Im Bunker

Pünktlich um 9.30 Uhr wollte Gerd Heidemann auf seinem Handy angerufen werden, weil er in seinem Keller keine Klingel hat. Solange er unten ist, hört er nicht, wenn jemand zu ihm will. Sicherheitshalber steht er aber schon fünf Minuten vor der verabredeten Zeit am Eingang des Hauses, murmelt eine knappe Begrüßung und sagt dann: "Am besten, wir gehen gleich runter."

Der ehemalige stern-Redakteur Gerd Heidemann ist inzwischen 86 Jahre alt und auf seinen Mittagsschlaf angewiesen, deswegen hat er den Termin auf den Vormittag gelegt. Würde man sich allein aus den vielen Zeitungsartikeln, die über ihn erschienen sind, ein Bild von ihm machen, dann käme nichts Schmeichelhaftes dabei heraus: ein heruntergekommener Betrüger, der einen Knall hat. Hier aber steht ein Herr mit tadellosen Manieren. Er trägt eine dunkelgraue Anzughose, ein hellgraues Hemd, schwarze Hosenträger und ein dunkelgraues Jackett. Portier in einem vornehmen Hotel könnte er sein, oder Buchhalter.

Heidemann steigt in den Fahrstuhl, er ist nicht mehr gut zu Fuß. "Einen Moment, bitte", sagt er, als er im Keller angekommen ist, "ich will Ihnen noch etwas zeigen." Heidemann betritt einen Raum, in dem die schwere Stahltür eines alten Tresors offen steht. "Hier hat das Finanzamt früher sein Vermögen aufbewahrt", sagt Heidemann. Das Finanzamt ist schon lange kein Finanzamt mehr. Die Zimmer wurden an kleine Firmen und Freiberufler vermietet. Heidemann hat einen Kellerraum abbekommen, gleich in der Nähe des Tresors.

Das muss eine ironische Wendung der Geschichte sein, denn auch Heidemann hatte mal Schließfächer im Tresor einer Bank. Dort bewahrte er Kopien der Hitler-Tagebücher auf. Die Kopien waren echt, die Tagebücher gefälscht. 35 Jahre ist das her. Am 25. April 1983, einem Montag, erschien der stern mit dem Titel: "Hitlers Tagebücher entdeckt". Ein Weltereignis, das binnen weniger Tage implodierte. Der Reporter Heidemann, der seiner Redaktion die Fälschungen angedreht hatte, wurde wegen Betruges verurteilt, er saß vier Jahre und acht Monate im Gefängnis. Als er freikam, hatte sich seine damalige Frau von ihm getrennt. Von den 9,3 Millionen Mark, die der Verlag dem Rechercheur und Geldboten Heidemann meist bar ausgehändigt hatte, sind etwa zwei Millionen bis heute verschwunden. Sollte Heidemann – was er stets bestritt – das Geld abgezweigt haben, dann muss er es so gut versteckt haben, dass er es nicht wiedergefunden hat.

Als die Sache mit Hitlers angeblichen Tagebüchern aufflog, forderten viele Menschen Geld von ihm zurück, aber Heidemann war pleite. Nie wieder bekam er einen Job als Journalist, seit vielen Jahren lebt er von Grundsicherung, einer Art Sozialhilfe. In der Nähe des Archivs teilt er sich mit seiner Frau eine kleine Wohnung.

"Kommen Sie", sagt Heidemann und schließt die Tür zu seinem Keller auf. Der Boden ist mit ausrangierten Teppichen bedeckt, an der Decke baumelt das Plastikmodell eines alten Militärflugzeugs, auf einer Ablage stehen kleine Wasser- und Saftflaschen, penibel sortiert. Heidemann hat sich auch einen Arbeitsplatz mit einem Schreibtischstuhl eingerichtet. Daneben der Nachbau eines Volksempfängers, kleine Messer, eine Pinzette, ein Computer, eine Dose mit Salmiakpastillen, eine Tüte mit Walnüssen, ein elektrischer Luftkühler. Vor den Akten mit der Aufschrift "Adolf Hitler Dotationen" liegt eine Banane.

