Miley Henle ist acht Jahre alt, sie liebt Playmobil, Röcke, Geburtstagspartys und ausgiebige Einkaufstouren. Da unterscheidet sich das Mädchen kaum von anderen in ihrem Alter. Und doch ist das Leben von Miley längst kein gewöhnliches mehr. Als sie vor Kurzem in einem Münchner Einkaufszentrum einen Playmobil-Funstore besucht, schier ausrastet vor Begeisterung über die meterlangen Regalreihen voller Spielzeugkartons, nimmt das Auge einer Kamera jeden Wimpernschlag des Kindes auf. Das Video wird sich später einreihen in die Menge jener, die auf dem YouTube-Kanal "Mileys Welt" zu finden sind. 294.855 Zuschauer haben dem Mädchen bis heute dabei zugesehen, wie sie "Oh, mein Gott!" ruft, mit wippendem Zopf durch den Laden hüpft und zu ihrem Vater sagt: "Ich will das Ganze hier!"

Miley Henle hat keine besonderen Talente, sie ist nicht hochbegabt oder besonders durchtrainiert, sie kann keine Zaubertricks und ist auch nicht besonders mutig. Sie ist ein ganz normales Kind, das in Gersthofen bei Augsburg mit ihren Eltern in einem Reihenhaus lebt. Und doch ist sie ein YouTube-Star, eines der berühmtesten Mädchen Deutschlands. Der YouTube-Kanal "Mileys Welt" (früher: "Cute Baby Miley") hat 434.000 Abonnenten.

Wer die Videos schaut, kennt sich bei Familie Henle zu Hause aus

Ein Besuch in Gersthofen. Das große graue Familiensofa, über dem ein Bild hängt von einem Fischerboot, das in den Sonnenuntergang fährt. Alles schon mal gesehen. Immerhin gibt es mittlerweile 1.397 Videos aus dem Miley-Kosmos. Wer die schaut, kennt sich aus: Da sind Vater Robert, der meist hinter der Kamera steht, aber oft auch mit Miley Spiele ausprobiert, Mutter Aynur, die im Video "Pusteparty" immer ruft: Da wird einem schwindlig! – und der 16-jährige Bruder Cihan.

Alles begann damit, dass Robert Henle vor vier Jahren auf die Idee kam, Anleitungen ins Netz zu stellen, in denen er zeigt, wie man aus Knete Figuren machen kann. Miley hatte ihn darauf gebracht, weil sie selbst solche Videos begeistert anschaute. Allerdings waren die alle nur auf Englisch. Henle, ein ehemaliger Polizist, der in den vergangenen Jahren als Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn gearbeitet hat, vermutet eine Marktlücke und eine Möglichkeit, auf neuem Wege Geld zu verdienen. Im September 2014, neun Monate nach dem Start, treten auch Miley und später seine Frau Aynur und der Sohn Cihan vor die Kamera.

"Ganz ehrlich: Wir wissen nicht, wieso wir auf einmal so erfolgreich waren."
Robert Henle

Die Rechnung geht auf: Im Sommer 2015 explodieren die Zahlen. Seit einem Jahr gehört "Mileys Welt" gar zu den Top 100 der deutschsprachigen YouTube-Kanäle. "Ganz ehrlich: Wir wissen nicht, wieso wir auf einmal so erfolgreich waren", sagt Robert Henle. "Vielleicht waren wir einfach zur richtigen Zeit am Start. Vielleicht hat es mit Miley zu tun, die die Fans so gernhaben."

Egal, was Miley erlebt, es mag noch so gewöhnlich und langweilig sein, ihre Fans möchten es sehen. Mileys erster Schultag: 881.836 Aufrufe, Miley als Meerjungfrau: 1,1 Millionen Aufrufe, Mileys Riesensauerei in der Küche: 744.664 Aufrufe, Mileys Einhorn-Geburtstagsparty: 1,7 Millionen Aufrufe, Mileys Schulunfall: 1,6 Millionen Aufrufe, Miley beim Familien-Fotoshooting: 189.535 Aufrufe, Miley feiert ihren siebten Geburtstag auf dem Campingplatz: 1,7 Millionen Aufrufe. Es gibt Videos von Miley in jeder Lebenslage.

Die Familie wird erkannt, sobald sie das Haus verlässt

Unter jedem Video finden sich Hunderte, manchmal Tausende von Kommentaren: "Miley, du bist so süß" – "Ihr seid die besten YouTuber der Welt" – "Ich liebe eure Videos". Am Anfang haben Miley und ihr Vater noch versucht, auf jeden einzelnen Kommentar zu antworten. Mittlerweile veranstalten sie Autogrammstunden und Fan-Treffen. Den Veranstaltungsort geben sie vorher über YouTube bekannt. Die Familie wird erkannt, sobald sie das Haus verlässt, selbst im Ausland passiert ihnen das. Manchmal stehen die Fans direkt vor der Haustür. Der Postbote bringt jeden Tag Geschenke – Bücher, Handyhüllen. Miley findet das großartig.

Wie kommen Eltern dazu, ihr Kind zu vermarkten?

Diese Frage mögen die Henles nicht. Diesen Vorwurf finden sie ungerecht. Miley habe ein ganz normales Leben, gehe zur Schule, habe Freunde. Dass öfter mal die Kamera mitläuft, falle ihr schon gar nicht mehr auf. Das ist längst Alltag. Ein Alltag, von dessen Zurschaustellung inzwischen die ganze Familie lebt.

Seit dem Erfolg von "Mileys Welt" haben die Henles weitere YouTube-Kanäle eröffnet. Auf "Family Fun" sehen die Zuschauer nun, was die ganze Familie macht (311.828 Abonnenten), auf "The Beauty and the Beast" gibt der älteste Sohn Hakan, der schon verheiratet und ausgezogen ist, mit seiner Frau Ilkay einen Einblick in sein Leben (233.418 Abonnenten), und sogar Hündin Kira hat einen eigenen Sendeplatz im weltweiten Netz (31.422 Abonnenten). Was man da erfährt? Dass Kira gerne an einer roten Wolldecke herumbeißt, Gummihühner liebt oder sich am liebsten in Schlammlöchern wälzt. Wer diese Informationen braucht? Eine nebensächliche Frage, die sich die Henles so nie stellen würden. Mit Hingabe filmen sie Details aus ihrem Leben, einem eigentlich ganz gewöhnlichen Leben. Mal im Mittelpunkt, mal im Hintergrund: die aufgedrehte, oft kichernde, quietschende Miley.