Fast jedes zweite Kind zwischen sechs und sieben Jahren nutzt bereits das Internet, täglich rund 40 Minuten. Unter Zwölfjährigen gibt es kaum noch jemanden, der nicht ab und an surft. Wer zwischen 16 und 18 Jahre alt ist, nutzt das Internet täglich für etwa zwei Stunden. Am beliebtesten sind dabei WhatsApp und YouTube. Diese Zahlen stammen aus einer Studie des Digitalverbands Bitkom, der zusammen mit dem Marktforschungsinstitut Forsa 926 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 18 Jahren befragt hat. 36 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben Lieblingsstars auf YouTube. Damit sind die sogenannten Social Influencer beliebter als Idole aus den klassischen Bereichen Sport und Schauspiel. Anders als die Stars der Elterngeneration wirken die YouTuber nahbar, sie sind oft im selben Alter wie ihre Fans, könnten ihre Freunde sein, reden über angesagte Themen, bewegen sich in ähnlichen Lebenswelten. YouTube-Videos wirken authentisch, aber die Grenzen zur Inszenierung sind fließend und nicht immer zu erkennen.

Alle hier haben einen Vollzeitjob

Seitdem Robert Henle vor vier Jahren angefangen hat, seine kleinen Knetfiguren ins Internet zu stellen, hat sich das Leben seiner Familie stark verändert. Aynur Henle, die in einem Dialysezentrum Patienten betreut, hat unbezahlten Urlaub eingereicht. Robert Henle hat seine Stelle bei der Bahn gekündigt. Die Familie wird nun ganz von YouTube finanziert. Das heißt aber auch: Alle hier haben einen Vollzeitjob. Täglich müssen neue Videos gedreht, geschnitten und hochgeladen, Instagram, Facebook und Co. mit Inhalten und Fotos gefüttert werden. Es gibt Momente, da weiß die Familie gar nicht mehr, wovon das nächste Video handeln soll. Miley kichert und quietscht besonders laut, wenn sich ihre Familie seltsamen Challenges aussetzt, mit dem Mund kleine Plastikfiguren aus eiskaltem Wasser angelt oder Smoothies trinkt, die aus Bananensaft, Bohnen, Ei und Salz zusammengemischt wurden. Firmen interessiert das brennend, was die Henles da tun. In ihrem Postfach landen jede Woche rund zehn Kooperationsanfragen von Unternehmen, die ihre Produkte auf einem der Kanäle vorstellen wollen. Nur einen Bruchteil davon nehmen die Henles an. 17 Werbeaktionen waren es im vergangenen Jahr. Ein Verlag hat ein Freundschaftsbuch unter Mileys Namen herausgebracht. Bei Amazon ein Bestseller.

Robert Henle weiß, "dass die wichtigste Währung bei YouTube Glaubwürdigkeit ist". In den Clips auf "Mileys Welt" verzichtet er seit einiger Zeit auf Produktplatzierungen. Geld verdient die Familie ausschließlich mit den Werbeanzeigen, die in ihren Videos eingeblendet werden. Wie viel sie genau mit all den Kanälen umsetzen, wollen sie nicht verraten – und dürfen es auch nicht, denn YouTube hat den Teilnehmern seines Partnerprogramms verboten, darüber zu sprechen. Unabhängige Schätzungen gehen davon aus, dass 1.000 Videoaufrufe einen Euro wert sind. Das würde bedeuten, dass der 17-minütige Clip über Mileys Einhorn-Geburtstag der Familie 1.700 Euro eingebracht hat, ihr Ausflug in den Münchner Playmobil-Store allerdings nur 290 Euro.

Der Familie Henle geht es gut. Vor einiger Zeit haben sie überlegt, in ein größeres Haus umzuziehen, mit zwölf Zimmern und Swimmingpool. Sie haben sich dagegen entschieden, obwohl sie es sich leisten könnten. Das Geld, sagt Robert Henle, legen sie lieber zurück für die Ausbildung der Kinder. Überhaupt, sagt seine Frau, verwöhne man Miley und sich selbst nicht zu sehr. Markenklamotten trage keiner in der Familie, der einzige Luxus seien eine Familienreise in die USA und ein neues Auto gewesen.

Warum tun die Eltern das?

Die Henles setzen sich Neid und Kritik gleichermaßen aus. Miley als Meerjungfrau? Miley im Bikini? Muss das sein? Warum tun die Eltern das? Die Henles haben sich beim Jugendamt gemeldet und um Rat gebeten. Sie wollten sicher sein, dass sie nichts Falsches tun. Miley steht nun nicht mehr als zwei Stunden in der Woche vor der Kamera. Klar hat sie auch mal keine Lust auf einen Clip. Aber die Fans wollen Nachschub. Ein Kanal, in dem nur alte Videos herumliegen, erzielt weder Klicks noch Werbeeinnahmen. Wie lange das Geschäft noch funktioniert, weiß niemand. Miley wird älter und wird irgendwann selbst entscheiden, ob sie noch vor die Kamera will.

Gerade kommt sie mit einer Freundin aus der Schule, sie kennt schon die Fragen, die jetzt gestellt werden. Ja, es sei ganz normal, ein YouTube-Star zu sein, sagt sie – und will weiter, hoch in ihr Zimmer. Einfach mal tun, was sie möchte, ohne dass ihr jemand dabei zuschaut. Puppen anziehen, in den Puppenwagen setzen und ab vor die Tür, spazieren gehen. Und der Vater mit seiner Kamera, der bleibt zu Hause.