Vor der Jugendsynode im Herbst 2018 richtet sich Papst Franziskus mit dem Buch "Gott ist jung" an die Jugend. Im Interview mit dem italienischen Journalisten Thomas Leoncini spricht er unter anderem über Flüchtlinge, Klimaschutz, Arbeit, Glaube – und über seine eigene Jugend, seine Träume und Zweifel. 


Thomas Leoncini:
Papst Franziskus, zuerst einmal würde ich Sie gerne fragen: Was ist die Jugend?

Papst Franziskus: Die "Jugend" als solche existiert nicht. Wenn wir von "Jugend" sprechen, beziehen wir uns oft unbewusst auf die Mythen der Jugend. Ich mag den Gedanken, dass die "Jugend" selbst nicht existiert, dafür aber die Jugendlichen. So, wie auch kein "Alter" existiert, wohl aber die Alten. Und wenn ich "die Alten" sage, meine ich das nicht als Schimpfwort, im Gegenteil: Es ist ein wunderschönes Wort. Alt zu sein sollte uns glücklich und stolz machen, so wie wir gemeinhin stolz darauf sind, jung zu sein. Alt zu sein ist ein Privileg: Es bedeutet, genügend Erfahrung zu haben, um sich in all seinen Schwächen und Stärken selbst erkennen und anerkennen zu können; es bedeutet die Fähigkeit zur potenziellen Erneuerung, genau wie seinerzeit in jungen Jahren; es bedeutet, die notwendige Erfahrung und Reife erworben zu haben, um die Vergangenheit zu akzeptieren und vor allem aus ihr gelernt zu haben. Oft lassen wir uns von der Kultur des Adjektivs vereinnahmen, ohne die Unterstützung des Substantivs. Jugend ist ohne Zweifel ein Substantiv, aber eines ohne reale Unterstützung, eine verwaiste Idee ohne visuelle Schöpfung.

Leoncini: Welche Bilder kommen Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Ihre Jugend zurückdenken? Versuchen Sie sich doch bitte einmal als Zwanzigjährigen in Argentinien zu sehen ...

Franziskus: Mit 20 war ich im Priesterseminar. Ich hatte eine äußerst heftige Begegnung mit dem Schmerz: Mir wurde wegen dreier Zysten ein Teil der Lunge entfernt. Diese sehr intensive Erfahrung überschattet die Erinnerung an jene Zeit, um die du mich bittest, aber eins weiß ich noch gut, etwas sehr Persönliches: Ich war voller Träume und Wünsche.

Leoncini: Erinnern Sie sich an einen Ihrer Träume?

Franziskus: Ich erzähle dir eine kleine Geschichte, achte auf die hauchdünne Linie zwischen Wünschen und Grenzen: Ich war fast 17, und ich weiß noch, dass es der Tag war, an dem der Komponist Sergei Sergejewitsch Prokofjew starb, dessen Opern ich über alles liebte. Ich war bei meiner Großmutter mütterlicherseits und fragte sie, während wir draußen im Patio am Gartentisch saßen: "Wie kann jemand ein solches Genie besitzen, um Dinge zu machen wie die, an die uns Prokofjew gewöhnt hat?" Und sie antwortete: "Weißt du, Jorge, das ist Prokofjew nicht in die Wiege gelegt worden, er ist so geworden. Er hat gekämpft, geschwitzt, gelitten, geschaffen: Die Schönheit, die du heute siehst, ist die Arbeit von gestern, als er gelitten und alles gegeben hat, im Stillen." Gespräche wie dieses mit meinen beiden Großmüttern – Persönlichkeiten, an die ich ständig denke und die von besonderer Bedeutung für mich sind – werde ich niemals vergessen.

Leoncini: Gab es unerfüllte Träume?

Franziskus: Aber ja, und manchmal war das eine herbe Enttäuschung. Wie damals, als ich als Missionar nach Japan gehen wollte, aber wegen meiner Lungenoperation nicht entsendet wurde. Jemand hat mich seinerzeit in ganz jungen Jahren als "erledigt" abgestempelt, und trotzdem bin ich heute immer noch da, es ist also alles gut gegangen ... Es ist immer besser, nicht allzu sehr auf den zu hören, der einem übelwill, nicht wahr?

Leoncini: Sie sind Gott als junger Mensch begegnet, erinnern Sie sich an den exakten Moment?

