Besondere Anlässe erfordern besondere Drinks. Stellen Sie sich vor, Sie leben im Paris des Jahres 1789. Es ist ein historischer Sommer. Erst vor wenigen Wochen wurde die Bastille gestürmt, noch immer geht es wild zu auf den Straßen, und nun gipfeln diese überaus stürmischen Zeiten in der feierlichen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in der Nationalversammlung gleich um die Ecke.

Sebastian Kempkens ist Redakteur der ZEIT und testet die Bars der Stadt. © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Das muss gefeiert werden. Nur, womit stoßen Sie an?

Gut, dass Sie im Hamburg des Jahres 2018 leben, denn 229 Jahre später hat man in Ihrer Stadt in einer Bar eine angemessene Antwort gefunden: ein Drink, gemixt aus venezolanischem Rum, frischem Limettensaft, hausgemachtem Honigsirup. Und – natürlich – Champagner. Vive la révolution! Et santé!

Chambre Basse heißt diese Bar, sie hat gerade auf dem Schulterblatt eröffnet und liegt tatsächlich im Untergrund, dort, wo sich bis vor Kurzem der Hip-Hop-Club "Kleiner Donner" befand. Nachdem es Beschwerden über die Lautstärke gegeben hatte, entschieden sich die Betreiber für einen Neuanfang. Seit Anfang Februar wird mit neuem Konzept serviert: Die Drinks sind nach Jahreszahlen der internationalen Menschenrechtsgeschichte benannt, von 539 vor Christus bis ins Jahr 1948. Der Champagner-Drink namens 1789, das gleich vorweg, kommt für eine Revolution recht fruchtig daher, ist aber durchaus zu empfehlen.

Es ist ein verkopftes Kartenkonzept, über das man sich leicht lustig machen kann und das den Mitarbeitern beträchtliche Mühe bereitet, zu jeder Jahreszahl die richtige Geschichte zu erzählen ("Das war was in Ungarn ...", "Moment, ich glaube, es ging um eine russische Aktivistin ..."). Aber die Drinks machen den ihnen zugeordneten historischen Ereignissen immerhin alle Ehre. Der "Kleine Donner", könnte man sagen, ist erwachsen geworden.

Wo am Eingang früher die Türsteher betrunkene Teenager nach ihren Ausweisen fragten, wartet jetzt eine freundliche Frau mit Prinz-Heinrich-Mütze. "Darf ich dir die Jacke abnehmen?" Sie führt in einen fast vollständig schwarzen Raum, an eine über mehrere Ecken verlaufende Bar. Lässig schick ist es hier. An der Bar steht Carlos, ein warmherziger Cocktail-Connaisseur mit dichtem Rauschebart. "Müde?", fragt Carlos. "Dann vielleicht einen Espresso Martini?" Es kommt ein Drink, der auf der Karte 1791 heißt, er ist vitalisierend und nicht zu süß, obenauf trägt er feinen Schaum, darin drei Kaffeebohnen. Guter Einstieg.

Man merkt, dass hier keine Anfänger arbeiten. Die Crew besteht zu Teilen aus der alten Donner-Belegschaft, hinzugekommen sind ehemalige Golem-Mitarbeiter, die die hausgemachte Golem-Mate mitgebracht haben, im Chambre Basse ist sie benannt nach Hubertine Auclert, einer französischen Frauenrechtlerin. Überhaupt gibt es eine ganze Reihe selbst gemachter Limonaden, dazu eigens entworfene Mischungen verschiedener Alkoholika.

Das führt zu erstaunlichen Ergebnissen wie etwa dem 539 av. J.-C., dessen Basis der Blend de la Maison #1 ist, eine Mixtur aus Dry Whiskey und Bourbon. Dazu ein Portwein, frischer Zitronensaft, Sirup und Eiweiß. Heraus kommt ein Getränk, das schmeckt wie ein weicherer und edlerer Whiskey Sour.

Wem der harte Alkohol zu viel ist, muss nicht gleich gehen. Neben verschiedenen Schaumweinen bietet die Karte auch ein einfaches Pils. Die Betreiber sind eng verbunden mit den Machern des benachbarten Haus 73, über die sie ein wöchentlich wechselndes Craft-Beer beziehen.

Es gibt an diesem Ort also nicht viel auszusetzen. Außer die albernen Handtrockner, in die man als Toilettengast unwürdig seine Hände stecken muss, als ließe man sie röntgen. Diese Geräte greifen aber derart um sich, dass wohl nur eine kleine Revolution sie wieder aus der Moderne vertreiben könnte.