DIE ZEIT: Mr. White, stimmt es, dass Sie in Ihrem Haus spezielle Mikrofone unter den Regenrinnen installiert haben, um über die Stereoanlage dem Klang des Regens lauschen zu können?

Jack White: Mein Schlafzimmer ist unter dem Dach, und als ich dort einzog, ging mir auf, dass das Haus so gebaut ist, dass man den Regen nicht hören kann. Was mir schlechte Laune machte, weil ich diesen Klang liebe, also ließ ich auf dem Dach Mikrofone installieren und mit meiner Stereoanlage verbinden. Jetzt kann ich den Regen sogar laut stellen. Am besten sind Gewitter, da drehe ich die Bässe hoch, und wenn es donnert, bebt das ganze Haus. Als meine Tochter vier war, sagte sie zu mir: Dad, kannst du auch die Sonne aufgehen lassen?

ZEIT: Haben Sie ein Lieblingsgeräusch?

White: Ich liebe den Klang meiner Nähmaschine, denn die hat einen sehr eigenen, präzisen Rhythmus, in den ich irgendwie vernarrt bin. Man kann die Frequenz der Stiche variieren, sodass die Maschine, wenn man möchte, synchron zu Songs rattert. Ich habe als Jugendlicher eine Ausbildung zum Polsterer gemacht, und dieses Tackern war der Sound, der mich dort begleitete. Der Meister, dem der Betrieb gehörte, spielte mir damals viele Platten vor und nahm mich mit auf Punk-Konzerte. So war die musikalische Ausbildung in dieser Polsterei entscheidend für mein späteres Leben.

ZEIT: Für Ihr neues Album Boarding House Reach haben Sie Instrumente und Ausstattung benutzt, mit denen Sie bereits als 14-Jähriger Musik gemacht haben. Wollten Sie den unbeschwerten Klang Ihrer Jugend beschwören?

White: Vermutlich war das eine der Hoffnungen, als ich meine alten Sachen vom Dachboden holte. Ich wollte zurück zu den Produktionsbedingungen der frühen Tage und mir endlich mal wieder die Hände schmutzig machen. Als Teenager liebte ich es, mit der Vorfreude darauf, Musik zu machen, aus der Schule zu kommen. Mir hat damals keiner erklärt, wie das alles funktioniert, wie man ein Mikrofon positioniert oder eine Gitarre stimmt. Umso aufregender war es, mir das alles allein zu erarbeiten. Tolle Klänge und Songs mit einer schlechten Ausrüstung zu zaubern macht nämlich Spaß. Ich hatte seit einer Ewigkeit meine Musik nicht mehr selber aufgenommen. Das zweite Album der White Stripes wurde noch komplett auf diese Art und Weise in meinem Wohnzimmer eingespielt, seitdem habe ich viel Arbeit anderen überlassen. Mit diesem Album wollte ich zu der Euphorie meines 14-jährigen Ichs zurück.

ZEIT: Welche Platte weckte in Ihnen den Wunsch, Musik zu machen?

White: Das Debüt der Stooges, das habe ich tatsächlich in einem Müllcontainer hinter unserem Haus gefunden. Diese Platte hat mein Leben verändert. Ich bin in Detroit aufgewachsen, und diese Musik war der Sound von Detroit: rau, brutal, schmutzig, furchterregend und elektrisierend, die finstere Seite des Rock ’n’ Roll. Das waren Songs, die meine Realität abbildeten. Die Musik, die ich bis dahin gehört hatte, klang immer so, als käme sie aus einem anderen Universum, aber The Stooges klangen so, als wären es Jungs aus meinem Viertel. Da begriff ich, dass ich auch solche Songs schreiben könnte. Wenn es nach mir ginge, würde in Detroit längst eine lebensgroße Iggy-Pop-Statue stehen.

ZEIT: Für Ihr neues Album haben Sie sich in ein für Sie unbekanntes Genre gewagt und mit den Musikern von Hip-Hop-Größen wie Kendrick Lamar und Jay-Z im Studio experimentiert. Was versprachen Sie sich davon?

White: Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Wie weit man die Möglichkeiten einer Rockband ausreizen kann, hatte ich bereits mit den White Stripes bis ins letzte Detail ausgelotet. Wir haben Songs mit nur einem Mikrofon sogar in Treppenhäusern eingespielt. Auch bei meiner Band The Raconteurs habe ich die Kollegen mit meiner Experimentierfreude manchmal in den Wahnsinn getrieben. Mit den Hip-Hop-Musikern zu arbeiten war für mich eine frische Erfahrung. Die brachten mich auf völlig neue Ideen, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Ich wollte einfach weg von Country, Blues und Rock ’n’ Roll, also den Genres, die ich in- und auswendig kenne.

ZEIT: Haben Sie immer verstanden, was die Hip-Hopper da musikalisch gemacht haben?

White: Es gibt schon eine universelle Sprache der Musik, und auf deren Basis waren wir auf einer Frequenz. Aber klar, manchmal jonglierten die mit Tonabfolgen und Sounds, bei denen ich dachte: Okay, und nun? Wo wollt ihr hin? Aber ich sagte nichts, und letztlich funktionierte es. Als ich das neue Album abmischte, ging mir oft durch den Kopf, dass einige meiner alten Fans mit den Songs nicht glücklich sein könnten. Vielleicht würden sie es verstehen, wenn sie sich die Songs ein paar Mal anhören würden, aber die Geduld beim Musikhören ist ja so gut wie ausgestorben. Wie oft habe ich mir Bowies Low-Album angehört, bis ich es verstanden habe. Damals hatten Teenager einfach mehr Zeit für Musik in ihren Schlafzimmern. Heute hören sie einen Song halb fertig, und schon wird getwittert: "Ich hasse diesen Dreck!"