Franziskus: Meine erste intensive Begegnung mit Gott hatte ich ebenfalls, als ich fast 17 war, genau am 21. September 1953. Ich wollte mich gerade mit meinen Schulfreunden treffen, um für einen Tag zelten zu gehen. In Argentinien beginnt mit dem 21. September der Frühling, und damals gab es ein Fest eigens für uns Jugendliche. Wie meine ganze Familie war ich zwar katholisch, aber nie zuvor hatte ich an das Priesterseminar oder eine Laufbahn in der Kirche gedacht. Vielleicht als Kind, als ich Ministrant war, aber das war nichts Ernstes gewesen. Während ich also so dahinlief, fiel mir plötzlich das offen stehende Portal der Kirche auf, und irgendetwas drängte mich, hineinzugehen. Drinnen sah ich einen Priester auf mich zukommen. Mit einem Mal verspürte ich den Wunsch, zu beichten. Ich weiß nicht, was genau in diesen Minuten geschehen ist, aber was auch immer es war, es hat mein gesamtes Leben für immer verändert. Ich verließ die Kirche und kehrte nach Hause zurück. Ich hatte auf eindrücklichste und unmissverständliche Weise verstanden, wie mein Lebensweg aussehen sollte: Ich musste Priester werden. Dennoch machte ich eine Ausbildung zum Chemietechniker, begann in einem Labor zu arbeiten und hatte eine Freundin, aber tief in meinem Inneren gewann die Idee des Priesteramts zunehmend an Kraft.

Leoncini: Sie befanden sich also in einem inneren Zwiespalt?

Franziskus: Ich wusste, dass das mein Weg sein würde, doch an manchen Tagen fühlte ich mich wie auf einer Berg-und-Tal-Fahrt. Ich will dir nicht verschweigen, dass auch ich hin und wieder zweifelte, aber Gott gewinnt immer, und wenig später fand ich mein inneres Gleichgewicht.

Leoncini: Haben Sie sich jemals von Gott verraten gefühlt?

Franziskus: Niemals. Ich war es, der ihn verraten hat. In manchen Momenten dachte wohl auch ich, Gott habe sich von mir entfernt, so wie ich mich von ihm entfernt hatte. Es geschieht in den dunklen Momenten, dass man sich fragt: "Wo bist du, Gott?" Für mich stand immer fest, dass ich es war, der Gott sucht – dabei war es vielmehr Er, der mich suchte. Er ist immer zuerst da, Er erwartet uns. Ich möchte das in Worte fassen, die wir in Argentinien verwenden: El señor nos primerea, der Herr ist uns voraus, Er erwartet uns; wir sündigen und Er erwartet uns, um uns zu vergeben. Er erwartet uns, um uns anzunehmen, um uns Seine Liebe zu schenken, und jedes Mal wächst der Glaube.

Die entmenschlichte Schönheit des Menschen

Leoncini: Was halten Sie von den Auswüchsen der ästhetisch-plastischen Chirurgie gerade bei den Jugendlichen?

Franziskus: Ich glaube, dass die Jugendlichen, egal ob Jungen oder Mädchen, vor allem deshalb immer häufiger auf die plastische Chirurgie zurückgreifen, um den gesellschaftlichen Normvorstellungen zu entsprechen und nicht als Abfall zwischen den anderen "weggeworfenen" Leben zu enden; zumindest versuchen sie, den Schein länger aufrechtzuerhalten, zum Kreis der Protagonisten zu gehören. Solange es uns nicht gelingt, uns von dieser Wegwerfkultur zu befreien, werden sich die Schwächsten leider weiterhin in der Illusion wiegen, im Flüchtigen eine Lösung gefunden zu haben. Wir alle müssen uns im Klaren darüber sein, dass eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip des Flüchtigen und des Wegwerfens erbaut ist, nur vorübergehende und trügerische Vergnügen bietet und keine tiefer gehenden und bleibenden Freuden.

Leoncini: Welche der aktuellen Trends des Flüchtigen beunruhigen Sie am meisten?

Franziskus: Was mir sehr zu denken gibt und auch Angst macht, ist die übertriebenen Liebe zu den Maskottchen, wie wir sie in Argentinien nennen, also jenen kleinen Haustieren, die von immer mehr Menschen als Begleitung überallhin mitgenommen werden – tagaus, tagein, von morgens bis abends. Viele Menschen sind von großer Tierliebe erfüllt, was durchaus wichtig und aus meiner Sicht auch richtig ist, denn Gott hat nicht nur den Menschen, sondern auch die Tiere und die Umwelt erschaffen. Bedenklich wird es jedoch, wenn die Menschen – von einem überwältigenden Gefühl der Einsamkeit und vielleicht vom Wunsch erfasst, einmal versuchsweise "Gott zu spielen" – geistig völlig in der Beziehung mit dem Maskottchen aufgehen. Dann benutzen sie die Tiere und missachten deren Würde. Es ist ein trügerischer Trend, um sich eine programmierte Zuneigung zu erschaffen: die programmierte Freundschaft, die griffbereite Familie, die griffbereite Liebe. Es ist eine nach dem eigenen Bild geformte Liebe, die den Menschen und die sozialen Beziehungen aus den Augen verliert, indem sie das Maskottchen mit einem Menschen gleichsetzt. In Wirklichkeit wird solch ein Tier der Sklave seines Eigentümers, und der zieht Befriedigung aus einer am Reißbrett entworfenen Beziehung, die als Ersatz für die menschlich-sozialen Beziehungen mit der dazu notwendigen Bereitschaft zum Dialog und Austausch dienen soll. Die Beziehung mit dem Maskottchen läuft Gefahr, zu einer zweckgebundenen, einseitigen Beziehung zu werden, in der einem immer und trotz allem verziehen wird und in der man sich alles erlauben kann. All das hat nichts mit Tierliebe zu tun, die selbstlos und daher etwas ganz anderes ist.