Man muss sich in diesem Keller nicht lange aufhalten, um zu begreifen: Heidemann hat sein Leben in ein sorgsam ausgestattetes Verlies tief unter der Erde verlagert, unbehelligt von den Blicken anderer Menschen. Er verbringt seine letzten Jahre in einem 68 Quadratmeter großen Schutzraum. Das hier ist sein Bunker.

"Ich habe nur noch Interesse daran, dass endlich einmal über die Tagebuch-Affäre richtig berichtet wird", sagt Heidemann. Der Täter, den das Gericht in ihm sah, will er noch immer nicht sein. Unaufgefordert beginnt er mit einer Führung durch sein Reich. Die vielen Schränke hat er so dicht nebeneinandergestellt, dass nicht zwei Menschen gleichzeitig in einen der Gänge passen.

"Ich gehe mal vor", sagt Heidemann. Nur er kennt den schlangenförmigen Weg, den man nehmen muss, um in der chronologisch richtigen Reihenfolge die vielen Tausend Aktenbände, Manuskripte, Tonbänder und Fotos zu passieren. "Hier kommen die Befreiungskriege gegen Napoleon, dann die Kriege 1848, 1864 gegen Dänemark, dann gegen Frankreich 1870/71", sagt er. "Ich habe praktisch jeden Tag dokumentiert." Schließlich landet er in der größten Abteilung des Archivs, der NS-Zeit. Für die hat Heidemann versucht, nur braune Ordner zu bekommen, was nicht ganz geklappt hat, weil er zu viel Material zusammengetragen hatte. "Hier habe ich die original Glasplatten von Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotografen. Die zwanziger Jahre, die ersten Fotografien von Hitler. Hier Hitler in München, Hitler-Putsch, SA in München, die ganzen Befehle." Heidemann könnte stundenlang über seine Fundstücke sprechen. Mit seinen Akten lebt er wie andere alte Menschen mit ihren Hunden oder Katzen. Die Frage, ob er sich jemals von der Tagebuch-Affäre erholt hat, kann man sich schenken.

Der Keller ist der Ort, an dem Heidemann sich lange nach dem Gerichtsprozess seine persönliche Verteidigungsschrift zusammenbastelte. Die kreist vor allem um den Absturz eines deutschen Flugzeugs im April 1945, einer Ju 352. Den Unfalltod des Piloten hat er recherchiert. Heidemann fand den Grabstein in einem Dorf in Sachsen. So fing alles an, mit einer historischen Tatsache. "Ich habe die ganzen Dokumente", sagt Heidemann. Aber dann verlor er sich in wilden Theorien, aus denen die fixe Idee entstand: In dem Flugzeug müssen Hitlers Tagebücher gelegen haben.

Er besorgte sich sogar eine Klobrille, auf der schon Göring saß

Lange Zeit nannte man Gerd Heidemann in seiner Redaktion einen "Spürhund", weil er ein herausragender Reporter war, schon immer ein bisschen überdreht, aber fleißig, ein notorischer Sammler. Manche seiner Kollegen nannten ihn auch "Habbich". Das war Heidemanns Antwort auf die Frage, ob er bestimmte Dokumente besorgen könne. Ende der siebziger Jahre stöberte er in Südamerika den Nazi-Verbrecher Klaus Barbie auf, den sogenannten Schlächter von Lyon. Heidemann, der seine Karriere als Fotograf begonnen hatte, war mit seiner Kamera in 13 afrikanischen Kriegen unterwegs, er freundete sich mit manchen Tyrannen an, einmal brachte er aus Uganda eine Unterhose des Diktators Idi Amin als Souvenir mit.

Im Keller greift Heidemann zu einem Buch, das einer seiner früheren Kollegen über die gemeinsamen wilden Jahre geschrieben hat. Es heißt Ach los, Scheiß der Hund drauf!. Versucht man, Heidemann während seiner Monologe zu unterbrechen, gelingt das selten. Er muss unbedingt noch etwas über Hitler oder Heß erzählen, lauter Gestalten, die von Heidemanns eigenem Irrweg ablenken.

