Von der künstlerischen Kraft der Romane hat Mosebach, geboren 1951, Frankfurter, Büchnerpreisträger, einmal behauptet, man nehme sich selbst mit ihnen "unversehens schärfer unter die Lupe, man ändert sich ein wenig, man kehrt nicht als derselbe" von der Lektüre zurück. Das ist für ihn ein Kennzeichen aller echten Kunst: Sie ist, weil sie Veränderung, Wandlung bewirkt. Sie ist, weil sie wirkt. Aber alles Echte wie alle Kunst kennt dabei keine festen Behausungen, keine kanonisierbaren Orte. Kunst ist zumeist dort, wo sie nicht vermutet wird. Sie steht quer zum Erwartbaren, liegt der Tagesmeinung und den Moden schwer im Magen. Das gilt für die von Mosebach nahezu uneingeschränkt bewunderten Romane Heimito von Doderers, das gilt für die von ihm wieder und wieder zitierten Aphorismen Nicolás Gómez Dávilas, für den von ihm eingehend beschriebenen Zyklus "Die fünf Kontinente" Werner Tübkes, für so verschiedene Künstler wie Rebecca Horn, Botho Strauß oder Gottfried Keller. Und es gilt, natürlich, für sein eigenes Werk: Man kehrt nicht als derselbe zurück, doch "ob diese Prägung zum Guten oder zum Schlechten gerät, ist ein unvorhersehbares Risiko".

Das Risiko der Mosebach-Lektüre besteht darin, sich in Widersprüche zu verwickeln. Vornherum zu bestaunen, was man hintenherum meint abzulehnen. "Große Romane durchkreuzen ihre eigenen Theorien", sagt Mosebach, "widersprechen ihnen, ohne sie zu widerlegen."

Der größte Roman ist für ihn das Christentum, der schönste der Katholizismus, von dem er gern behauptet, er sei "ohne Zweifel die komplizierteste Religion der Welt, unbekannt vor allem bei ihren Gläubigen". Unbekannt in seinem inneren Widerspruchsreichtum, unfassbar für jene, die ihn auf den schmalen Korridoren der Vernunft ergründen wollen. Dass alles gegen den Katholizismus zu sprechen scheint, spricht laut Mosebach für ihn. Katholisch ist ihm kein bloßer Konfessionsbegriff. Im Katholizismus zeige sich vielmehr, was Christentum wesentlich ist: Offenbarung, Geschenk, Zumutung. Rational nicht einzuholen, vom Kopf nicht zu beherrschen. Wie kann man ernsthaft an die Jungfrauengeburt Jesu glauben? Wie kann man sie nicht bewundern?

Das sind Fragen, die auch einen Protestanten umtreiben. Oder einen Kopten. Es sind Fragen danach, was es bedeutet, an diesen Gott zu glauben.

In seinem jüngsten Buch, Die 21, hat sich Martin Mosebach nach Oberägypten aufgemacht, um die Familien jener 21 koptischen Gläubigen zu besuchen, denen im Februar 2015 am libyschen Strand bei Sirte von IS-Terroristen die Kehlen durchschnitten wurden. Mosebach spricht in seinem Reiseessay nicht vom Terror und nicht vom Islam. Ihn interessiert die Glaubensfestigkeit der 21 koptischen Martyrer, mit denen sie ihre Hinrichtung hinnahmen. Der Glaube war für sie, schreibt Mosebach, die "letzte und höchste Wirklichkeit" des Lebens: "Was sie in Gestalt des Glaubens besaßen, war unendlich viel kostbarer für sie als alles, was sie hätten erwerben können, wenn sie ihn aufgaben." Die Tiere, so fügt er an, sind in sich vollkommen, "aber die Menschen sind unvollkommen, sie bedürfen zu ihrer Vollständigkeit der göttlichen Ergänzung".

Das ist ein Bekenntnis. "Jeder echte Künstler ist als einer anzusehen, der sein anerkanntes Heiliges bewahren und mit Ernst und Bedacht fortpflanzen will", hat Goethe in einem Brief an Carl Friedrich Zelter 1811 behauptet. Mit Ernst und Bedacht wider die "nüchterne, verehrungsunwillige, von Visionen enttäuschte Zeit", die sich in nichts so sehr gefällt "wie in der Ablehnung dessen, was man die Autorität des Ergreifenden nennen könnte", wie Sebastian Kleinschmidt geschrieben hat, langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form, die gern Mosebach-Essays druckt, noch in der aktuellen Ausgabe.

Die Autorität des Ergreifenden: Man muss ältere Freiheiten in Anspruch nehmen, um darin kein bloßes Unterwerfen zu erkennen. Die älteste und wichtigste Freiheit ist für Mosebach in der Liturgie aufgehoben. Es ist kein Zufall, dass er wieder und wieder auf liturgische Fragen zurückkommt. Vor elf Jahren in seinem heftig diskutierten Buch Häresie der Formlosigkeit, vor vier Jahren in seiner Essaysammlung Der Ultramontane, 1996 schon in seinem Aufsatz "Die katholische Kirche in Momentaufnahmen", jetzt in Die 21 abermals. "Ein Ritus", schreibt er hier, "erhebt den Anspruch, eine zweite Natur zu werden. Er will, dass man ihn in einer Art höherer Gedankenlosigkeit vollzieht." Liturgie als Ritus ist "Mysterienfeier", ist "Herstellung von Wirklichkeit". Die Liturgie macht demnach zu einem "Ding, das fühlt", wie der italienische Philosoph Mario Perniola in seinem Buch "Vom katholischen Fühlen" notiert. "Als Teilnehmer der heiligen Messe", so Mosebach in der Häresie der Formlosigkeit, "will ich gerade nicht tätig sein, denn ich habe allen Grund, mir und meinen geistigen und sinnlichen Antrieben zu misstrauen."