Heiliger Schmerz

Von meiner Beschneidungsfeier existiert noch eine alte VHS-Kassette. Darauf bin ich etwas erschöpft auf der Schulter meines Vaters zu sehen. Als der Kameramann heranzoomt, entscheide ich mich, mit damals knapp zwei Jahren die größte Diva auf der Party zu sein: Ich kommandiere die Gäste herum, verlange nach einem Getränk und Süßigkeiten, winke schließlich meine Tante heran. Ich wollte mit ihr tanzen.

Heute, 28 Jahre danach, kann ich sagen: Mir geht es gut. Danke für die vielen Nachfragen und Debatten rund um meinen Penis.

Ich kann zunächst nur für mich selbst sprechen, wenn ich feststelle: Die männliche Beschneidung ist völlig okay und sollte erlaubt bleiben.

Statistiken können dagegen auch für größere Gruppen Aussagen treffen. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation und diverse Studien besagen, dass weltweit bis zu 40 Prozent der Männer aus kulturell-religiösen oder gesundheitlichen Gründen oder aufgrund einer persönlichen Entscheidung beschnitten sind. Eine wissenschaftliche Studie, die im Journal of Sexual Medicine veröffentlicht wurde, bestätigt meine Erfahrung, dass die Funktionalität des Penis durch die Beschneidung nicht beeinträchtigt wird. Eine andere repräsentative Studie besagt, dass 98,4 Prozent der beschnittenen Männer zufrieden mit ihrem Sexleben sind und keine negativen Erfahrungen, weder körperlicher noch psychischer Art, mit dem Eingriff verbinden. Und dann gibt es noch eine Metastudie der School of Medical Sciences der University of Sydney. Darin werden 2.675 medizinische Forschungsprojekte zu diesem Thema untersucht. Ergebnis: Die männliche Beschneidung ist aus medizinischer und psychologischer Sicht unbedenklich. Sie kann also erlaubt bleiben.

Wenn Jochen Bittner vor diesem Hintergrund die körperliche Unversehrtheit des Kindes bemüht, ist das eine unzureichende Argumentation. Tatsächlich ist die Beschneidung des Penis ein Eingriff in den Körper, eine unsachgemäße Ausführung darf es dabei natürlich nicht geben. Aber die Beschneidung mit dem Anbringen einer Brandmarke oder der Amputation eines funktionierenden Organs gleichzusetzen ist unverhältnismäßig.

Die Liebe religiöser Eltern zu ihren Kindern und klare Gesetze sorgen längst dafür, dass es den Jungen während und nach der Beschneidung gut geht. In den heiligen Texten der Juden und der Muslime wird das Kindeswohl betont. Erwachsene Männer (vor allem in angelsächsischen Ländern) und die meisten muslimischen Eltern lassen den Eingriff im Krankenhaus durchführen. Juden halten strikte hygienische und medizinische Standards ein – seit Tausenden von Jahren.

Viele Beschneidungsgegner bemühen ein weiteres Argument. "Dann kann man die Beschneidung von Mädchen gleich auch zulassen", heißt es dann. Dabei geht aus Studien und unzähligen Erfahrungsberichten klar hervor, dass es so etwas wie "Beschneidung von Mädchen" nicht gibt. In dieser Hinsicht passt nur ein Wort: Verstümmelung. Es existiert weder im Islam noch im Judentum ein religiöser Text, der diese brutale Praxis rechtfertigt. Viele Frauenrechtsorganisationen arbeiten in mehreren Ländern entlang des Nils und in Westafrika seit Jahrzehnten daran, die Verstümmelung von Mädchen zu stoppen und muslimische, christliche, jüdische und anderweitig geprägte Communitys von dieser Straftat an den eigenen Töchtern abzuhalten. Die Beschneidung von Jungen damit zu verknüpfen ist schlicht zynisch.

Dabei geht es hier um sehr viel. Der Streit allein ist schon existenziell für einige Minderheiten in Europa. Zum Beispiel für die rund 1.000 Muslime und 250 Juden in Island.

Ohne Vorhaut kein Platz in der Gesellschaft

In der aktuellen Debatte um ein mögliches Verbot von Beschneidungen dort und auch in Dänemark wird oft erwähnt, dass in Skandinavien eine liberale Tradition herrsche. Sprich: Wenn selbst dort ein Verbot der Beschneidung gefordert wird, dann muss dahinter Sinn stecken.

Doch es lohnt sich, diesen Liberalismus und die mit ihm vermeintlich mitgelieferte Rationalität zu hinterfragen und zu diskutieren: Wer kann so ein Verbot aussprechen? Und wen würde es überhaupt treffen?

"Je mehr man darüber (die Beschneidung im Judentum, Anm. d. Red.) erfährt, desto lächerlicher erscheint das Ganze (...). Wir sind bereit, das alles zu überwinden", sagt Lena Nyhus. Sie ist Vorsitzende von Intact Denmark, einer Initiative, die in Dänemark die Beschneidung von Jungen verbieten lassen möchte.

So ähnlich hörten sich auch Urteile über die Rückständigkeit der Juden während der Aufklärung an. Für Kant ist eine Religion, die ihre männlichen Mitglieder beschneiden lässt, schlicht gar keine Religion. Das Beschneidungsritual, schrieben später die Humboldt-Brüder, sorge lediglich dafür, dass sich die Juden unnötig vom Rest der Gesellschaft separierten. Auf diese Weise wurden Juden im 18. und 19. Jahrhundert selbst für Antisemitismus verantwortlich gemacht.

Längst ist die deutsche Kontroverse rund um jüdische und muslimische Penisse nach 2012 sozialwissenschaftlich erforscht worden. So kam die Islamwissenschaftlerin Schirin Amir-Moazami von der FU Berlin in ihrer Diskursanalyse zum Schluss, dass die deutsche Beschneidungsdebatte in erster Linie eine Säkularisierung der Körper von Minderheiten bezwecke. Das Kindeswohl werde dabei als Argument vorgeschoben. Im liberal-säkularen Staat sollten alle gleichgemacht werden, um dazugehören zu können. Ohne Vorhaut kein Platz in der Gesellschaft.

Mit Blick auf die deutsche und europäische Geschichte muss für jede Gesetzesänderung, die auch nur im Entferntesten die Existenz von Minderheiten betrifft, die Frage gestellt werden, was sie anrichten könnte. Bei der Beschneidungsdebatte stehen selbstverständlich die Juden im Mittelpunkt. Jüdische Freunde von mir sagen: Zwei Juden, drei Meinungen. Die Beschneidung von Jungen ist aber eine der wenigen religiösen Praktiken, auf die sich sowohl orthodoxe als auch liberale Juden verständigen können. Das Ritual ist für die Betroffenen keine verzichtbare Kleinigkeit.

In dieser Hinsicht stellt sich historisch bedingt auf europäischem Boden vor allem eine Frage: Würde eine bestimmte Maßnahme jüdisches Leben auch nur im Ansatz einschränken? Falls die Antwort darauf Ja – oder sogar nur Jein – lautet, ist es keine gute Maßnahme. Das gilt auch für eine mögliche Einschränkung oder gar ein Verbot der Beschneidung von Jungen. Andere Minderheiten hängen an diesem Imperativ gewissermaßen dran – deren Rechte können eben auch nicht beschnitten werden.

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