Da unterzeichnen einige Dutzend Meinungsproduzenten, darunter der einst gefeierte Uwe Tellkamp, eine "Erklärung 2018" gegen die "illegale Masseneinwanderung" und für die "rechtsstaatliche Ordnung an unseren Grenzen", und das Neue Deutschland (ja, das gibt es noch) titelt: "Die Achse der Neuen Rechten". "Rechts" ist ein Pfui-Wort in diesem Land – irgendwo in der Nähe von "Kinderschänder" angesiedelt. Das ist eine deutsche Besonderheit. Right in den Anglo-Ländern, Droite in den frankofonen enthalten keine emotionale Ladung; diese Begriffe stehen für legitime Parteien im demokratischen Spektrum.

Dass die Deutschen seit Adolf H. einen Sonderweg eingeschlagen haben, erklärt sich von allein. Ein "Rechter" ist ein Neo-, Krypto- oder Altnazi – ein Nachfahr der braunen Brut, die Deutschland und Europa fast in den Untergang getrieben hatte. "Nie wieder!", lautet ein ungeschriebener Artikel des Grundgesetzes. Die Sozialistische Reichspartei, ein NSDAP-Ableger, wurde verboten, DVU, NPD und REP scheiterten routinemäßig auf der Bundesebene. Das politische Angebot schrumpfte: in der Mitte das Schwarz-Rot-Kaufhaus, daneben Boutiquen wie die FDP und die Grünen als Mehrheitsbeschaffer. Und rechts davon die große, unbeackerte Brache.

Eine "gute", respektable Rechte wie die Reagan-Republikaner oder die Thatcher-Tories konnte hier nicht wachsen – diese Kreuzung aus wertkonservativ, nationalbewusst und wirtschaftsliberal. Inzwischen hat sich die Ödnis in dem Maße ausgebreitet, wie die ewige Kanzlerin ihre Partei nach links schob und das politische Warenangebot noch weiter verknappte. Die "angebotsorientierte Politik" der AfD im Zeitalter der Masseneinwanderung war die Quittung. Die neuerdings stärkste Oppositionspartei hat reüssiert, wo noch jede Gruppierung rechts von der Union seit 1949 gescheitert war.

Woher eine respektable Rechte nehmen, wenn man sie für die Vielfalt braucht, um jene Demokraten einzufangen, die von den Etablierten nicht vertreten werden? Eine solche Rechte – konservativ, nicht reaktionär, patriotisch, nicht nationalistisch – kann hierzulande nicht entstehen, weil ein Fluch auf ihr läge. Die AfD fing an als "Professorenpartei", die völlig legitim wider den Euro stritt; seitdem hat sie sich ständig radikalisiert. Ein Konservativer, der Wandel in kleinen Portionen schätzt, will mit dieser Truppe nichts zu tun haben, auch nicht ein klassischer Liberaler, der das Autoritäre verabscheut.

Die "Aufrufer" vom 15. März haben das gleiche Problem. Unter ihnen befinden sich neben Tellkamp achtbare Figuren wie die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld. Aber weiter unten auf der Liste sieht man die raunenden Kämpen der Neunziger, die nationale Erweckungsparolen produzierten, das Ressentiment gegen den Westen pflegten und Apologetisches über den Nationalsozialismus unters Volk brachten.

Man darf es als Gesetz formulieren: In einem Land, wo schon vor den Nazis der Konservatismus à la Edmund Burke oder David Hume, der Traditions-Liberalismus eines John Locke oder Tocqueville nur flache Wurzeln geschlagen haben, kann eine wählbare Rechte nicht wachsen. Bloß ist das kein Trost, weil die Sumpfblüten weiter sprießen werden. Es sei denn, die Etablierten verbreitern ihr Angebot. Eine stabile liberale Demokratie kann es aushalten.