Großes Kino in der Hofburg: Die Sondersitzung des Nationalrats zu den Geschehnissen um das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) läuft seit 75 Minuten, als Peter Kolba zum Aktionismus greift. Der Klubobmann der Liste Pilz lässt den Abgeordneten der FPÖ eine Packung Baldrian Forte auf den Tisch legen. Zur Beruhigung. Auch sonst geht es am Montag im Nationalrat hoch her. Alfred Noll (Liste Pilz) erklärt, eine Sachverhaltsdarstellung gegen Innenminister Herbert Kickl eingebracht zu haben. Und SPÖ-Klubobmann Christian Kern greift den Minister frontal an: "Sie haben keine 100 Tage gebraucht, um das Vertrauen der Menschen in den Sicherheitsapparat in Zweifel zu ziehen!" Kickl, durch zahlreiche Wahlkämpfe in der Disziplin Attacke gestählt, geht zum Gegenangriff über: Welches Problem denn Herr Kern mit dem Rechtsstaat habe?

Der große Schlagabtausch war aber nur die Ouvertüre. Am Dienstag kündigten die Sozialdemokraten an, dass sie einen Untersuchungsausschuss zu der Affäre einberufen werden, der viele Monate lang der Regierung auf den Zahn fühlen soll.

Drei Tage vor dem Beginn der Oppositionsoffensive sitzt Christian Kern in seinem Büro in der Löwelstraße. Dieser Skandal ist, auch wenn das der Chef der größten Oppositionspartei niemals zugeben würde, ein unverhofftes Geschenk für seine Partei. Eigentlich sei man davon ausgegangen, das Jahr 2018 komplett abschreiben zu müssen. "Aber jetzt stellen wir fest, wie die Regierung von einem Tagesproblem ins nächste taumelt", sagt Kern. "Ich bin mit unserer Bilanz in der Opposition extrem zufrieden." Man habe 13 Jahre lang bei Wahlen verloren, jetzt bei drei Landtagswahlen zugelegt. Natürlich brauche die Umstellung Zeit. Aber es gehe auch um Konsolidierung der eigenen Partei. Kern baut die Löwelstraße um, besucht Neumitglieder in den Bundesländern, im Herbst soll das neue Parteiprogramm fertig sein. Das ist Kerns positive Erzählung der vergangenen Monate. "Wir denken da langfristig. Wir müssen die Wahl in fünf Jahren gewinnen, nicht jetzt im April." Ist Kern amtsmüde? Nein, das sei Blödsinn.

Die Opposition im Nationalrat legte einen holprigen Start hin. "Die Neos haben ihre Nische gefunden", sagt die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle von der FH Kärnten. "SPÖ und Liste Pilz sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle." Die Liste Pilz verlor ihren Namensgeber, bevor es überhaupt losging – am Dienstag trat er in einer Pressekonferenz zum BVT erstmals wieder auf. Die SPÖ benötigte zunächst einmal Zeit, um ihre Wahlniederlage zu verdauen. Nur die Neos setzten fort, was sie in den vergangenen fünf Jahre begonnen hatten: ihre Oppositionsarbeit, die von Wutreden ihres Vorsitzenden Matthias Strolz entsprechend medial verkauft wird.

Opposition ist ein undankbares Geschäft. Es gibt wenig Posten zu verteilen. Es ist schwer, mit Themen durchzudringen. Die Regierungsparteien können die Opposition in den Ausschüssen auflaufen lassen und auch fleißige Abgeordnete durch andauernde Demütigungen zermürben. "Opposition ist Mist", meinte der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering einmal folgerichtig.

Im besten Fall kann Opposition heißen: eigene Themen setzen; öffentlichen Druck aufbauen, um Gesetzesvorhaben abzuschwächen; die Regierung vor sich hertreiben. Und sich Raum schaffen für kleine, amüsante Gemeinheiten, etwa Minister mit nervigen parlamentarischen Anfragen zu traktieren. Man muss ja nicht so staatstragend sein.

In der Opposition fehlen wortgewaltige Rhetoriker – und die Grünen

Doch die Opposition hat ein Problem: Der schwarz-blauen Regierung geht es gut. Ihre Reihen sind geschlossen, die Beliebtheitswerte stabil, die Boulevardmedien fassen sie mit Samthandschuhen an. Selbst emotionale Themen, die geplante Abschaffung der Notstandshilfe beispielsweise, verebben irgendwann.

"Und es fehlen präsente, erfahrene Parlamentarier und starke Rhetoriker", sagt die Kommunikationsberaterin Christina Aumayr. "Matthias Strolz steht derzeit allein auf weiter Flur. Ein Josef Cap und ein Werner Kogler fehlen."

Es fehlen vor allem auch die Grünen. Der Klub war eine eingespielte Truppe mit Spaß an der Kontroverse, für die Regierungskontrolle zum Selbstverständnis gehörte und die das mit ihren Abgeordneten auch transportieren konnte.