1. Was ist nach Wladimir Putins Wahlsieg in den kommenden sechs Jahren zu erwarten?

Die sarkastische Reaktion von Putins Wahlkampfchef lässt ahnen, was die nächste Amtszeit bringt: "Danke, Großbritannien, für die Hilfe! Von dieser hohen Wahlbeteiligung haben wir nicht zu träumen gewagt!" Der Vorwurf der britischen Regierung, Russland habe den in England lebenden Agenten Sergej Skripal mit dem Gift Nowitschok umbringen wollen, wird als ein weiterer ungerechter Angriff dargestellt. Ebenso die damit verbundene Ausweisung von 23 russischen Diplomaten. Russland solle wieder einmal verunglimpft und isoliert werden, so die offizielle Moskauer Sicht. Wer sich derart von Feinden umkreist sieht, rückt zusammen – und umgeht damit praktischerweise die Notwendigkeit, sich den Anforderungen der Innenpolitik zu stellen und endlich mit überfälligen Reformen zu beginnen. Das ist schon lange Wladimir Putins Strategie. Ihren Höhepunkt fand sie 2014 während der Krim-Annexion: Die bescherte ihm zwar wirtschaftliche Probleme – aber auch traumhafte Umfragewerte.

In der Wahlnacht wirkte er gelöst, als ihn die Hochrechnung bei fast 77 Prozent sah und er vor ein Publikum aus Politikern, Journalisten, Sportlern und Unternehmern trat, um ihnen zu danken. Im Wahlkampf hatte er von neuen Nuklearwaffen gesprochen, mit denen man angeblich jedes Land der Erde treffen könne. Russland könne jeden Erstschlag mit einem nuklearen Gegenangriff beantworten, auch wenn das eine "globale Katastrophe für die Menschheit bedeuten würde".

Man spinnt sich ein in seiner Welt, und drumherum lauern die Feinde. Russische Regierungsvertreter und Staatsmedien haben nicht mit Bestürzung darauf reagiert, dass der in Großbritannien eingesetzte Kampfstoff aus russischen Beständen stammen könnte und dass die russische Staatsbürgerin Julia Skripal und ihr Vater um ihr Leben kämpfen. Die Erklärungsversuche addieren sich zu der üblichen Kakofonie, die immer dann ertönt, wenn Russland nach politischer Verantwortung gefragt wird. So war es im Fall der Krim-Annexion (nicht unsere "grünen Männchen"), beim Abschuss des Flugzeugs MH17 (das waren die Ukrainer) und beim Krieg in der Ostukraine (nicht unsere Soldaten, sondern Urlauber).

Auch beim Giftstoff Nowitschok bleiben sich Staatsmedien und die herrschende Klasse treu. Die Sowjetunion habe solches Gift nie hergestellt, behauptete das russische Außenministerium zunächst. Dann hieß es: Russland habe solches Gift nie besessen. Alsbald: Man habe es womöglich besessen, aber längst vernichtet. Die Briten aber könnten es auch haben und wollten vielleicht von ihren innenpolitischen Problemen ablenken. Im Übrigen habe ein Verräter wie Sergej Skripal seine verdiente Strafe bekommen.

Alles ist möglich, nichts undenkbar. Fakten sind nur Rohmaterial für Polittechnologen. So könnten die kommenden sechs Jahre aussehen: immer mehr Bedrohungen von außen, damit das Volk zusammenrückt; außenpolitische Konfrontation, die von der Innenpolitik ablenken soll; und die bewährte Verschleierungstaktik, wenn nach Verantwortung gefragt wird.

2. Welche Theorie zum Anschlag von Salisbury ist plausibel – und welche eher nicht?

Die Symptome von Sergej Skripal und seiner Tochter Julia lassen darauf schließen, dass sie mit einem Nervenkampfstoff vergiftet wurden. Britische Experten haben die gefährliche Substanz als Nowitschok ("Neuling") identifiziert. Unter diesem Namen wurden in der Sowjetunion eine Reihe von Nervengiften entwickelt. Premierministerin Theresa May sagte, entweder habe der russische Staat den Stoff bewusst gegen Großbritannien eingesetzt oder er habe die Kontrolle darüber verloren.

