Die Kinder schliefen schon, als sie von einem Versprechen zu einer Belastung wurden.

Für eine Mutter, gut ausgebildet und gut verheiratet. Mit beiden Beinen mitten in einem Leben ohne Mangel. "Die Kinder sind schon toll", sagte die Mutter, "aber sie nehmen mir die Luft zum Atmen." Alles drehe sich um den Nachwuchs. Deshalb gehe sie jetzt eine Woche in ein Yoga-Retreat. "Ich will mich wieder spüren."

Für einen Vater, Teil einer Familiendynastie, erfolgreich genug, um eine Nanny zu beschäftigen. "Wir machen Pärchenurlaub", sagte der Vater. Zwei Wochen werde sich nur die Nanny um das Baby kümmern. "Wir sind so erschöpft, wir brauchen mal Zeit für uns."

Für einen Autor, der seine Elternschaft in einem Buch verarbeitete. "Ich schreibe, dass Elternschaft auch ätzend sein kann", sagte der Autor, "weil Kinder sonst immer nur als toll dargestellt werden." Das Buch war ein Bestseller.

Es herrscht ein neuer Ton im Reden über Kinder. Man findet es schick, über sie zu klagen. Über die Belastung, die sie bedeuten. Über den Einschnitt, den ihre Geburt darstellt. Über die Beschränkungen in den Jahren danach.

Dabei klagen nicht etwa Cafébesitzer, die Kinder per Verbotsschild fernhalten. Es klagen junge Eltern, die weder sozial noch psychisch auffällig sind. Manche sind sogar ausgewiesen kinderfreundlich. Wenn die Mutter nicht im Yoga-Retreat ist, führt sie ein Babyblog, der Vater freut sich auf Kind Nummer zwei, und der Autor hat drei Kinder.

Trotzdem taucht der Nachwuchs bei ihnen nur in "Ja, aber"-Sätzen auf. Ja, ich liebe mein Kind, aber es ist anstrengend. Sicher bin ich glücklich, aber meine Ruhe fehlt mir. Natürlich will ich das Kind nie mehr hergeben, aber mehr Schlaf wäre toll. Elternliebe mit Beipackzettel. Damit jeder weiß, was für Nebenwirkungen sie haben kann.

Das Online-Marktforschungsinstitut YouGov befragte im Jahr 2016 mehr als 1.200 Eltern nach ihren Gefühlen. Acht Prozent würden sich nicht noch mal für Kinder entscheiden, weitere elf Prozent zweifelten. Forscher des Rostocker Max-Planck-Instituts haben nachgewiesen, dass Kinder das Glück von jungen Eltern erheblich reduzieren. Die Geburt eines Kindes belastet ein Paar mehr als die Scheidung oder der Tod eines Partners.

Was ist passiert? Wann wurde aus dem Versprechen eine Belastung?

Eine Erklärung findet sich bei der israelischen Soziologin Orna Donath. Sie befragte 23 Frauen zwischen 25 und 75 Jahren, die zwei Gemeinsamkeiten hatten: Sie alle waren Mütter. Und sie alle bereuten es. Die Studie wurde 2015 zur Regretting-Motherhood-Debatte und sorgte für Aufruhr, vor allem in Deutschland. Feministische Autorinnen feierten sie als Befreiung und steuerten eigene Erfahrungen bei. Man fühle sich als Mutter wie in einem Käfig, fremdbestimmt.

Geschenkt, dass die Situation von Müttern in Israel anders ist. Geschenkt auch, dass die Frauen betonten, sie würden ihre Kinder lieben. Stattdessen fehlte in allen Medien nie die Information, dass die Regretting-Studie ein Tabubruch sei. Gern garniert mit dem Hinweis auf den deutschen Muttermythos, der von den Nationalsozialisten bis zur Rabenmutter reiche. Das Tabu wird bis heute weiter gebrochen, mit Büchern wie Die Mutterglück-Lüge oder Aufruhr in den mittleren Jahren.