DIE ZEIT: Hamburg gilt als Medienstadt – üblicherweise sind damit erst mal die großen Verlage gemeint. Bei denen herrscht nach wie vor eine gewisse Ratlosigkeit, wie man mit dem digitalen Wandel umgehen soll. Stecken wir in einer Medienkrise?

Carsten Brosda: Da bin ich mir nicht so sicher. In den Zwanzigern hat der Medienwissenschaftler Karl Bücher Zeitungen definiert als Anzeigenraum, der durch die redaktionelle Gestaltung zur Ware wird. Diese Zeiten sind vorbei, seitdem das Internet viel vom Anzeigengeschäft übernommen hat. Ich brauche heute keine Redaktion mehr, um gezielt Menschen für ein Produkt zu interessieren. Wir müssen es also entweder schaffen, Journalismus als eigenständiges Produkt zu verkaufen, oder zusätzliche Dienstleistungen um die journalistischen Titel herumbauen, um die wegfallenden Anzeigenerlöse zu kompensieren.

ZEIT: Also haben wir keine Krise des Journalismus?

Brosda: Wir haben jedenfalls keine Krise, was die Wege angeht, journalistisch zu berichten. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, das Publikum zu erreichen. Wahrscheinlich haben wir Reichweiten, die so hoch sind, wie sie es niemals waren – ich kann nur nicht mehr so leicht Geld damit verdienen.

ZEIT: Wenn Sie eine Lösung hätten, müssten Sie wohl nicht den anstrengenden Job des Kultursenators machen.

Brosda: Ach, den mach ich ja gern. Es gibt auch nicht die eine Lösung. Das Versprechen journalistischer Angebote ist in der Kopfzeile der New York Times zusammengefasst: "All the News That’s Fit to Print". Sprich: Wenn du mein Produkt liest, weißt du alles, was du wissen musst. Diesen Anspruch auf allgemeine Orientierung und Vollständigkeit zu erheben unterscheidet journalistische Produkte von dem, was im Netz sonst so zu finden ist. Suchmaschinen und soziale Netzwerke liefern ein Angebot nach individuellen Präferenzen, eine Redaktion sucht aus, was von allgemeinem Interesse sein sollte – das brauchen wir auch, wenn wir demokratiefähig bleiben wollen. Und wenn die Leute im Internet Geld ausgeben, um sich mit einem Laserschwert durch virtuelle Umgebungen zu kämpfen, dann sollte es eigentlich auch gelingen, Journalismus zu verkaufen. Im Gaming-Bereich gibt es schon lauter interessante Modelle, wie man so einfach bezahlen kann, dass alle Hürden abgebaut sind.

ZEIT: Wir fänden einen Tipp von einem Mann, der seine Doktorarbeit über diskursiven Journalismus geschrieben hat, schon interessant.

Brosda: Da müssen Sie selbst ein bisschen probieren ... Aber neben den technischen Möglichkeiten müssen Journalistinnen und Journalisten sich auch auf inhaltliche Veränderungen einstellen. Dazu gehört zum Beispiel, dass Journalismus heute nicht mehr gegen Kritik immun ist. Früher waren Artikel relativ unangreifbar, heute geht etwas online, und 30 Sekunden später schreibt der erste Leser einen Kommentar: Stimmt alles nicht, ist ganz anders. Journalismus muss akzeptieren, dass er sich als Teil einer Konversation begreift, um angenommen zu werden, aber nicht als irgendein beliebiger Teil, sondern als einer, der sich um das allgemeine Interesse kümmert.

ZEIT: Die Handelskammer hat vor ein paar Jahren Unternehmen gefragt, was die Hemmnisse seien, sich auf den digitalen Wandel einzustellen. Ein Drittel der befragten Unternehmen sahen "unzureichende Kompetenzen der Mitarbeiter" als Problem.

Brosda: Das ist manchmal auch hausgemacht. Die Medienbranche hat akademische Ausbildungsformate lange abgelehnt. Aber ehrlich gesagt funktioniert die Idee des Volontariats – dass die zukünftigen Journalisten irgendwas studieren und im Anschluss von Redakteuren lernen, was die schon können – heute nicht mehr unbedingt. In einer hochdynamischen Branche, die ganz viel Innovationswissen braucht, reicht das nicht.

ZEIT: Weil wir den Leuten nur den alten Stiefel beibringen, wo neue Ansätze gefragt sind?

Brosda: Häufig schon, ja. In manchen Redaktionen ist es ja leider immer noch so, dass sich der junge Volontär um Social Media kümmern darf, weil er das eh privat schon macht, seit er 15 ist. Das ist keine strategische Herangehensweise. Vielmehr müssen wir sicherstellen, dass neue Mitarbeiter auch neues Wissen mit in die Redaktionen bringen. Die Berufsprofile, die man für den Umgang mit Medien heute braucht, entstehen immer häufiger auch in großen Konzernen. Hier sind die klassischen Medienhäuser gut beraten, genau hinzusehen.

ZEIT: An welchen Punkten können Sie als Kultur- und Medienpolitiker in Hamburg etwas verändern?

Brosda: Wir müssen dafür sorgen, dass wir vor Ort die Fachkräfte und die Milieus haben, mit denen man innovative Ideen entwickeln kann. Deshalb gibt es an der Uni einen Journalistik-Studiengang, an der Hamburg Media School das Fach Digital Journalism und an der HAW den Master Digitale Kommunikation. Hinzu kommen noch viele weitere Angebote an privaten Hochschulen und Akademien. Außerdem helfen wir mit der Standortinitiative nextMedia.Hamburg gezielt, Inhalte und Technologiekompetenz zusammenzubringen. Dazu gehören auch Start-ups, die neue Mediengeschäftsmodelle entwickeln. Das machen wir gemeinsam mit den Medienunternehmen, weil die wissen, was man in den Redaktionen braucht. Und weil Hamburg ein Bundesland ist, können wir auch die Rahmenbedingungen über gesetzliche Regulierungen und Staatsverträge beeinflussen. Hamburg hat zum Beispiel den Vorsitz in einer Arbeitsgruppe der Rundfunkkommissionen, in der wir Regeln schaffen wollen, dass die Algorithmen der Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen nicht die Vielfalt bedrohen.