Können nicht auch Kriminelle das Gift hergestellt haben? Wil Mirsajanow, der Einblick hatte in die Entstehung von Nowitschok in der Sowjetunion und heute in den USA lebt, hält dies für ausgeschlossen. "Dafür ist eine besondere Laborausstattung und eine langjährige Erfahrung mit chemischen Kampfstoffen nötig", sagt er der ZEIT.

Russland weist alle Anschuldigungen zurück. Putin nennt es "Blödsinn", dass Russland vor der eigenen Präsidentschaftswahl und der Fußball-WM einen solchen Anschlag verüben würde. Außerdem verfüge Russland gar nicht über einen solchen Nervenkampfstoff, denn alle russischen Chemiewaffen seien vernichtet worden. Die staatliche Nachrichtenagentur RIA hingegen ließ den russischen Chemiker Leonid Rink zu Wort kommen, der nicht bestreitet, dass Nowitschok existiert. In den neunziger Jahren wurde Rink zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er das Gift aus einem staatlichen Labor schmuggelte und verkaufte. Damit wurden ein russischer Banker und seine Sekretärin vergiftet. Rink meint, auch die Briten könnten das Gift besitzen und den Anschlag auf Skripal verübt haben. Dazu müsste man es allerdings für plausibel halten, dass britische Behörden die Kontaminierung einer ganzen Stadt in Kauf nehmen würden.

Wird der Konflikt zwischen Großbritannien und Russland weiter eskalieren?

Die Briten haben bereits Erfahrung mit Anschlägen auf Gegner der russischen Regierung. Der ehemalige Geheimdienstler Alexander Litwinenko wurde 2006 in London mit Polonium vergiftet. Und Motive hätten Auftraggeber in Moskau auch. Es könnte späte Rache an Skripal gewesen sein, der mehrere Jahre wegen Landesverrats in Russland im Gefängnis gesessen hatte, bevor er 2010 ausgetauscht wurde. Danach soll er weiterhin mit britischen Geheimdiensten zusammengearbeitet haben. Doch warum würde man dann ein Gift verwenden, das so eindeutig nach Russland zurückverfolgt werden kann? Vielleicht ging es um eine Warnung – sowohl an russische Regierungskritiker im Ausland wie an Geheimdienstmitarbeiter in Russland, dass sie im Fall eines Verrats bis zum Ende ihres Lebens nicht in Ruhe gelassen würden. Die Ermittlungen dauern an. Noch ist nicht bekannt, wie das Gift nach Großbritannien transportiert wurde und wer der Täter ist. Ob der Befehl von Putin kam, der Überläufer als Schweine, Viecher und Verräter bezeichnete, ob es sich um eine eigenmächtige Entscheidung innerhalb der Geheimdienste handelte oder ob willfährige Gehilfen außerhalb der Dienste eine Rolle spielten, wird sich vielleicht nie abschließend beantworten lassen.

Nach dem Anschlag in Salisbury ordnete die Innenministerin Amber Rudd an, die Ermittlungen in 14 früheren Todesfällen zu überprüfen. Darunter ist etwa der des Oligarchen Boris Beresowski – der Putin an die Macht verholfen hatte und später ins Exil ging – durch Erhängen. Die britische Polizei ging seinerzeit von einem Selbstmord aus. Beresowskis Freunde glauben, er wurde stranguliert. Rudd sagte, sie vermute nicht hinter allen 14 Fällen Russland, hinter einigen aber schon.

3. Warum ist Großbritannien ein so gefährliches Land für seine russischen Bewohner?

Das Vereinigte Königreich ist sowohl bei Gegnern wie auch bei Freunden Putins beliebt. Hier können sie gut leben und ihre Kinder auf renommierte Schulen schicken. Regimekritiker dürfen mit Asyl rechnen, regimetreue Oligarchen werden nicht nach der Herkunft ihres Geldes gefragt.

