ZEIT: Trotzdem gibt es ein neues Spannungsfeld. In Deutschland hat die Bedeutung der Religion in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen, für viele Zugewanderte dagegen ist Religion leitend.

Barley: Der Staat setzt das Recht. Punkt. Darüber gibt es überhaupt keine zwei Meinungen. Übrigens kommt es bei der Bedeutung von Religion auch darauf an, wo man wohnt. In Berlin-Mitte mag es so sein, dass ihre Bedeutung schwindet. Da, wo ich lebe, an der Mosel, ist das nicht so. Da wird jedes Feuerwehrfahrzeug eingesegnet, jedes Schuljahr beginnt mit einem Gottesdienst. Das gehört immer noch selbstverständlich zum Leben.

ZEIT: Sie sagen, der Staat setzt das Recht. Aber in vielen Fällen kollidieren Rechtsgüter wie die Religionsfreiheit mit dem Grundgesetz. Nehmen wir das Thema Kinderehen. Sind die mit unserem Recht vereinbar?

Barley: Dafür gibt es in Deutschland klare Regeln. Ehen können nur zwischen Volljährigen geschlossen werden. Wenn Sie aber ein Paar in seinen Vierzigern haben, das im Alter von 14 in einem anderen Land geheiratet und drei Kinder bekommen hat, macht es keinen Sinn, zu sagen: Ihr geltet jetzt als nicht verheiratet und die Kinder als unehelich.

ZEIT: Sie machen es sich zu leicht. Der schwerere Fall ist der, wo eine 14-Jährige mit einem 19-Jährigen verheiratet ist, mit dem sie zusammen nach Deutschland geflohen ist. Vielleicht ist das Mädchen froh, dass sie den Mann hat, vielleicht musste sie ihn aber auch heiraten. Wie gehen Sie damit um?

Barley: Dafür gibt es das internationale Privatrecht und Gerichte, die auf den Einzelfall schauen. Dafür haben wir sehr kluge Regelungen, die unser Rechtsverständnis mit der Lebenswirklichkeit der Betroffenen in Einklang bringen.

ZEIT: Aber nicht unbedingt mit dem Rechtsempfinden der Bevölkerung, oder? Es gab Einzelfälle, in denen deutsche Gerichte Folgen der Scharia akzeptiert haben. Sagen Sie da als Justizministerin den empörten Deutschen: Euer Rechtsempfinden ist leider falsch?

Barley: Es geht um das, was unabhängige Gerichte als Recht erkennen, nicht um das, was sich möglicherweise auf der Basis von Schlagzeilen gerecht anfühlt. Wenn Sie eine Umfrage nach der Akzeptanz der Todesstrafe machen, dann werden Sie – je nach Fragestellung – dafür auch in Deutschland eine Mehrheit bekommen.

ZEIT: Ein Rechtsstaat muss es aushalten können, wenn das Rechtsempfinden der Bevölkerung in Einzelfällen anders ist als die Rechtsprechung?

Barley: Ja. Das muss ein Rechtsstaat aushalten. Das passiert permanent. Zum Beispiel werden im Bereich sexueller Straftaten Strafen selten als hoch genug empfunden.

ZEIT: Ein anderes Thema, das zum wiederholten Male diskutiert wird, ist die Beschneidung. Island hat sie untersagt, andere europäische Länder denken über ein Verbot nach, weil sie ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist und weil man Beschneidungen bei männlichen Säuglingen schwer rechtfertigen kann, wenn man sie bei Mädchen verbieten will.

Barley: Die weibliche Genitalverstümmelung ist immer ein massiver Eingriff, der nicht selten den Tod und häufig lebenslange Schmerzen und psychologische Traumata nach sich zieht. Zudem ist es juristisch so, dass die weibliche Beschneidung zumeist kulturell begründet ist und nicht religiös. Es geht hier also nicht um Religionsfreiheit.

ZEIT: Wenn man die Beschneidung wie bei Jungen religiös begründen würde, wäre sie erlaubt?

Barley: Ich kann verstehen, dass es reizvoll ist, mich da festklopfen zu wollen, aber das ist eine theoretische Frage ...

ZEIT: ... so theoretisch nicht!

Barley: Wir haben in Deutschland in diesem Fall eine klare Gesetzeslage.

ZEIT: Bei Jungen deckt für Sie die Religionsfreiheit den Eingriff in die körperliche Unversehrtheit?

Barley: So haben es Gerichte und der Gesetzgeber entschieden.

ZEIT: Sie haben eingangs gesagt, der Rechtsstaat sei unter Druck geraten. Wo können oder müssen Sie da ganz konkret einschreiten?

Barley: Manche Auswirkungen dieser Entwicklung liegen gar nicht so klar auf der Hand. Ich nenne nur die aktuelle Diskussion um den Strafrechtsparagrafen 219 a.

ZEIT: Da geht es um das Werbeverbot für Abtreibungen. Das ist ein kontroverses Thema, aber wo ist da der Rechtsstaat unter Druck?