In der Sprache der Medizin ist eine konservative Behandlung eine, die auf chirurgische Eingriffe verzichtet. Das lässt sich auf konservative Politik übertragen: Sie meidet harte Schnitte und versucht, mit den Überlebenskräften des Bestehenden zu arbeiten. Eine Faustformel konservativen Denkens lautet: Nicht das Vorhandene muss sich rechtfertigen, sondern das Neue.

Im Sprachgebrauch der Öffentlichkeit verschwimmt das Konservative allerdings leicht mit anderen Tendenzen des rechten Spektrums, auch solchen, die im Gegenteil auf einen Sturz des Bestehenden hinarbeiten. Das sind die Reaktionäre, die zu einer verklärten Vergangenheit zurückwollen, aber auch die Kämpfer für eine völkische Erneuerung des Nationalstaates, die man eigentlich einem renovierten Faschismus zuschlagen müsste. Sie alle sind keine Konservativen, insofern sie auf eingebildete oder tatsächliche Probleme mit groben Maßnahmen reagieren wollen, während der klassische Konservatismus ja gerade Missstände hinzunehmen bereit ist, um eine radikale Lösung zu vermeiden: Der Patient muss sich nicht völlig gesund fühlen, Hauptsache, er lebt weiter.

Gleichwohl lassen sich Konservative, Reaktionäre und Neufaschisten natürlich gemeinsam der politischen Rechten zuschlagen, was indes nur die gefährliche Unschärfe des Links-rechts-Schemas beweist. Wenn man das traditionelle Muster unbedingt retten wollte, könnte man Konservative als rechts bezeichnen, Reaktionäre als rechtsradikal, die neuen Faschisten (Identitäre und Ähnliche) als rechtsextrem. Der Nachteil einer solchen Skala besteht darin, dass sie eine Art schiefe Ebene suggeriert, auf der einer, der sich als konservativ beschreibt, jederzeit über die Zwischenstation des Reaktionären zum Faschisten abgleiten kann. Für die politische Rhetorik der Linken ist das Bild der schiefen Ebene ein Vorteil: Konservative Fortschrittsskepsis lässt sich schon als Vorschein faschistischen Unheils deuten, leider eine gängige Übung.

Tatsächlich gibt es Konservative und Reaktionäre ebenso auf der Linken. Beispiel eines Linksreaktionärs ist der italienische Dichter und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini, insofern er Arbeiter, Bauern, regionale Minderheiten in der vorkapitalistischen Vergangenheit besser aufgehoben sah. Man kann sich sogar fragen, ob nicht Politiker heute, die den Sozialstaat, eine schließlich sehr linke Errungenschaft, gegen die Erosion durch Globalisierung und hungrige Zuwanderer wiederherstellen wollen, in diesem Sinne Linksreaktionäre sind.

Der Grund für die Flüssigkeit der Begriffe liegt in ihrer Relativität. Einen konkreten Sinn haben sie nur in einer konkreten historischen Situation. Der Widerständler Carl Goerdeler etwa galt seinen Mitverschwörern des 20. Juli als Reaktionär – weil er zu der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik zurückwollte. In der Sowjetunion dagegen müsste man von Breschnew an alle Parteiführer vor Gorbatschow als Konservative sehen – obwohl Chefs einer kommunistischen Partei.

Sogar die Links-rechts-Skala ist relativ; es hat ja auch die SPD einen rechten und die CSU einen linken Rand. Es ist eine Frage der Perspektive und kann gar nicht anders sein, und doch liegt eine Gefahr in der Relativität der Begriffe, die sich je nach Standpunkt verschieben lassen. Sie erlauben jede Manipulation, Verdunkelung oder Denunziation. Verdunkelnd ist es, die AfD als konservativ zu bezeichnen, obwohl sie gegen das "System" und "Altparteien" hetzt. Der Begriff der konservativen Revolution dagegen, der in den 1920er Jahren aufkam und den Alexander Dobrindt neulich wieder für den Kampf gegen den angeblich herrschenden linken Zeitgeist empfahl, ist ein offener Widerspruch in sich. Wenn eine Revolution gegen das Vorherrschende für nötig gehalten wird, ist es mit dem klassischen Konservatismus vorbei. Als Faustregel ließe sich vielleicht formulieren: Der Begriff des Konservativen wird oft gewählt, um das Reaktionäre zu tarnen, genauso wie der Begriff des Reaktionären dazu dient, den Konservativen zu denunzieren, der Entwicklungen nicht zurückdrehen, sondern nur den Fortschritt bremsen will.