DIE ZEIT: Herr Stämpfli, wir forderten auf den Schweiz-Seiten eine Quote auf Zeit. Sie haben sich über dieses Plädoyer zünftig geärgert. Warum liegen wir falsch?

Peter Stämpfli: Ich habe mich nicht über die Quote, sondern über den ganzen Artikel geärgert. Ihre Auslegeordnung war oberflächlich, und Ihre Argumente sind falsch.

ZEIT: Welche Argumente meinen Sie?

Stämpfli: Mich stört an der Debatte über Frauenquoten und Lohngleichheit, egal ob sie in der ZEIT oder in anderen Medien stattfindet, dass niemand differenziert: weder die Arbeitgeber noch die Arbeitnehmer noch die Gleichstellungs-Lobbyistinnen. Alles dreht sich um zwei Zahlen ...

ZEIT: ... so funktioniert Politik nun mal. Am Ende dreht sich alles um wenige Zahlen oder Argumente. In diesem Fall um die durchschnittlich 18 Prozent Lohnunterschied zwischen Frau und Mann sowie die sieben Prozent, die nicht erklärbar, also eine Folge von Diskriminierung sind.

Stämpfli: Es ist bis heute nicht klar, ob diese Prozentzahlen stimmen. Vielleicht ist die Diskriminierung größer, vielleicht kleiner. Vielleicht gibt es Branchen, in denen Männer diskriminiert werden. Wenn wir Lohngleichheit erreichen wollen, müssen wir endlich darüber sprechen, was in den Unternehmen tatsächlich möglich ist – und was nicht.

ZEIT: Sie führen zusammen mit Ihrem Bruder eine Firma mit 420 Mitarbeitern aus 16 Nationen. Aber auch bei Ihnen sitzt keine Frau im Verwaltungsrat, in der Gruppenleitung sind es zwei, die Personalchefin und die Verlagsleiterin.

Stämpfli: Ich habe nun mal einen Bruder, mit dem ich das Unternehmen führe. Ich sehe nicht ein, warum ich eine Frau in unser Familienunternehmen reinnehmen müsste, bloß damit eine Frau da sitzt. In der Geschäftsleitung würden wir noch so gerne mehr Frauen haben. Nicht aus Gleichstellungsgründen, sondern weil das dem Team guttut.

ZEIT: Also wären Sie für eine Quote auf Zeit?

Stämpfli: Der Staat sollte sich nicht in die Führungsstruktur eines Unternehmens einmischen. Bei mir löst das Grauen aus. Aber auch mich bringt es ins Grübeln, wenn ich lese, dass die Zahl der Frauen in Geschäftsleitungen wieder abgenommen hat.

ZEIT: Sie könnten sich selber eine freiwillige Quote auferlegen.

Stämpfli: Das versuchen wir auf Geschäftsleitungsebene. Wenn möglich, stellen wir eine Frau ein; aber wir können nicht mehr tun, als Stellen auszuschreiben und bei Vermittlungsbüros anzufragen. Aber nochmals zur Statistik ...

ZEIT: ... die Werkzeuge, mit denen die Lohndifferenz untersucht wird, wurden ihrerseits von der Uni St. Gallen untersucht. Es zeigte sich: Die Instrumente taugen.

Stämpfli: Das Instrument wird korrekt angewendet. Die Frage ist: Werden die richtigen Kriterien bewertet? Meiner Meinung nach greifen sie zu kurz. Aber eben: Es gibt keine Bereitschaft, wirklich genau hinzuschauen.

ZEIT: Warum?

Stämpfli: Es geht um Ideologie, nicht um Lösungen.

ZEIT: Das heißt?

Stämpfli: Ein Beispiel: Das Büro für Gleichstellung Bern hat 2013 das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) beauftragt, mithilfe der Software Logib stichprobenweise seine Lieferanten zu prüfen, ob sie Frauen diskriminieren. Auch unsere Firma wurde durch einen Losentscheid ausgewählt. Der Aufwand für die Analyse war sehr, sehr groß ...

ZEIT: ... wie groß?

Stämpfli: Insgesamt beschäftigte sie uns vier Arbeitswochen. Was mich bis heute ärgert: Wenn sich gezeigt hätte, dass wir ungleiche Löhne für gleiche Arbeit bezahlen, wären wir von der Lieferantenliste des BBL gestrichen worden. Dieses Vorgehen ist daneben. Zumal Logib keinerlei Hinweise gibt, wer allenfalls diskriminiert wird.

ZEIT: Was hat die Analyse zutage gebracht?

Stämpfli: Das, was auch unsere interne Kontrolle gezeigt hat: Wir sind diskriminierungsfrei. Aber die Kriterien, anhand derer das beurteilt wird, greifen im Geschäftsalltag zu kurz. Wir haben bei uns acht verschiedene Arbeitsmärkte mit acht verschiedenen Lohngefügen. Das Analyse-Tool des Bundes erkennt das nicht. Das führt absurderweise dazu, dass wir, wenn wir jeden Unternehmensbereich als separate Firma anschauen würden, eine andere Diskriminierungsrate hätten, als wenn alle in demselben Unternehmen arbeiten.