Heidemann, das meinen selbst einige seiner ärgsten Kritiker, war kein Nazi, aber er verlor die Distanz zu den Hauptfiguren seiner Recherchen und ließ sich in eine Kloake ziehen. Mit dem Hitler-Virus infizierte er sich, als jemand ihm 1972 die alte Luxusjacht Carin II anbot, die früher Hermann Göring gehört hatte, Hitlers Luftwaffenchef. Heidemann kaufte das Motorboot für 160.000 Mark und steckte sein ganzes Geld hinein, verliebt in die Geschichte dieser Jacht, auf der schon Hitler gestanden und Göring bis in die Nacht Schallplatten mit Wagner-Arien gehört hatte. Heidemann hielt Besprechungen mit Arbeitskollegen auf der Jacht ab, holte eine ehemalige Göring-Uniform an Bord. Er besorgte sich sogar eine Klobrille, auf der schon Göring gesessen hatte, eine Sonderanfertigung, wegen des mächtigen Hinterns des Reichsmarschalls. Heidemann lernte einen ehemaligen General der Waffen-SS kennen, der ihm Edda Göring vorstellte, die Tochter des NS-Verbrechers. Gemeinsam gingen sie auf Reisen.

Es ist nicht ganz klar, wann Heidemann begann, sich hoffnungslos zu verheddern. 1975 oder erst 1978? Da heiratete er zum vierten Mal, und diesmal machte er ehemalige Offiziere der Waffen-SS zu seinen Trauzeugen. Die ganze Zeit schon glaubte er daran, dass Martin Bormann, ehemals Hitlers Kanzleichef, noch immer am Leben sei. Er, Heidemann, habe gelegentlich mit ihm telefoniert.

Schließlich bot ihm Konrad Kujau, ein Kunstfälscher aus Baden-Württemberg, die vermeintlichen Hitler-Tagebücher an, und Heidemanns Euphorie war nicht mehr zu bremsen. "Beim Leben meiner Kinder", so schwor er, die Tagebücher seien echt. Sein Wahn übertrug sich auf die Spitzenmanager des Verlages Gruner + Jahr, zu dem der stern gehört. Einigen Kollegen in der Redaktion zeigte Heidemann mit geheimnisvoller Geste ein Dokument in einem roten Einband, angeblich Hitlers Parteibuch. Heidemann beschaffte auch eine Pistole, versehen mit einem lächerlichen Echtheitszertifikat: "Mit dieser Waffe erschoß sich unser Führer! Die Lage ist hoffnungslos! Heil Hitler! Bormann."

Der ehemalige stern-Redakteur Michael Seufert, der den Skandal um die Tagebücher sorgfältig dokumentierte und das Ergebnis in einem Buch zusammenfasste, hat sich manchmal gefragt, wann Heidemanns Begeisterung in Blauäugigkeit überging, wann die Blauäugigkeit in ein Fieber umschlug, wann das Fieber nur noch Unwahrheiten hervorbrachte. "Fest steht", sagt Seufert heute, "der gründliche Rechercheur, der Heidemann früher war, hat am Ende gelogen und betrogen. Er sehnte sich nach Ruhm, aber auch nach Reichtum."

Hitler in Wien, Hitler in Linz, Himmler, Stalin, Mussolinis Geliebte. "Ich habe hier jeden Platz ausgenutzt, da ist kein Millimeter frei", sagt Gerd Heidemann auf dem Weg durch sein Archiv. "Hier, der England-Flug von Heß." Die Ehefrau des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß habe ihm viel über dessen Mission verraten. Heidemann schnauft, gerät außer Atem. Es folgt die Abteilung Gardasee, Protokolle von Telefonaten zwischen Hitler und Mussolini. Worüber gesprochen wurde? "Über die Atombombe, die wir hatten", sagt Heidemann, "Mussolini fragte den Führer: Sagen Sie, ist dieser Krieg nicht schon verloren?" Nein, habe der Führer erwidert, im April 1945.

