DIE ZEIT: Herr Winterscheidt, geht es dem Fernsehen eigentlich so dreckig, dass Sie jetzt Print machen müssen?

Joko Winterscheidt: Ach was, ich bin ein Magazin-Junkie, das war ich schon als Teenager. Damals haben mich alle in der Schule ausgelacht, weil ich mir die erste GQ mit Boris Becker auf dem Cover gekauft habe. Als ich also gefragt wurde, ob ich eine Zeitschrift mitentwickeln will, war das gar keine Frage. Ich hatte Bock.

ZEIT: Das Magazin heißt JWD, Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Sie stehen also, anders als Boris Becker, nicht nur gelegentlich auf dem Cover, sondern jedes Mal. Chapeau!

Winterscheidt: Ich werde meistens auf dem Cover zu sehen sein, aber ich bin nicht der Chef des Heftes. Es wird Ausgaben geben, da werde ich an mehreren Geschichten beteiligt sein, und solche, wo ich nur eine kleine Rolle spiele.

ZEIT: Was ist das Neue an Ihrem Magazin?

Winterscheidt: Wir wollen, dass die Geschichten nicht in einer Draufsicht, sondern aus einer subjektiven Perspektive erzählt werden. Der Reporter soll mittendrin sein, er soll etwas nicht nur sehen oder sich erzählen lassen, sondern selbst erleben. Ich war für eine Geschichte zum Beispiel im Puppenpuff.

ZEIT: Wie war das?

Winterscheidt: Das ist eine absurde Welt, da kamen Eindrücke auf mich zu, es war ein bisschen wie in einem Rausch. Zu Hause hat es mich tagelang noch beschäftigt. Aber für die Menschen dort war das ganz normal, das hatte gar nichts Absurdes für sie. Auch die Kollegen haben viel ausprobiert. Einer war bei kiffenden Nonnen in Kalifornien, ein anderer ist in den Oman gereist, wo sie in einer Anlage das Leben auf dem Mars simulieren. Außerdem haben wir eine Reportage aus einem Nacktrestaurant in Paris.

ZEIT: Es ist also ein Reportage-Magazin?

Winterscheidt: Genau. Meistens aus der Ich-Perspektive erzählt. Unsere Haltung war von Anfang an: Wir wollen die Dinge selbst erleben.

ZEIT: JWD soll zehnmal im Jahr erscheinen. Das ist eine Menge Arbeit. Wie oft sind Sie in der Redaktion?

Winterscheidt: Mindestens einmal in der Woche.

ZEIT: Heute werden Magazine gern um, für und mit einem Prominenten entwickelt, wie etwa bei Barbara. Was ist Ihre besondere Zutat?

Winterscheidt: An JWD versuchen wir so ranzugehen wie ich an mein Leben. Wir sagen, es gibt nicht den einen Weg. Man muss offen sein. Die besten Ideen und Geschichten entstehen oft aus absurden Entscheidungen. Und die schönsten Erinnerungen beginnen nicht selten mit einem speziellen Moment.

ZEIT: Eigentlich sind Sie ein Fernseh-Mensch, und Fernsehen muss man sehr genau und lange im Voraus planen. Wie passt das zusammen?

Winterscheidt: Fernsehen ist tatsächlich eine andere Welt. Da mache ich mir neun Monate lang Gedanken über eine Sendung. Aber für mein Leben habe ich keinen Masterplan. Es hat sich alles so ergeben. Ich habe eine Ausbildung zum Werbekaufmann abgebrochen, dann in einem Callcenter gearbeitet, habe mich bei der Lufthansa als Pilot beworben und bin irgendwann mal zu einer Medienfirma in Hamburg gekommen. Da habe ich ein Praktikum gemacht und gedacht: Ach, das finde ich ganz interessant. Also bin ich geblieben. Später ging ich zu einem Casting von MTV – und von dort aus hat sich eins nach dem anderen ergeben. Und vor einem Jahr wurde ich eben gefragt, ob ich JWD entwickeln möchte.

ZEIT: Und, wird Ihr Magazin ein Erfolg?

Winterscheidt: Ich hoffe es, aber ich habe keine Ahnung. Sollte es bei einer Ausgabe bleiben, hatte ich einfach eine tolle Zeit und muss mich nie fragen: Was wäre gewesen, wenn ich damals dieses Magazin zugesagt hätte. Ich bin aber zuversichtlich, dass es mehr als eine Ausgabe wird. Ich lade Sie hiermit zu unserer 70-Jahr-Feier ein. Im Jahr 2088.