Es ist der letzte Tag der Buchmesse, und Götz Kubitschek wirkt fast ein bisschen enttäuscht. Er, der Verleger, der als ein Vordenker der Neuen Rechten gilt, kommt von einer Lesebühne. Dort hat er gerade mit Martin Sellner gesprochen, einem führenden Kopf der Identitären Bewegung. Und alles blieb friedlich. Kubitschek sagt: "Es war ja richtig ruhig. Bei Sellner hätte ich eigentlich mit mehr gerechnet."

Schade.

Wer vier Tage an der Seite von Götz Kubitschek verbringt, hier auf der Leipziger Buchmesse, am Stand seines Verlags Antaios, der lernt in erster Linie dies: Die Aufmerksamkeit, die Kubitschek auf sich zieht, wenn Linke Krawall gegen ihn machen, ist seine beste PR. Vier Tage Kubitschek, das bedeutet deshalb auch: vier Tage Warten auf Rabatz. Man kann durchaus sagen, dass er und seine Mitarbeiter nicht nur mit linkem Gegenprotest gerechnet haben – nein, sie haben ihn regelrecht herbeigesehnt. Kubitschek hatte vorher, online, sogar eine Wette angeboten: "Wird es linke Tumulte an unserem Stand und während unserer Lesungen geben?" Einsätze im Kommentarbereich erbeten.

Als er im vergangenen Jahr auf der Frankfurter Buchmesse auftrat, kam es zu Gewalt zwischen Linken und Rechten. In Leipzig nun blieb es – ziemlich ruhig. Wie konnte das passieren?

Tag 1: Donnerstag, 15. März

Die Leitung der Leipziger Buchmesse hat Lehren gezogen aus den Ausschreitungen von Frankfurt. In einem – so nennt es Kubitschek selbst – "rechten Eck", einem Teil der Messehalle drei, sind alle Verlage des rechten Spektrums nebeneinander untergebracht. Sicherheitskräfte und Polizei sollen so besser zugreifen können, wenn die Antifa anrückt. Hier stehen also nebeneinander: Kubitscheks Verlag Antaios, das Magazin Compact des Polit-Aktivisten Jürgen Elsässer – und die NPD-Stiftung Europa Terra Nostra.

Die größte Aufregung an diesem Tag aber: eine Schülergruppe, die ein bisschen provozieren will. "Sind Sie überhaupt rechts?", fragt ein Junge, am Stand von Compact. Er möchte den riesenhaften Mann im Sakko, auf der anderen Seite des Tresens, wirklich herausfordern. "Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links – wir sind vorne", sagt der Riese. Wie er zum Thema Migration stehe, fragt der Schüler. Darauf der Riese: "Deutschland kann doch nicht die ganze Welt aufnehmen!" – "Das ist doch rechts!", sagt der Schüler. Wenig später versucht er dasselbe nebenan bei Antaios, mit Götz Kubitschek. Als er wieder weg ist, sagt Ellen Kositza, Kubitscheks Frau und Redakteurin der Zeitschrift Sezession: "Der Kleine war bestimmt Klassensprecher."

Ansonsten kommen an diesem Tag fast ausschließlich Fans. Einmal läuft eine junge Frau vorbei und ruft: "Ihr seid so ekelhaft!" Aber das reicht nicht für Schlagzeilen. Sinnieren beim Standpersonal: Jaja, frühestens Freitagnachmittag, sicherlich aber am Wochenende werde es zu Protesten kommen. Dann träten Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld auf, zwei der wichtigsten Autoren des Hauses. Außerdem spreche Akif Pirinçci, Autor des Compact-Magazins. Der ist wegen Volksverhetzung verurteilt, weil er einst auf einer Pegida-Demo überkochte. Und am Sonntag komme Autor Martin Sellner.

Tag 2: Freitag, 16. März

Jürgen Elsässer, Chefredakteur des Compact- Magazins, wird oft und fleißig fotografiert. Von Fans, die sich mit ihrem Idol ablichten lassen wollten. Heute aber fotografiert ihn jemand anderes. Ein hipper Student – ganz in Schwarz, große Hornbrille, die Fingernägel türkis – holt sein Smartphone heraus, knipst und lädt das Foto auf Instagram hoch. "Big Dreck", schreibt er dazu; von Elsässer unbemerkt.

Daneben hat sich eine große Traube gebildet. Marc Dassen, ein junger Compact-Redakteur, hat sich auf eine Diskussion mit linken Jugendlichen eingelassen. Die konfrontieren ihn jetzt mit Vorwürfen, es geht um ein Cover mit dem Titel: Islam – Gefahr für Europa. Die Diskussion zieht immer mehr Zuhörer an, Dassen ist schließlich von rund 40 Menschen umringt. Das lockt wiederum Sicherheitskräfte und die Polizei. Doch das Gespräch verläuft friedlich, und am Ende gesteht Dassen ein: "Wir hätten besser 'Islamismus' schreiben sollen. Aber wir provozieren halt gerne."

Elsässer stattet Kubitschek einen Besuch ab. Zwölf Uhr, Zeit für ein Glas Wein. Überhaupt wird bei Antaios die ganze Zeit Wein getrunken. Für Sonntagnachmittag planen Elsässer und Kubitschek ein gemeinsames Podiumsgespräch. Das soll sich um den "Riss in der Gesellschaft" drehen. Der müsse vertieft werden! Kubitschek hatte das schon in Dresden gesagt, am Rande des Bühnen-Auftritts von Uwe Tellkamp, der hier natürlich über allem schwebt. Man will die Bürgerlich-Konservativen auf die eigene Seite ziehen, erklären Kubitschek und Elsässer. Letzterer: "Wir brauchen eine Allianz von Bosbach bis Bachmann", große Freude über das Wortspiel. Kubitschek sei dabei für die intellektuelle Tiefe zuständig, er selbst für die breite Masse. Und so haben sich die beiden den Markt schon aufgeteilt, wie Elsässer zugibt: "Antaios spricht die Akademiker an – Compacts Zielgruppe sind Friseusen."

Der Protest? Bleibt schon wieder aus. Ein paarmal werden handgemachte Antifa-Zettel verstreut ("Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda"). Am Compact-Stand ist man damit beschäftigt, die immer wieder neu angebrachten "No Nazis"-Sticker zu entfernen, mit routinierter Empörung. In Deutschland könne man seine Meinung nicht äußern, sagt ein Stand-Betreuer, Uwe Tellkamp sei da ein gutes Beispiel. Wegen seiner Äußerungen habe sein Verlag ihn "rausgekickt" (stimmt nicht, egal).

Kubitschek und Kositza wird es jetzt endgültig zu langweilig im "rechten Eck".