Aus einem prachtvollen Gebäude in Whitehall Gardens öffnet sich ein Blick auf die Themse und auf das Riesenrad London Eye. "Die Wohnungen hier gehören zu den größten in London", sagt Arthur Doohan. Der Ire, früher selbst Banker, organisiert mit seinem russischen Freund Roman Borisowitsch "Kleptocracy Tours" durch London. Im Gebäude an der Themse besitzt eine Offshorefirma mit Verbindungen zum russischen Vizepremier Igor Schuwalow zwei Wohnungen im Wert von mindestens 11,4 Millionen Pfund. Alischer Usmanow und Roman Abramowitsch, zwei Oligarchen mit guten Beziehungen zur russischen Regierung, haben ebenfalls Millionen in Londoner Immobilien investiert. In der britischen Hauptstadt leben viele Banker, Immobilienmakler und Juristen davon, reichen Kunden aus Russland dabei zu helfen, ihr Geld anzulegen. "Wenn sie Probleme zu Hause haben, können sie immer hierher kommen. Sie haben hier Aufenthaltsrecht, und das Geld sieht jetzt sauber aus", sagt Doohan. "Damit bringen sie auch die Korruption hierher." Steueroasen in den britischen Überseegebieten machen es möglich.

Großbritannien mag in der letzten Zeit durch markige Worte in Richtung Moskau aufgefallen sein, aber die wirtschaftlichen Beziehungen sind eng. Russische Unternehmen werden an der Londoner Börse gehandelt. Der britische Konzern BP hält Anteile am russischen Ölgiganten Rosneft. "Die britische Wirtschaft ist zwar von der russischen nicht abhängig", sagt James Nixey, der beim Thinktank Chatham House das Russland-Programm leitet. "Aber bestimmte Unternehmen sind in Russland einem Risiko ausgesetzt und könnten leiden, wenn Russland beschließen würde, britisches Eigentum zu verstaatlichen." Dies sei einer der Gründe, warum Großbritannien zuvor bei verdächtigen Todesfällen zögerlich reagierte. Nach dem Polonium-Mord an dem Geheimdienstler Litwinenko wies London vier russische Diplomaten aus. Solche laschen Maßnahmen bestärken die Mordauftraggeber in dem Glauben, dass aus London keine harte Reaktion kommen wird. Über den Fall Skripal sagt Nixey: "Wir werden getestet."

4. Wird der Konflikt zwischen Großbritannien und Russland jetzt weiter eskalieren?

Manche in der britischen Regierung bewerten die Vergiftung von Sergej Skripal und seiner Tochter nicht als versuchten Mord, sondern als Terroranschlag: Wer eine solche hochgefährliche Substanz benutzt, nehme den Tod vieler Menschen in Kauf. Ein Polizist, der kontaminiert wurde, befindet sich nach wie vor in einem ernsten Zustand; in Salisbury ist die Gegend rund um die Parkbank, wo Sergej Skripal mit seiner Tochter aufgefunden wurde, abgesperrt. Nach dem Polonium-Mord an dem Ex-Agenten Litwinenko geschah erst einmal lange Zeit gar nichts. Deshalb sahen sich die britischen Konservativen dieses Mal unter Druck, sofort zu handeln. Diskutiert wurde, die Vermögen russischer Oligarchen einzufrieren, Sanktionen zu erlassen, dem russischen Sender RT die Lizenz zu entziehen. Schließlich entschied die britische Premierministerin Theresa May, 23 russische Diplomaten auszuweisen, die angeblich für den Geheimdienst arbeiten – so viele sind in den vergangenen 30 Jahren nicht ausgewiesen worden. Die Antwort aus Russland war prompt und unverhältnismäßig: Man werde 23 britische Diplomaten ausweisen und das Konsulat in Sankt Petersburg sowie die Kulturinstitute des British Council schließen.

Das ist der erste Schlagabtausch. Der zweite könnte bald folgen, wenn die Organisation für das Verbot chemischer Waffen den Wirkstoff untersucht und womöglich Hinweise darauf findet, woher dieser stammte. Viele Fragen dürften dennoch offen bleiben. Dann bleibt es im politischen Ermessen, ob anhand von Indizien und Vermutungen weitere Schritte gegen die russische Regierung unternommen werden.

