ZEIT: Wie das?

Abdollahi: Ich hatte keinen guten Bart, also habe ich 50 Euro in einen richtig tollen investiert. Ich wollte es gut machen und ordentlich aussehen. Die Kinder sollten doch glauben, dass ich der Weihnachtsmann bin.

ZEIT: Sehr engagiert.

Abdollahi: Ich habe mir auch passende schwarze Schuhe gekauft. An meinen Turnschuhen hatten die Kinder immer erkannt, dass ich nicht der Weihnachtsmann sein konnte. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass ich für mein Geld arbeiten muss. Dass ich alles am besten selber mache und nicht auf andere angewiesen sein sollte.

ZEIT: Sie waren fünf Jahre alt, als Ihre Familie nach Hamburg kam. Warum haben Ihre Eltern den Iran verlassen?

Abdollahi: Meine Eltern haben hier studiert und sich ineinander verliebt. Als sie zurück nach Teheran kamen, brach der erste Golfkrieg aus. 1986 ist die gesamte Familie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Ich erinnere mich noch, dass wir anfangs nie wussten, wie lange wir noch bleiben konnten. Das Visum wurde immer nur für wenige Monate, später auf ein oder zwei Jahre verlängert. Wir mussten immer wieder zur Ausländerbehörde gehen und hoffen, dass die sagen, wir können bleiben.

ZEIT: Haben Sie als Kind die Unsicherheit gespürt?

Abdollahi: Ich habe die Anspannung meiner Eltern gespürt. Wir saßen in diesen grauen Räumen und mussten warten. Ich erinnere mich noch an Aktenberge und den erleichterten Gesichtsausdruck meiner Eltern, wenn das Visum verlängert wurde. Erst nach vielen Jahren bekamen wir eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.

ZEIT: Wie hat sich Ihr Leben in Deutschland verändert?

Abdollahi: In Teheran waren wir eine wohlhabende Familie. Wir hatten eine wunderschöne Wohnung im Norden der Stadt, beste Lage, wo die Luft besser war. Ich hatte ein schönes Zimmer mit allem, was ich brauchte. Ich war fünf, für mich ging das, aber für meine Familie war es, glaube ich, schwierig, nach Eidelstedt zu ziehen.

ZEIT: Wie war Ihr Lebensstandard in Eidelstedt?

Abdollahi: Fünf Familien mit Kindern in einer 70-Quadratmeter-Wohnung. Großeltern, Tanten, Onkel, wir. Es hat funktioniert. Es musste funktionieren. Hamburg war ein Downgrade. Im Vergleich zu Teheran war das eine Kleinstadt.

ZEIT: Wie ist Ihre Familie damit umgegangen?

Abdollahi: Meine Eltern haben vom ersten Tag an gearbeitet. Es gab keinen, der zu Hause geblieben ist. Sie wussten, wenn sie hart arbeiten, können sie die 70-Quadratmeter-Wohnung verlassen. Es hat uns aber an nichts gefehlt. Alles, was ich haben wollte, habe ich bekommen. Meine Eltern haben an uns Kindern nicht gespart.

ZEIT: Haben Ihre Eltern Sie verwöhnt?

Abdollahi: Ja, schon. Ich komme aus einem anderen Kulturkreis. Sachen wie "Du darfst nicht so viel fernsehen" gibt es da nicht. Bei uns macht jeder, was er will. Solange ich gute Noten hatte, fleißig war, konnte ich so viel fernsehen und Junk-Food essen, wie ich wollte. Das hat mir beigebracht, selbst ein gesundes Maß zu finden.

ZEIT: Mussten Sie zu Hause mithelfen?

Abdollahi: Ich habe in den Betrieben meiner Eltern von klein auf Verantwortung übernehmen müssen. Sie waren Geschäftsleute. Ich stand hinterm Tresen, hinter der Rezeption, hinter dem Computer. Meine Eltern arbeiten bis heute hart, obwohl sie es nicht müssten. Es gibt das System Rente in meiner Kultur nicht. Man beginnt auch nicht später, sein eigenes Leben zu leben. Stattdessen hilft man mit, ob im Betrieb oder zu Hause.

ZEIT: War das bei Ihnen auch so?

Abdollahi: Das war bei mir auch so. Ich habe zwar gearbeitet, war also auf das Geld meiner Eltern nicht angewiesen. Aber ich habe mit ihnen zusammengelebt, bis ich Ende zwanzig war.