Wenn die Sache mit dem Händereichen doch so einfach wäre! Ein halbes Jahr lang hat Emmanuel Macron darauf gewartet, dass in Berlin wieder regiert wird. Am vergangenen Freitag steht Angela Merkel, frisch vereidigt, endlich neben ihm im Élysée und sagt: nichts. Oder fast nichts. Jedenfalls vermeidet sie jedes Wort, das nach einer "Neubegründung" Europas klingen würde. Nicht weniger als eine solche hat Macron gefordert. Im September, kurz nach der Bundestagswahl, hatte er ein Füllhorn an Ideen ausgeschüttet, von der Gründung europäischer Universitäten bis zu einem gemeinsamen Verteidigungsbudget.

In Aachen haben sie ihn umgehend für den Karlspreis nominiert: So viel europäisches Feuer war lange nicht. In Berlin musste derweil erst einmal eine neue Regierung gebildet werden.

Die gibt es nun, an diesem Donnerstag reist Angela Merkel zum ersten EU-Gipfel ihrer vierten Amtszeit. Die Erwartungen sind groß, doch die Vorstellung, Deutschland müsse Frankreich nur die Hand reichen, um Europa wieder flottzumachen, hat sich als Illusion erwiesen. Denn längst nicht alles, was Macron im Sinn hat, gilt in Berlin als gute Idee. Und selbst wenn Deutschland und Frankreich sich verständigen, ziehen die anderen EU-Staaten nicht einfach mit.

Merkel und ihre Minister müssen in Europa drei Widersprüche auflösen. Sie müssen Macron bremsen, ohne ihn zu stoppen. Sie müssen auf Frankreich zugehen, ohne die anderen EU-Länder auszuschließen. Und sie müssen ihre Euro-Politik korrigieren, ohne die eigenen Grundsätze aufzugeben.

Wie schwer das wird, spürt niemand mehr als Olaf Scholz. Auf ihn, den neuen Finanzminister, richten sich die Hoffnungen all derer, die einen Neuanfang in Europa herbeisehnen. Acht Jahre lang hat die SPD darauf gewartet, endlich wieder das mächtigste aller Ministerien unter ihre Kontrolle zu bringen, und im europapolitischen Tagesgeschäft spielt der Finanzminister eine entscheidende Rolle. Acht Jahre lang hat man sich in Portugal, Italien, Griechenland und auch in Frankreich an Wolfgang Schäuble gerieben, der für die Länder Südeuropas vor allem eine Botschaft hatte: Sparen, sparen, sparen.

Scholz ist seit zehn Tagen im Amt, und zumindest an Tatendrang kann er es mit Macron aufnehmen. Der Sozialdemokrat hat die komplette Führungsspitze seines Ministeriums ausgetauscht und einen Investmentbanker zum Staatssekretär gemacht. Scholz war in Paris, sogar noch vor der Kanzlerin, und gleich darauf in Buenos Aires, bei der Tagung der Finanzminister und Notenbankchefs der führenden 20 Wirtschaftsnationen.

Dort hat Scholz Mario Draghi getroffen, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, und Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds. Er hat sich mit dem spanischen Finanzminister unterhalten und dem amerikanischen, seinen französischen Amtskollegen Bruno Le Maire hat Scholz sogar gleich zweimal gesehen. Und alle wollten sie von ihm wissen, wie er das denn so sehe mit den Deutschen und dem Geld. Anders formuliert: Wieviel Schäuble steckt in Scholz?

Denn auch wenn Macron mit seinen Vorschlägen weit ausgeholt hat, im Mittelpunkt steht die Euro-Zone. Die Wirtschafts- und Währungsunion ist für den Franzosen das "Herzstück eines integrierten Europa". Macron steht damit, trotz aller Erneuerungsrhetorik, in der Tradition seiner Vorgänger im Élysée. Schon Nicolas Sarkozy hatte vor Jahren ein eigenes Budget für die Euro-Zone und die Einsetzung eines europäischen Finanzministers vorgeschlagen, so wie es nun Macron tut. Doch anders als der Konservative Sarkozy oder der Sozialist François Hollande ist Macron in Vorleistung getreten. Seit seinem Amtsantritt vor nicht einmal einem Jahr hat er in Frankreich eine Vielzahl von Reformen ins Werk gesetzt. Auch wird Macron nicht müde zu betonen, dass er keineswegs nationale Schulden vergemeinschaften will – sein Ziel ist es, zusätzliches Geld zur Stabilisierung der Euro-Zone aufzuwenden.

Wie schwer es dennoch fällt, die alten Vorurteile zu zerstreuen, konnte man in der vergangenen Woche in Berlin beobachten. Da war Klaus Regling beim Wirtschaftsrat zu Gast, einer Versammlung von Unionsabgeordneten, die sich für Wirtschaft interessieren, was in diesem Fall bedeutet: Sie achten besonders argwöhnisch darauf, dass niemand mehr Geld ausgibt als unbedingt nötig. Regling gibt auch nicht gerne Geld aus, er hat vor vielen Jahren unter dem CSU-Politiker Theo Waigel im Finanzministerium gedient und steht der Union nahe. Er ist aber als Direktor des Euro-Rettungsschirms ESM in Europa dafür zuständig, Finanzkrisen zu bekämpfen, und hat deshalb ein paar Ideen mitgebracht, wie das gehen könnte. Regling könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass ein Europäischer Währungsfonds eingerichtet wird, der in einer Wirtschaftskrise Kredite für Staaten bereitstellt, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Das ist bislang nur in strengen Ausnahmefällen möglich.