Weiterhin macht mir natürlich der Wirtschaftszweig der ästhetisch-plastischen Chirurgie große Angst. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie zum Muss für den Menschen wird; zu unserem eigenen Besten gilt es einer ausufernden künstlichen Ästhetik unbedingt Einhalt zu gebieten. All das entmenschlicht die Schönheit des Menschen, lässt ihn "wie alle anderen" aussehen. Aber merken wir denn nicht, wie hässlich es ist, "wie alle anderen" zu werden? Warum nur wollen wir einer Norm entsprechen? Warum lieben wir uns nicht, wie Gott uns erschaffen hat? Warum unterwirft sich der Mensch – ob Mann oder Frau – immer sklavischer dem Diktat des äußeren Scheins und des Besitzes und vergisst dabei, wie unersetzlich das Sein ist? Über diese Fragen denke ich häufig nach, denn meiner Meinung nach sind dies brennende Themen in einer derart flüchtigen und von Anfängen ohne Ende gekennzeichneten Gesellschaft wie der unseren. Anfänge ohne Ende: vielleicht genau das richtige Bild.

Leoncini: Diesbezüglich muss man nur auf Facebook, Instagram, Twitter oder Pinterest gehen und #lips #Lippen #küssen #kiss eintippen, um Zeuge eines hymnischen Lobs auf die Schönheitschirurgie – und zwar nicht nur bei jungen Frauen, sondern auch bei Männern – zu werden. Je aufgespritzter die Lippen, desto mehr Likes. Was halten Sie von alldem?

Franziskus: Ich finde das besorgniserregend, weil man auch in diesem Fall Gott spielt: Man spielt damit, sich ein anderes Erscheinungsbild als das von der Natur und der Naturgeschichte gegebene zu erschaffen. Wer sich fortwährend ein neues und paralleles Leben rekonstruiert, läuft Gefahr, in eine Abhängigkeit zu geraten, die damit endet, all das zu ersetzen, was Gott uns geschenkt hat. Denn ja, das Leben ist ein Geschenk, ich werde nicht müde, das zu wiederholen. Wenn ich ein Geschenk erhalte und es ständig, Tag für Tag, nach meinem Geschmack verändere, wie sollte dann der, der es mir gemacht hat, nicht enttäuscht sein? Gott verzeiht, das ist wahr, aber wir sollten mehr darüber nachdenken, wer oder was wir wirklich sind, über das Wesentliche. Auch wenn ich immer mehr begreife, dass der Grund all dessen unsere Gesellschaft selbst ist, die konsumiert und konsumiert und konsumiert und dabei dem Wesentlichen kaum noch Raum lässt, wohl aber dem äußeren Schein. Und deshalb scheint auch "Aufspritzen" erforderlich zu werden, um die Ausmusterung hinauszuzögern.

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Etwas ganz anderes hingegen ist die sorgsame Pflege seiner selbst, der Wunsch, sich seinen Mitmenschen gegenüber ordentlich zu präsentieren, die Achtung, der Anstand, die positive Aufwertung der eigenen Person, erwachsen aus einer berechtigten Eigenliebe und einem Sinn für die eigene Würde. Die richtige Pflege des Körpers und des eigenen Erscheinungsbildes ist jene, die auch im Äußeren eine innere Pflege und Schönheit zum Vorschein bringt. So ist es richtig und gut. Aber das Gleichgewicht ist schwierig, ich weiß. Es ist schwierig, einen Menschen zu verändern, ohne die Gesellschaft zu verändern, die ihn ernährt, und hier möchte ich wieder auf mein festes Vertrauen in die Jugendlichen zurückkommen, die zusammen mit den Alten die Gesellschaft verändern können.

Die Fragen stellte der italienische Journalist Thomas Leoncini. Das Gesprächsbuch "Gott ist jung" ist im Herder Verlag erschienen. 144 Seiten, 16 Euro.