Eigentlich hat sie alles richtig gemacht. Sie hat alles getan, was man Menschen rät, damit sie nicht in Armut abrutschen. Hat eine Ausbildung gemacht, danach noch studiert. Hat die letzten 49 Jahre fast durchgehend gearbeitet, auch während des Studiums, auch als ihre Tochter noch klein war. Hat in eine private Rentenversicherung eingezahlt, selbst in Jahren, in denen es knapp war. Hat Geld gespart. Jetzt ist sie 66, seit Kurzem in Rente, und weiß nicht, wie sie in zwei, in drei, in fünf Jahren noch ihre Wohnung bezahlen soll.

Die Wohnung, in der sie ihr halbes Leben verbracht hat, hochschwanger ist sie im Sommer 1984 eingezogen. Auf dem Schreibtisch liegt ein grauer Ordner, den sie vor Kurzem für den Termin bei der Mieterberatung zusammengestellt hat, darin ein Brief: Nettokaltmiete bisher 594 Euro, Nettokaltmiete in Zukunft 654 Euro. Warm soll sie bald 815 Euro zahlen, dazu noch Wasser und Strom. Der Rat des Mietervereins? Mal die Hausverwaltung fragen, ob man die Summe nicht ein bisschen reduzieren könne, auf die vielen Wasserschäden hinweisen. Mehr lässt sich nicht tun, denn die Mieterhöhung ist im gesetzlich erlaubten Rahmen geblieben: 15 Prozent in drei Jahren.

In dieser Geschichte geht es nicht um skrupellose Vermieter, die illegale Wuchersummen verlangen. Es geht darum, dass schon die legale Mietentwicklung vielen Menschen existenzielle Sorgen bereitet. Und zwar nicht nur jenen, die es immer schon schwer hatten auf dem Mietmarkt. Sondern auch der akademisch gebildeten Mittelschicht.

Sie hat lange darüber nachgedacht, ob sie ihre Situation unter ihrem echten Namen schildert, hat sich mit Freundinnen und Kollegen beraten. Dann hat die Scham gesiegt. Und die Sorge: Die Wohnungssuche wird ohnehin schon schwer genug, sie will es sich nicht noch schwerer machen. Deswegen heißt sie hier Ursula Fligge.

Fligge, schulterlange graue Haare, ungeschminkt, Brille mit violettem Rahmen, sitzt an ihrem hölzernen Eckschreibtisch, dreht sich weg von dem Text, den sie gerade korrigiert, weg von den bunten Leuchtstiften und den Wörterbüchern, von den vielen Topfpflanzen, die dahinter wuchern, und erzählt, wie sie in die Lage kam, in der sie heute ist. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Niedersachsen, der Vater Buchhalter, die Mutter Hausfrau, Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen, beide mit Volksschulabschluss. Die älteste Tochter Ursula aufs Gymnasium zu schicken können sie sich nicht vorstellen, es wird nur die Realschule. Mit 17 beginnt sie als Sekretärin an einer Berufsschule. Nach anderthalb Jahren kommt ein Lehrer auf sie zu: Fräulein Fligge, ich hab mir in Hamburg eine Sprachenschule angeguckt, und ich finde, Sie müssen da hin. Das Mädchen vom Land zieht in die große Stadt, in ein Studentenwohnheim, lernt an der Höheren Handelsschule Steno, Englisch, Französisch, Spanisch. Zieht um in eine WG mit drei anderen jungen Frauen, studiert Volkswirtschaft, später Politologie, macht ein Praktikum in der Türkei, jobbt neben der Uni als Fremdsprachenkorrespondentin und bei einem Magazinverlag. Nach dem Studium bekommt sie dort eine Schwangerschaftsvertretung, arbeitet ein Jahr lang Vollzeit. Dann wird sie selbst schwanger.

Ihre Wohnung damals: zwei Zimmer in Eimsbüttel mit Blick auf einen gepflasterten Hinterhof, manchmal ziehen sie und ihre Nachbarinnen dort eine Leinwand hoch und schauen Filme. Ihr Freund Michael arbeitet in einer anderen Stadt, sie führen eine Fernbeziehung. Nun brauchen sie etwas für drei in Hamburg. Monatelang lesen sie Inserate in Zeitungen, schreiben Briefe: An das Hamburger Abendblatt, Offerte N_69875_HA, sehen sich zwanzig Wohnungen an. Die, in der Fligge jetzt sitzt, wollen sie zuerst nicht einmal besichtigen. Hamm-Nord? Diese Schlafstadt gleich beim Horner Kreisel? Diese dunklen Backsteinbauten, dieses Uniforme, nee, da will sie nicht hin. Aber Fligges Bauch wird immer runder, und sie wünscht sich eine Hausgeburt. Freunde überreden sie, die Wohnung zu nehmen. Höchstens drei Jahre, schwören sich Fligge und ihr Freund. Sechs Wochen nach dem Einzug bringt Fligge ihre Tochter Ella zur Welt, im hinteren Zimmer, dem rot-orangen. Das Bett war damals ein anderes als heute, aber es stand in derselben Ecke, direkt neben der Balkontür.

Fligge geht jetzt durch die Wohnung. Die beige Einbauküche ist seit ihrem Einzug da, die Badewanne noch länger. Hier stand der Kinderschreibtisch, den Ella nie benutzte, dieser Schrank stand früher da drüben, da war Michaels elektronische Orgel eingebaut. Hier im Flur hingen die Ringe, an denen Ella turnte, alles dick gepolstert natürlich, es hat sich nie jemand über Lärm beschwert.

Seit ihre Tochter ein paar Monate alt ist, macht Fligge wieder Urlaubsvertretungen im Verlag, mal drei Wochen lang, mal zwei Monate. Einmal bleibt ihr nichts anderes übrig, als Ella mit ins Büro zu nehmen, sie stellt ein großes Schild auf: Achtung, Baby krabbelt. Zwei Jahre lang arbeitet sie an einem Forschungsprojekt mit, dann bekommt sie eine 30-Stunden-Anstellung in einem Buchverlag. Als der sich später aus Hamburg zurückzieht, macht sich Fligge als Lektorin und Schlussredakteurin selbstständig, 40 ist sie da.