DIE ZEIT: Frau Barley, dürfen wir Sie "Herr Minister" nennen?

Katarina Barley: Nein! (lacht) Warum sollten Sie?!

ZEIT: Warum muss sich dann Marlies Krämer, eine 80-jährige Dame, von ihrer Sparkasse als Kunde statt Kundin ansprechen lassen? So hat gerade der Bundesgerichtshof geurteilt.

Barley: Ich hätte mich gefreut, wenn die Richter entschieden hätten, dass in Formularen beide Geschlechter vorkommen sollten – abgesehen von der Diskussion, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Das Bundesverfassungsgericht hat uns ja kürzlich zur Anerkennung eines dritten Geschlechts verpflichtet. Ich persönlich bemühe mich, mit zwei Geschlechterbildern zu arbeiten. Denn wenn man nur mit männlichen Ausdrücken arbeitet, dann passiert tatsächlich auch etwas im Hirn. Es werden nur männliche Bilder geladen, das ist wissenschaftlich bewiesen. Auch deswegen ist diese Frage nicht trivial.

ZEIT: Sie würden sagen, Sprache ist der Schlüssel zur Gleichberechtigung?

Barley: Sie ist nicht der Schlüssel, aber ein wichtiger Bestandteil.

ZEIT: Was für eine Justizministerin wollen Sie sein: eine, die Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nimmt, oder eine, die eher wie eine Notarin abschließend beglaubigt, was passiert?

Barley: Ich sehe es als meine Aufgabe, den Rechtsstaat zu verteidigen. Wir leben in einer Zeit, in der diese Errungenschaft unter Druck gerät, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und der Welt. Wir erleben einen erstarkenden Populismus, oft gepaart mit einem Rückfall in nationalistische, abschottende Denkmuster. Da kommt einer Justizministerin eine andere Bedeutung zu, als das vielleicht in früheren Zeiten der Fall war. Es darf nicht immer nur nach einem starken Staat gerufen, sondern es muss auch ein starker Rechtsstaat eingefordert werden. Gleichzeitig muss das Recht dem gesellschaftlichen Wandel gerecht werden. Dazu gehören selbstverständlich Themen wie ein modernes Familienrecht und die ganz massiven Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Zusammenleben. Ein modernes Recht darf sich von gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen nicht treiben lassen, sondern muss den Rahmen vorgeben.

ZEIT: Ihr Vorgänger Heiko Maas hat sich sehr stark in gesellschaftliche Debatten eingeschaltet. War das gut?

Barley: Selbstverständlich. Das ist meine Aufgabe als Justizministerin. Das Recht ist nichts Abstraktes. Es formt unser Zusammenleben und muss gesellschaftlichen Veränderungen gerecht werden.

ZEIT: Sehen Sie sich auch als Bewahrerin der Grundrechte gegenüber dem Innenminister?

Barley: Dieses Spannungsverhältnis ist traditionell vorhanden. Es ist modern geworden, zu sagen, Sicherheit ist ein Teil von Freiheit. Das ist auch richtig. Aber Sicherheitsgesetzgebung birgt immer die Gefahr, zu stark in Freiheitsrechte einzugreifen. Da müssen Innen- und Justizministerium miteinander ringen, da muss man aufpassen.

ZEIT: Viele Debatten drehen sich vor allem um einen Komplex: Migration und Integration. Gehört der Islam zu Deutschland?

Barley: Dieses Auseinanderdividieren von hier lebenden Muslimen und "dem Islam" hilft wirklich nicht weiter. Die Debatte kommt immer wieder hoch, wie das Ungeheuer von Loch Ness. Entscheidend ist unser Wertekanon, und der ist ganz klar das Grundgesetz. Wer sich in diesem Wertekanon bewegt, hat jedes Recht, in Deutschland zugehörig zu sein und auch akzeptiert und respektiert zu werden. Und da ist es völlig egal, welcher Religion diese Person angehört. Im Gegenteil, das Grundgesetz verpflichtet uns dazu, das hintanzustellen.

Katarina Barley - Frau Barley, sind die Dieselfahrer die Dummen? Die Dieselfahrerin und Bundesjustizministerin will Sammelklagen ermöglichen. Wie erklärt sie im Video. © Foto: Ute Brandenburger