In der aktuellen Debatte um ein mögliches Verbot von Beschneidungen dort und auch in Dänemark wird oft erwähnt, dass in Skandinavien eine liberale Tradition herrsche. Sprich: Wenn selbst dort ein Verbot der Beschneidung gefordert wird, dann muss dahinter Sinn stecken.

Doch es lohnt sich, diesen Liberalismus und die mit ihm vermeintlich mitgelieferte Rationalität zu hinterfragen und zu diskutieren: Wer kann so ein Verbot aussprechen? Und wen würde es überhaupt treffen?

"Je mehr man darüber (die Beschneidung im Judentum, Anm. d. Red.) erfährt, desto lächerlicher erscheint das Ganze (...). Wir sind bereit, das alles zu überwinden", sagt Lena Nyhus. Sie ist Vorsitzende von Intact Denmark, einer Initiative, die in Dänemark die Beschneidung von Jungen verbieten lassen möchte.

So ähnlich hörten sich auch Urteile über die Rückständigkeit der Juden während der Aufklärung an. Für Kant ist eine Religion, die ihre männlichen Mitglieder beschneiden lässt, schlicht gar keine Religion. Das Beschneidungsritual, schrieben später die Humboldt-Brüder, sorge lediglich dafür, dass sich die Juden unnötig vom Rest der Gesellschaft separierten. Auf diese Weise wurden Juden im 18. und 19. Jahrhundert selbst für Antisemitismus verantwortlich gemacht.

Längst ist die deutsche Kontroverse rund um jüdische und muslimische Penisse nach 2012 sozialwissenschaftlich erforscht worden. So kam die Islamwissenschaftlerin Schirin Amir-Moazami von der FU Berlin in ihrer Diskursanalyse zum Schluss, dass die deutsche Beschneidungsdebatte in erster Linie eine Säkularisierung der Körper von Minderheiten bezwecke. Das Kindeswohl werde dabei als Argument vorgeschoben. Im liberal-säkularen Staat sollten alle gleichgemacht werden, um dazugehören zu können. Ohne Vorhaut kein Platz in der Gesellschaft.

Mit Blick auf die deutsche und europäische Geschichte muss für jede Gesetzesänderung, die auch nur im Entferntesten die Existenz von Minderheiten betrifft, die Frage gestellt werden, was sie anrichten könnte. Bei der Beschneidungsdebatte stehen selbstverständlich die Juden im Mittelpunkt. Jüdische Freunde von mir sagen: Zwei Juden, drei Meinungen. Die Beschneidung von Jungen ist aber eine der wenigen religiösen Praktiken, auf die sich sowohl orthodoxe als auch liberale Juden verständigen können. Das Ritual ist für die Betroffenen keine verzichtbare Kleinigkeit.

In dieser Hinsicht stellt sich historisch bedingt auf europäischem Boden vor allem eine Frage: Würde eine bestimmte Maßnahme jüdisches Leben auch nur im Ansatz einschränken? Falls die Antwort darauf Ja – oder sogar nur Jein – lautet, ist es keine gute Maßnahme. Das gilt auch für eine mögliche Einschränkung oder gar ein Verbot der Beschneidung von Jungen. Andere Minderheiten hängen an diesem Imperativ gewissermaßen dran – deren Rechte können eben auch nicht beschnitten werden.

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