Das Portal verbreitet auch heute noch die Aura zeitloser Eleganz. Die klar gegliederte Fassade wirkt nüchtern und aufgeräumt, das silbrig glänzende Aluminium, das damals ein noch neuartiges Material in der Architektur war, strahlt metallischen Ernst aus. Das schnörkellose Portal wollte signalisieren, dass sich hinter dem prosaischen Entree eine zukunftsweisende Innovation der Medienbranche befand: Als sich Die Zeit, eine seit 1894 erscheinende Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Kunst, im Jahr 1902 zur Herausgabe eines Morgen- und Abendblattes entschloss, wurde in der Kärntnerstraße die neuartige Einrichtung eines Depeschenbüros geschaffen. In diesem Informationskontor konnten die aktuellen Nachrichten, die laufend über die Telegrafenleitungen eintrafen, weitaus schneller der Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht werden als auf bedrucktem Papier. Die Nachrichtenvermittlung in Echtzeit funktionierte wie eine Art Liveticker der analogen Ära. Ein Modernitätsemblem für die Bewohner der beschleunigten Großstadt, das nach einem entsprechenden Gesicht verlangte.

Eine Aufgabe, die für Otto Wagner maßgeschneidert war. Das kurzlebige Büro des Wochenblattes war zwar nur eine vergleichsweise kleine, aber umso emblematischere Intervention des vor 100 Jahren verstorbenen Architekten und Stadtplaners, dessen Bauten auch heute noch das Wiener Stadtbild prägen: von den markanten Stadtbahnbauten bis zur Kirche am Steinhof mit ihrer goldenen Kuppel, von den teilweise mit Majolikafliesen verkleideten Jugendstilhäusern an der Linken Wienzeile bis zum Direktionsgebäude der Postsparkasse, dessen Fassade durch aluminiumverkleidete Eisenbolzen den Charakter einer beschlagenen Geldtruhe erhält.

Vergangene Woche wurde im Wien Museum eine umfassende Otto-Wagner-Retrospektive eröffnet, für die ein gesamtes Stockwerk des Hauses frei geräumt wurde. Es ist, man mag es kaum glauben, die erste Ausstellung seit 55 Jahren, die dem visionären Stadtgestalter gewidmet ist. "Obwohl Otto Wagner das Baugeschehen in Wien 60 Jahre lang wie ein moderner Renaissancemensch beherrscht hat, wurde er nach seinem Tod schnell vergessen", sagt Eva-Maria Orosz, die gemeinsam mit Andreas Nierhaus die Ausstellung konzipierte. "Die Debatten kreisten bald um den kargen, funktionalen Stil der Bauhaus-Moderne. Ab den sechziger Jahren hat man sich dann, auch aus touristischen Gründen, auf das Wien der Jahrhundertwende und den Jugendstil konzentriert – und damit ein Wagner-Revival in die Wege geleitet."

Dass die Entwürfe des umtriebigen Bauplaners mit ihren floralen Ornamenten, goldenen Figurengruppen und monumentalen Tempelarchitekturen oft als leicht konsumierbare Wohlfühlarchitektur abqualifiziert wurden, sei ein fundamentaler Irrtum, meint Andreas Nierhaus: "In einer Zeit, in der die Ringstraßenbarone gerade noch historistische Palazzi hatten errichten lassen, waren die Wagner-Bauten ein unglaublicher Skandal, obwohl sie oft eine liebliche Anmutung hatten. Da sagte plötzlich ein Architekt, der dazu noch Professor an der Akademie war: Wir brauchen keine Kapitelle mehr, wir brauchen keine Säulen mehr, wir brauchen nicht einmal einen Obelisken – das war Stadtgespräch."

Die Verkürzung der überdimensionalen Figur Otto Wagner, der 1841 in Penzing geboren wurde, auf einen Jugendstilgestalter, der sich nicht nur mit Architektur, sondern auch mit Möbeln, Geschirr, Tapeten beschäftigte, sei trotzdem unzulässig. Die Ausstellung will diese Fehleinschätzung korrigieren: Man sieht Dokumente und Zeichnungen, die zeigen, wie sich der einstige Schüler der historistischen Meister Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, Schritt für Schritt von der "Stilarchitektur" des 19. Jahrhunderts verabschiedete. Diese Bauweise sei "kindisch", schrieb Wagner 1889 und postulierte: Der eigentliche "Zukunftsstil" werde der "Nutzstil" sein. Die Entwürfe aus der Spätphase zeigen bereits funktionalistische und schmucklose Bauten, die einen langen Schatten auf die Volkswohnpaläste und Superblocks des Roten Wien vorauswerfen. Verwirklicht wurden solche Konzepte allerdings erst von seinen Schülern nach dem Tod des Meisters.

