Influencer. Charles Bahr kennt ziemlich viele Wörter aus dem Lexikon der Marketingsprache, flüssig reiht er sie aneinander, "Creator", "Zielgruppenoptimierung", aber kein Wort benutzt er so häufig wie dieses. Influencer. Die Stars des Internets. Die Idole der Gegenwart. Sie sind nicht etwa deshalb berühmt, weil sie über ein besonderes Talent verfügen würden: Influencer, "Beeinflusser", können nicht gut singen, schön tanzen oder erfolgreich Tennis spielen. Sie sind meist schlank und hübsch, das schon, aber nicht außerirdisch schön wie die Supermodels der neunziger Jahre. Es ist gar nicht so leicht zu sagen, was diese Influencer getan haben, um im Netz bei so vielen jungen Leuten so bekannt zu werden, dass um sie herum eine ganze Industrie wachsen konnte, mit Messen wie der in Zürich, mit Firmen wie der von Charles Bahr.

Am ehesten ist es wohl so: Wenn jemand in der Offline-Welt eine Sache besonders gut macht, wird er vielleicht ein Star. Ein Star kann seine Bekanntheit zu Geld machen, indem er seinen Namen, sein Gesicht, seinen Körper an ein Produkt verkauft. Im Internet ist es so: Die Influencer sind auch deshalb Stars, weil sie Werbung machen.

Im Großbritannien des 17. Jahrhunderts dachten die Leute, wenn sie von Influencern sprachen, an Kirchen- oder Staatsoberhäupter. Heute ist ein Influencer meist eine junge Frau und manchmal ein junger Mann. Ihre Millionen jugendlichen Fans sehen diese Stars zum Beispiel durch Mailand flanieren, mit einer Handtasche von Dolce & Gabbana, die so viel kostet, dass ein Schüler dafür mehrere Jahre lang sein Taschengeld sparen müsste. Influencer stehen mit der neuesten Fotokamera von Canon vor einem Tempel in Thailand. Influencer posieren in einem Mantel von Prada vor dem Eiffelturm in Paris, lehnen sich im Bikini der Marke Missoni am Strand von Saint-Tropez an eine Palme oder liegen zu Hause mit einer Flasche Waschmittel von Coral im Bett.

Das ist ihre Leistung. Dafür werden sie von ihren Fans gefeiert.

In der Offline-Welt haftet dem offensiven Anpreisen eines Produktes immer noch etwas Negatives an, Lobbyisten zum Beispiel haben keinen besonders guten Ruf, kaum jemand würde etwa stolz verkünden: "Ich arbeite als Lobbyist für die Zuckerindustrie." Ein digitales Dasein als Influencer aber gilt unter den Fans als ehrenwertes, erstrebenswertes Lebensmodell.

Charles Bahr, der Unternehmer, der bald 16 wird, ist mit dem Internet aufgewachsen. Sein erstes Handy hat er mit sechs bekommen, sein erstes Smartphone mit zehn. Mit elf hat er angefangen, Videos von sich und seinem Hund hochzuladen. Bahr gehört zu einer Generation, in der nur jeder Fünfte eine Tageszeitung liest und nur jeder Zweite täglich fernsieht. Einer Generation, die stattdessen nach eigener Einschätzung im Durchschnitt 221 Minuten pro Tag im Internet verbringt, meist über das eigene Smartphone.

Wenn Bahr auf einem Podium steht oder in einem Konferenzraum sitzt und erklären soll, wie junge Menschen sich im Internet bewegen, dann rasselt er nicht solche Statistiken herunter. Er redet dann als Erstes von seiner Mutter. Er sagt immer denselben Satz, mit leicht spöttischem Unterton: "Meine Mutter ist auf Facebook." Er meint damit: Facebook ist die Heimat der Alten. Bahrs Mutter ist 50.

Die Heimat von Charles Bahr heißt Instagram.

Instagram ist eine App, mit der Nutzer Fotos posten können und dazu einen Kommentar. Ein soziales Netzwerk, aufgebaut als gigantisches Mosaik aus Bildern. Man kann dort anderen Nutzern folgen, dann ist man ein "Follower". Man kann die Fotos der anderen "liken", also positiv bewerten, und sie kommentieren. Als Instagram online ging, im Oktober 2010, war Charles Bahr acht Jahre alt. Nach einer Woche hatten sich 100.000 Menschen angemeldet, nach einem Jahr 10 Millionen, inzwischen sind es 800 Millionen Menschen weltweit.

Vergleicht man ein typisches Instagram-Foto aus dem Jahr 2010 mit einem von heute, dann sieht man, dass das Netzwerk eine Verwandlung durchgemacht hat. Am Anfang posteten die Nutzer Schnappschüsse, auf denen sie auch mal unvorteilhaft wirkten. Was zählte, waren Spontaneität und Schnelligkeit. Heute ist auf Instagram nichts mehr instant. Die Nutzer schwelgen dort in einer durch und durch perfektionierten und arrangierten Welt. Da leuchten Sonnenuntergänge in gewaltigen Farben und scheinen Gesichter wie aus Porzellan, den Filtern sei Dank. Vor allem aber hat sich Instagram zu einem globalen Schönheitswettbewerb entwickelt, bei dem bis zur Makellosigkeit bearbeitete Selbstporträts millionenfach um Aufmerksamkeit konkurrieren. Am beliebtesten ist diese Pose, in unzähligen Variationen: leicht geöffneter Mund, angewinkelter Kopf, Blick von oben. Lauter Einzelne, aus denen lauter einförmige Bilder werden. Lauter junge Menschen, viel jünger im Durchschnitt als auf Facebook und Twitter, die Werbung für sich selbst machen.

Gibt es einen besseren Ort als Instagram für ein Unternehmen, das Werbung für sich selbst machen möchte?