drachentöterhaut des sich selbst härtenden Profis nie recht gepasst hat, erklärte man sich mit seiner Empfindsamkeit. Nelsons’ Qualität liegt sozusagen im Reinen, Unverdorbenen, und daran hat sich auch nichts geändert. Wer die erste Beethoven-Pastorale seines Lebens in Paderborn dirigiert, hebt so schnell nicht ab; und wer unter Flugangst leidet (wie er), wird diese durch keine noch so emsige transatlantische Vielfliegerei jemals ganz besiegen.

Vielleicht ist es sein Seelenrucksack, der sich schützend zwischen ihn und die üblichen Durchlauferhitzerstrategien des Musikbusiness schiebt: Dass er noch hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen ist, in der Enklave des Baltikums, und in eisigen Nachtzügen zum Dirigierunterricht nach St. Petersburg fuhr, viele Stunden hin, viele zurück, sind gewiss prägende Erfahrungen; auch dass ein politischer Systemwechsel sein junges Leben durchschnitt. Bei der Singenden Revolution war Andris Nelsons knapp zwölf Jahre alt und sang aus vollem Herzen mit, ein kieksender Knabensopran.

Anlässlich der Festwochen zu seiner Amtseinführung haben die Leipziger sein Konterfei auf die Glasfassade des Gewandhauses projiziert, offene Arme, seliger Blick, den Taktstock lüftelnd erhoben. Ein bisschen sieht das so aus, als habe der 21. Gewandhauskapellmeister nicht nur den, Pardon, unansehnlichen Klotz eines Siebziger-Jahre-DDR-Konzerthauses zu schultern, sondern gleich das Heil der ganzen Musik. Nelsons – den alle nur "Andris" nennen, weil er so unfassbar lieb und freundlich ist, zu jedem, und so unfassbar viel mitmacht, vom Geburtstagstortenanschneiden im Foyer (275 Jahre Gewandhausorchester) bis zum obligatorischen Stadionbesuch beim RB Leipzig – als Christophorus-Gestalt?

Er fühle sich neuerdings eher wie ein Terrorist, scherzt Nelsons und fährt mit den Fingern vielsagend durch seinen Fünftagebart. Vielleicht würde er bisweilen gerne eine konspirative, unerkannte Existenz führen, er, der, wenn dieser Artikel erscheint, längst wieder in Boston ist und Schostakowitsch dirigiert, nach anderthalb Tagen "Familienpuffer" zwischen der Alten und der Neuen Welt. Das letzte von zehn Leipziger Konzerten ist jubelumtost zu Ende gegangen, wir treffen uns im Gewandhauskapellmeisterzimmer. Arthur Nikisch und Bruno Walter, zwei von Nelsons’ Vorgängern, hängen rechts an der Wand, links das Klavier ziert eine Mendelssohn-Zeichnung, und auf dem Couchtisch blitzen fein säuberlich drei Trompeten. Wie immer riecht es gut, Nelsons hat eine Leidenschaft für Parfums. Auch mit T-Shirt und modischen Plateauschuhen sieht er müde aus, wen wundert das.

Bei Mozarts später "g-Moll-Sinfonie" wird rhetorisch abgespeckt

Als er die Reporterin begrüßt, bildet sie sich einen kurzen Moment lang ein, die Umarmung habe etwas Nostalgisches. Man kennt sich seit über zehn Jahren, ist durch britische Flughäfen gehastet, hat in amerikanischen Hotel-Lobbys gefroren, fränkische Pizza gegessen und SMS ausgetauscht, gerne solche, die nur aus Emojis bestehen. Nie wird sie vergessen, wie sie ihn 2007 in Riga auf der Premierenfeier einer neuen Walküre- Produktion traf, aus Lautsprechern schepperte Richard Clayderman, und weil da schon völlig klar war, dass dieser Junge eine Weltkarriere vor sich hatte, versuchte sie etwas zu fragen, zum Ring, zu Wagner, und er strahlte bloß stumm und zuckte mit den Achseln: Er sei "full of music", mehr nicht. Ein bisschen ist das bis heute so.

Zurück nach Leipzig. Zehn Konzerte in drei Wochen mit fünf Programmen, darunter drei sehr unterschiedliche Uraufführungen (Schleiermacher, Widmann, Larcher) und heikle Kernrepertoirestücke wie Mozarts g-Moll Sinfonie oder Mendelssohns Schottische oder Bruckners Siebte auch: Das können nicht alles musikalische Sternstunden sein und waren es auch nicht. Zum einen befinden sich Dirigent und Orchester noch in der Kennenlernphase, zum anderen verlangt ein solcher Antritts-Marathon von allen Beteiligten eine irrwitzige Konzentration und Kondition. Bei Mozart etwa erfreuten zwar das luftige Klanggewand, das Nelsons wählte, der rhetorische Wille der Leipziger zum Abspecken und die filigranen, traumwandlerisch natürlichen Phrasierungen – allein, von der Schwermut, die dieser Partitur auch im Nacken sitzt, vom Aufplatzen der klassischen Form war nicht viel zu hören. Als pflege der Lette ein eher altmodisches Mozart-Bild, wie man es bei Hermann Abert findet, dem zufolge der Meister nie etwas in Töne setzen würde, das diese Töne nicht fassen könnten.