Vor allem aber gibt die klar gegliederte Schau dem Stadtplaner und Urbanisten Otto Wagner breiten Raum. Noch die kleinste Bauaufgabe entwickelte sich bei ihm unter der Hand zu einer städteplanerischen Vision. Selbst als ihm in seinen letzten Lebensjahren während des Ersten Weltkrieges nur mehr hölzerne Lazarettbaracken zur Planung übertragen wurden, erdachte er immer neue Prachtalleen und monumentale Zukunftsquartiere.

Er war der Urtyp des modernen Tycoons, der mit einem großen Büro unermüdlich Konzepte und prächtig ausgeführte Architekturzeichnungen schuf, mit denen er Aufträge zu ergattern versuchte, die ihm nicht selbstverständlich zufielen wie etwa den Hofarchitekten seiner Zeit. Und, meint Andreas Nierhaus, er habe sich früh die Devise Think big! zu eigen gemacht: "Er hatte keinen Sinn für die romantisierende malerische Stadt, wie sie sein Kollege und Konkurrent Camillo Sitte propagierte, sondern orientierte sich an der Großzügigkeit und der Weitläufigkeit der prächtigen Avenuen und Boulevards, die Baron Haussmann in Paris verwirklicht hatte."

Mit seinem "Generalplan für Wien" wollte Otto Wagner bereits im Jahr 1893 ein Portal in die Zukunft der Stadtentwicklung aufstoßen. Er entwarf ein System von Ring- und Radialstraßen, dank derer sich die "unbegrenzte Stadt", von der er träumte, konzentrisch erweitern ließ. Überall waren Schnellbahnsysteme vorgesehen, sodass jeder Punkt der Stadt mit nur einmaligem Umsteigen erreichbar sein sollte. Was der Architekt geplant habe, sei "ein Akt radikalisierender moderner Mobilisierung", heißt es im Katalog zu der Ausstellung.

Für die Stadtbahn, mit deren künstlerischer Gestaltung Wagner betraut wurde, entwickelte er eine unverwechselbare Formensprache abseits historischer Schablonen, die damals so bahnbrechend war, dass Touristen Postkarten mit Motiven der Stadtbahnstationen verschickten.

Das Wien, das Wagners theoretische Vorstellungen beherrschte und seine praktischen Arbeit beflügelte, war eine imaginäre Metropole von vier Millionen Einwohnern und sollte sich vor allem jenseits der Donau entfalten, wo viel Raum für unbehinderte planerische Arbeit zur Verfügung stand. Der Erste Weltkrieg machte alle städtebaulichen Utopien zunichte, und als der "An- und Aufreger", wie ihn eine Zeitung nannte, im April 1918 starb, waren viele seiner innovativen und manchmal auch größenwahnsinnigen Projekte lediglich bis zum Stadium des Traumschlosses gediehen.

In Erinnerung bleibt ein Baukünstler, für den das Ornament definitiv kein Verbrechen war und der trotzdem vorwiegend in den Kategorien von Funktionalität, Effizienz und auch Wirtschaftlichkeit dachte. Die Ausstellung im Wien Museum präsentiert Otto Wagner, den Architekten, der sein Gewerbe nahezu zwanghaft immer wieder neu erfinden und erweitern wollte, in all der ihm gebührenden Ambivalenz und Widersprüchlichkeit. Und sie überlässt dem Publikum die Entscheidung: War er der letzte große Architekt des neunzehnten Jahrhunderts? Oder der erste des zwanzigsten?

"Otto Wagner" – Ausstellung im Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien. Bis zum 7. Oktober 2018. Der umfangreiche Katalog (544 Seiten) ist im Residenz Verlag erschienen und kostet 50,– €.