Was aus all diesen Dokumenten werden soll? Heidemann überschrieb das Inventar des Bunkers seinem Sohn. Aber der ist bereits gestorben. Nun solle es die Schwiegertochter bekommen, sie wolle es verkaufen. "Es kann ja täglich passieren, dass ich in die Kiste springe – in meinem Alter."

Inzwischen ist Heidemann bei Hitlers Chefpiloten angekommen, es wird immer abenteuerlicher. Eine Klavierfabrik, der Vatikan, die Führerflugstaffel. Gerd Heidemann lehnt atemlos an einem hohen Holzstuhl. Briefe von Friedrich dem Großen, die Stasi, das Schreiben eines Standesbeamten aus Sachsen. Und alles läuft auf dieselbe Pointe hinaus: Gerd Heidemann sei nicht naiv gewesen, er sei zwar auf einen Fälscher hereingefallen, aber der habe nicht sein Lebenswerk zerstören können.

"Ich bin Journalist, bis heute", sagt Heidemann und gönnt sich einen Schluck Wasser. Wie oft hat er diesen Vortrag wohl schon vor sich selbst gehalten? Das Führerbegleitkommando, das ihn in Gedanken oft beschäftigt hat, besteht nur noch aus einem einzigen Mann: Gerd Heidemann.

Er will, dass seine Wahrheit verbreitet wird

Gerd Heidemann (l.) Jahre später im Fernsehstudio © action press

Er bückt sich und kriecht auf dem Boden herum. "Bitte helfen Sie mir", sagt er. Er sucht einen Brief vom 17. März 1983, geschrieben kurz vor dem Tagebuch-Skandal. Alle Akten auf diesem Regalbrett tragen dasselbe Kürzel, GHS. GH, Gerd Heidemann, logisch, aber warum das S? Heidemann weiß es selbst nicht mehr. Schon auf den Einbänden der gefälschten Hitler-Tagebücher war einiges durcheinandergeraten. FH stand dort, statt AH für Adolf Hitler.

Es gab mehrere Möglichkeiten, der Tagebuch-Affäre zu entkommen. Gerd Heidemann hat den schwierigsten Weg gewählt, den der bedingungslosen Rechthaberei. Sein ehemaliger Recherchepartner, der frühere stern-Ressortleiter Thomas Walde, nahm den unauffälligsten Weg. Als Zeuge vor Gericht erinnerte er sich an vieles nicht mehr. Er hatte weder Geld angenommen noch den Fälscher kennengelernt. So kam er ungeschoren davon, wechselte zum Radio und lebt heute als Rentner in Hamburg. Verabredet man sich mit ihm, dann erklärt er zunächst, dass er sich zu Heidemann nicht äußern wolle. Er habe, sagt Walde, Jahre gebraucht, um die Migräne-Attacken loszuwerden, die diese Affäre bei ihm hinterlassen habe. Heute, sagt Walde, engagiere er sich im Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. "Vielleicht ist das meine heimliche Wiedergutmachung für die Tagebücher."

Der Fälscher Konrad Kujau, der die Tagebücher wie am Fließband produziert hatte, verbrachte vier Jahre und sechs Monate im Gefängnis, aber er verwandelte die ganze Geschichte zu seiner persönlichen Komödie. Wärtern in der Anstalt steckte er gefälschte Beförderungsurkunden zu, und während Heidemann im Knast alte Mitschnitte seiner Tagebuch-Gespräche mit dem Fälscher abtippte, 300 Bänder, wurde Kujau im Kreis der Inhaftierten zum Pausenclown. Nach der Freilassung eröffnete er eine Galerie, in der er sich auf Fälschungen spezialisierte. Ungeniert trat er in Talkshows auf, wollte sich zum Bürgermeister seiner Heimatstadt wählen lassen, schloss sich einer Musikgruppe an und fälschte Wagner-Partituren.

