Süße Wiege ganz aus Stahl
schaukelt viel, wenn ich’s nicht will.
Sag dem zukünftigen Leben,
es soll das Schaukeln weitergeben

So geht eines der Lieder von Ada Milea. Was ist die Wiege aus Stahl? Ist sie eine Achse aus Eisen, die alles dreht wie die Achse eines Jahrmarktkarussells? Oder ist sie gar das Skelett der Erde, eingebaut in Form einer Wiege, oder von allein gewachsen? Ist diese Wiege der Erde zum Hineinsteigen gut, oder zum Hineinfallen gefährlich? Kann man, muss man, oder will man sie benutzen? Möchte man sie haben, oder verfolgt sie einen?

Die Lieder von Ada Milea, alle zusammen, machen mich glauben, dass das Leben, egal wo und wie, ein Jahrmarkt ist. Und wer weiß, ob jeder seine eigene Wiege hat, oder ob wir womöglich alle miteinander geschaukelt werden in einer gemeinsamen Wiege, wenn es im Leben bodenlos wird. Oder gehören beiderlei Wiegen in jedes Leben?

Süße Wiege ganz aus Stahl
schaukelt immer noch ein Mal.
Wenn ich so geschaukelt werde,
ist kein Boden in der Erde.
Und statt Gras ist alles kahl,
weil ein Schaf die Gegend fraß.
Und es blieb die süße Wiege ganz aus Stahl.

Und vom Schaukeln rutscht die Erde weg. Und dann sieht man die Wiege. Kein Boden in der Erde, und man nennt es doch Erde, wenn die Füße im Nichts stehen. Im rumänischen Text heißt es "glie" – Erde als Acker, da, wo Wurzeln und Samen durch die Tiefe nach oben müssen, um Pflanzen zu sein, Felder und Wiesen. Sie decken die Wiege zu. Ist die Wiege im Bodenlosen oder ist sie selbst das Bodenlose?

"Bodenlos" ist ein ziemlich gewöhnliches Sprachbild. Aber bei diesem Lied passiert es mir jedes Mal, dass ich mich mitreißen lasse, weil der Text so einfach daherkommt. Ich will die Bilder verstehen wie ein Kind, sie wortwörtlich nehmen, sie sollen ihrer selbstverständlichen Bedeutung nicht davonlaufen. Sie klingen konkret und bezaubernd schön. Ich bin von ihnen sowieso gerührt, ich bin der Meinung, das Lied geht mir ins Herz. Doch es läuft mir barfuß zwischen den Schläfen hin und her. Und die vielen Bedeutungen hören nicht mehr auf. Das lapidare Minimum fragt philosophisch und jede Antwort unterwandert sich selbst durch Widersprüche:

Wieso ist der Stahl der Wiege süß? Ist es überhaupt der Stahl oder ist nur das Schaukeln süß? Ist das Süße Verführung oder Bedrohung? Entsteht die Verzückung, weil die Bedrohung überschnappt? Kann das Bodenlose sogar ein Wunsch, ja sogar ungeheuerlicher Trost sein? Macht man sich vom Schaukeln abhängig, kann man ihm wie einem Glücksspiel verfallen, weil es süß ist? Oder ist man darauf angewiesen? Ist die Wiege an unserem Körper angewachsen, weil sie das Leben selbst darstellt? Ist das Hin und Her des Atmens eine Wiege? Es ist doch eine Hoffnung in den Zeilen:

Sag dem zukünftigen Leben
es soll das Schaukeln weitergeben

Mindestens eine Hoffnung ist das, wenn nicht gar ein Bitten, eine Beschwörung.

Stahl hat mich schon als Kind eingeschüchtert. Unser Nachbar sagte mir damals: "Wenn man vom Dorf zum ersten Mal in die Stadt fährt, muss man dort am Bahnhof die rostige Eisenkette durchbeißen, erst dann darf man in die Stadt hinein." Der Nachbar musste es wissen, weil er in der Stadt Schlosser war und täglich mit dem Zug in die Fabrik pendelte. Ich wollte auch einmal im Zugabteil sitzen und durchs Fenster die Felder vorbeilaufen sehen. Und in der Stadt Schuhe kaufen, danach auf der Parkbank sitzen und statt Hauswurst städtische Salami essen. Ich fürchtete, das wird nichts, denn es wird mir nicht gelingen, die Eisenkette durchzubeißen. Und sie ist rostig, und Rost ist giftig. Es war das Erziehungsmuster im Dorf, die Stadt sollte einen abschrecken. Man sollte wissen: Erstens ist man für die Stadt nicht gut genug. Zweitens sind die Städter alle verdorben.

Weil der Stahl hier im Lied süß ist, fällt mir die Eisenkette immer ein. Und weil ich mir, von damals bis heute, wenn ich rostiges Eisen sehe, sofort denke, dass aus nassem Eisen Zucker rinnt, sonst wäre ja der Rost nicht so braun wie kandierter Zucker. Die süße Wiege im Lied kann nur aus rostigem Stahl sein.

Doch nicht nur das Eisen, auch Pflanzen rosten. Als Dorfkind weiß man, die Blätter der Kartoffeln, der Tomaten – also die Nachtschattengewächse – kriegen braune Flecken, die heißen Rost. Auch die Blätter der Weinreben rosten. Die braungefleckten Pflanzen sind krank. Kandierter Zucker ist eine Krankheit, wie bei uns Menschen. Beim Menschen spricht man es deutlich aus, dachte ich. Man sagt: zuckerkrank. Und es gibt noch etwas – einen glitzrigen Sommerregen, weil durch die Regenschnüre die Sonne scheint. Und den nennt man Rostregen, weil die Pflanzen davon die braunen Flecken kriegen.