1. Was ist nach Wladimir Putins Wahlsieg in den kommenden sechs Jahren zu erwarten?

Die sarkastische Reaktion von Putins Wahlkampfchef lässt ahnen, was die nächste Amtszeit bringt: "Danke, Großbritannien, für die Hilfe! Von dieser hohen Wahlbeteiligung haben wir nicht zu träumen gewagt!" Der Vorwurf der britischen Regierung, Russland habe den in England lebenden Agenten Sergej Skripal mit dem Gift Nowitschok umbringen wollen, wird als ein weiterer ungerechter Angriff dargestellt. Ebenso die damit verbundene Ausweisung von 23 russischen Diplomaten. Russland solle wieder einmal verunglimpft und isoliert werden, so die offizielle Moskauer Sicht. Wer sich derart von Feinden umkreist sieht, rückt zusammen – und umgeht damit praktischerweise die Notwendigkeit, sich den Anforderungen der Innenpolitik zu stellen und endlich mit überfälligen Reformen zu beginnen. Das ist schon lange Wladimir Putins Strategie. Ihren Höhepunkt fand sie 2014 während der Krim-Annexion: Die bescherte ihm zwar wirtschaftliche Probleme – aber auch traumhafte Umfragewerte.

In der Wahlnacht wirkte er gelöst, als ihn die Hochrechnung bei fast 77 Prozent sah und er vor ein Publikum aus Politikern, Journalisten, Sportlern und Unternehmern trat, um ihnen zu danken. Im Wahlkampf hatte er von neuen Nuklearwaffen gesprochen, mit denen man angeblich jedes Land der Erde treffen könne. Russland könne jeden Erstschlag mit einem nuklearen Gegenangriff beantworten, auch wenn das eine "globale Katastrophe für die Menschheit bedeuten würde".

Russland - Präsident Putin sichert sich vierte Amtszeit Der russische Präsident Wladimir Putin bleibt nach einem klaren Wahlsieg weitere sechs Jahre im Amt. Er erhielt laut der Wahlkommission gut 76 Prozent der Stimmen. Die Opposition beklagte Unregelmäßigkeiten. © Foto: Alexander Zemlianichenko/POOL/Reuters

Man spinnt sich ein in seiner Welt, und drumherum lauern die Feinde. Russische Regierungsvertreter und Staatsmedien haben nicht mit Bestürzung darauf reagiert, dass der in Großbritannien eingesetzte Kampfstoff aus russischen Beständen stammen könnte und dass die russische Staatsbürgerin Julia Skripal und ihr Vater um ihr Leben kämpfen. Die Erklärungsversuche addieren sich zu der üblichen Kakofonie, die immer dann ertönt, wenn Russland nach politischer Verantwortung gefragt wird. So war es im Fall der Krim-Annexion (nicht unsere "grünen Männchen"), beim Abschuss des Flugzeugs MH17 (das waren die Ukrainer) und beim Krieg in der Ostukraine (nicht unsere Soldaten, sondern Urlauber).

Auch beim Giftstoff Nowitschok bleiben sich Staatsmedien und die herrschende Klasse treu. Die Sowjetunion habe solches Gift nie hergestellt, behauptete das russische Außenministerium zunächst. Dann hieß es: Russland habe solches Gift nie besessen. Alsbald: Man habe es womöglich besessen, aber längst vernichtet. Die Briten aber könnten es auch haben und wollten vielleicht von ihren innenpolitischen Problemen ablenken. Im Übrigen habe ein Verräter wie Sergej Skripal seine verdiente Strafe bekommen.

Alles ist möglich, nichts undenkbar. Fakten sind nur Rohmaterial für Polittechnologen. So könnten die kommenden sechs Jahre aussehen: immer mehr Bedrohungen von außen, damit das Volk zusammenrückt; außenpolitische Konfrontation, die von der Innenpolitik ablenken soll; und die bewährte Verschleierungstaktik, wenn nach Verantwortung gefragt wird.

2. Welche Theorie zum Anschlag von Salisbury ist plausibel – und welche eher nicht?

Die Symptome von Sergej Skripal und seiner Tochter Julia lassen darauf schließen, dass sie mit einem Nervenkampfstoff vergiftet wurden. Britische Experten haben die gefährliche Substanz als Nowitschok ("Neuling") identifiziert. Unter diesem Namen wurden in der Sowjetunion eine Reihe von Nervengiften entwickelt. Premierministerin Theresa May sagte, entweder habe der russische Staat den Stoff bewusst gegen Großbritannien eingesetzt oder er habe die Kontrolle darüber verloren.

Können nicht auch Kriminelle das Gift hergestellt haben? Wil Mirsajanow, der Einblick hatte in die Entstehung von Nowitschok in der Sowjetunion und heute in den USA lebt, hält dies für ausgeschlossen. "Dafür ist eine besondere Laborausstattung und eine langjährige Erfahrung mit chemischen Kampfstoffen nötig", sagt er der ZEIT.

Russland weist alle Anschuldigungen zurück. Putin nennt es "Blödsinn", dass Russland vor der eigenen Präsidentschaftswahl und der Fußball-WM einen solchen Anschlag verüben würde. Außerdem verfüge Russland gar nicht über einen solchen Nervenkampfstoff, denn alle russischen Chemiewaffen seien vernichtet worden. Die staatliche Nachrichtenagentur RIA hingegen ließ den russischen Chemiker Leonid Rink zu Wort kommen, der nicht bestreitet, dass Nowitschok existiert. In den neunziger Jahren wurde Rink zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er das Gift aus einem staatlichen Labor schmuggelte und verkaufte. Damit wurden ein russischer Banker und seine Sekretärin vergiftet. Rink meint, auch die Briten könnten das Gift besitzen und den Anschlag auf Skripal verübt haben. Dazu müsste man es allerdings für plausibel halten, dass britische Behörden die Kontaminierung einer ganzen Stadt in Kauf nehmen würden.