Die Show ging nach seinem Tod im Jahr 2000 weiter, als eine seiner Großnichten Kujaus Bilder bei eBay anbot und damit viel Geld verdiente. Aber sogar einige dieser Fälschungen waren gefälscht. Ein Gericht verurteilte die Großnichte zu 150 Sozialstunden in einem Altenheim. So wurde das Prinzip Kujau, diese Mischung aus spielerischer Leichtigkeit und fröhlicher Unverfrorenheit, posthum auf die Spitze getrieben.

Als die Großnichte, die – wie sich später herausstellte – unter Umständen gar nicht Kujaus Großnichte ist, in der badischen Kleinstadt Pfullendorf im Jahr 2005 ein Kujau-Museum der Fälschungen eröffnete, schaute auch Gerd Heidemann vorbei. Unter den Gästen wurde gefrotzelt und gelacht, nur Heidemann sah bedrückt aus. Bis heute beschäftigt ihn vor allem eines. Er will, dass "die Wahrheit" verbreitet wird, seine Wahrheit: Er sei bloß "ein Bauernopfer" gewesen, eine unbedeutende Nebenfigur. Das, bitte, solle unbedingt einer schreiben.

Kann sich ein leidenschaftlicher Reporter selbst zum Verhängnis werden, sobald er anfängt, sich in der Geschichte seines Lebens zu verbeißen? Gibt es einen Punkt, der kein Zurück mehr zulässt? Einen Punkt, an dem der Selbstbetrug und der Betrug an anderen Menschen nicht mehr voneinander zu trennen sind? Gibt es Geschichten, die so irrsinnig gut sind, dass sie wahr sein müssen, egal, wie unwahr sie sind? Gibt es das: die eine, die einzigartige Geschichte, die so viel stärker ist als man selbst?

Es wäre leicht, sich über Gerd Heidemann lustig zu machen, diesen Zausel mit dem Nazi-Fimmel. Aber hat er nicht – wenn auch unabsichtlich – etwas Außergewöhnliches geschaffen, ein Mahnmal, das von der alltäglichen Verführbarkeit des Menschen zeugt?

Wenn dieser Keller irgendwann ausgeräumt wird, weil sein Hüter nicht mehr lebt, dann müsste man all das Inventar in einem Museum ausstellen und danebenschreiben: Hier verbrachte Gerd Heidemann einen wichtigen Teil seines Lebens, Heidemann, geboren 1931 in Altona bei Hamburg, damals preußisch, gelernter Fotograf, Schachspieler, Zinnsoldatensammler, ein Mann ohne höhere Bildung, dem es gelang, einem Verleger, einem Konzernchef, einem Herausgeber und einem Haufen erfahrener Journalisten im Jahr 1983 weiszumachen, der Führer habe Tagebücher angelegt.

Man kann das den größten Medienskandal der Bundesrepublik nennen, aber es ist auch eine ganz und gar fantastische Geschichte.

Drei der Tagebücher sind im Hamburger Polizeimuseum ausgestellt, zwei Exemplare liegen im Bundesarchiv, die anderen Fälschungen lagern in einem Tresor des Verlagshauses Gruner + Jahr, unten im Keller. Fast alle von Heidemanns Weggefährten, die damals an ihn glaubten, sind inzwischen tot: der stern-Gründer Henri Nannen, der Fälscher Konrad Kujau, der Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn. Auch Götz George, der in der Filmparodie Schtonk! den fanatischen Reporter Heidemann spielte, lebt nicht mehr. Sogar Heidemanns Finanzamt hat zugemacht.

Einer der Männer, die im Verlag früher Verantwortung trugen, sei inzwischen demenzkrank, sagt Heidemann. Er habe erfahren, dass dieser ehemalige Manager Nacht für Nacht in der Druckerei anrufe, um die Maschinen stoppen zu lassen. Das sei dessen einziger Wunsch: alles anhalten, das Fiasko verhindern! Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht spielt sich diese Szene nur in Heidemanns Träumen ab, und sie hilft ihm, sich zu beruhigen, bevor ein weiterer Tag im Keller beginnt.

Herr Heidemann, Sie haben die meisten anderen überlebt.

"Ja", sagt er zum Abschied, "und das ist meine größte Strafe."

Behutsam zieht er von innen die Tür des Bunkers zu.