Die diplomatische Krise erwischt Großbritannien inmitten der Verhandlungen zum Brexit. Theresa May versicherte sich jedoch der Unterstützung der Deutschen, Franzosen und der USA, die eine gemeinsame Erklärung abgaben, in der sie die russische Seite als Täter vermuten.

Startet Heiko Maas eine neue Russlandpolitik?

5. Beginnt mit Heiko Maas eine neue, klarere Politik gegenüber Russland?

Wenn Heiko Maas über Russland spricht, wird eines klar: Er hat vorher nicht noch mal mit Gerhard Schröder geredet. Es mag daran liegen, dass der neue Außenminister kein Niedersachse ist, dass er nicht aus dem Dunstfeld der deutsch-russischen Interessengruppen kommt. Es kann auch sein, dass er einfach zu jung ist, um sich von einem Ex-Kanzler, der heute einem russischen Rohstoffriesen dient, noch beraten zu lassen. Auf jeden Fall klingt deutsche Russland-Politik mit Heiko Maas im Außenministerium auf einmal ziemlich anders.

Anfang der Woche kritisierte der neue Außenminister Putins Bestätigung im Amt. Er sehe sie nicht als Resultat eines "fairen politischen Wettbewerbs" an. Die Einbeziehung der "völkerrechtswidrig annektierten Krim" in die Abstimmung sei nicht akzeptabel: "Wir erwarten von Russland konstruktive Beiträge, und zwar mehr als das, was in der jüngsten Zeit der Fall ist." Kurz und unemotional bringt er auf den Punkt, was viele Russland-Versteher, die das Land kennen, auch denken.

Schon bei seiner Amtseinführung vor einer Woche fiel die Russland-Passage in Maas’ Rede auf. Nach Kritik an der Krim-Annexion sprach er davon, dass sich Russland "immer mehr in Abgrenzung, ja Gegnerschaft zu uns im Westen" definiere. Von "Gegnerschaft" mochten seine Vorgänger, Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel, gerade nicht sprechen. Überhaupt ist der Unterschied zu Gabriel hörbar. Der Ex-Außenminister warb nach der Amtsübergabe vor dem Deutsch-Russischen Forum noch einmal für die "schrittweise Aufhebung von Sanktionen", sobald Russland Zugeständnisse bei einer UN-Truppe für die besetzte Ostukraine mache. Gabriel hatte auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein Treffen Russlands, der Ukraine, Deutschlands und Frankreichs platzen lassen. Maas hingegen erklärt den Donbass-Konflikt zu einer seiner "außenpolitischen Prioritäten". Doch wird daraus auch eine neue Politik?

Die solidarische Erklärung der vier westlichen Mächte Großbritannien, Frankreich, Deutschland und USA nach dem Nervengasanschlag auf den Ex-Agenten Skripal liefert einen Hinweis. Es waren Paris und Washington, die anfangs zögerten, die scharfe Erklärung Richtung Moskau abzuzeichnen. Nicht Berlin. Hatten Steinmeier und Gabriel die Haltung der Kanzlerin gegenüber Putin stets vorsichtig rund geschliffen, spitzt Maas sie eher zu.

Doch auf EU-Ebene zeigen sich die Grenzen dieser Politik. Der Erklärung der EU-Außenminister zum gleichen Fall fehlt der Biss. Denn die EU ist in der Russland-Politik gespalten. Da sind die Mittelmeerländer, die die EU-Sanktionen gegen Russland lieber heute als morgen aufheben würden. Da sind die Moskau-kritischen Balten und Polen. Und irgendwo dazwischen müssen die Deutschen aufpassen, dass der ganze Laden nicht auseinanderbricht. Deshalb fiel die EU-Erklärung weicher aus. Bei den Sanktionen wegen des russisch-ukrainischen Krieges hält die Einheit bisher noch. Sollte aber die EU gefragt sein, wegen der Nervengas-Affäre neue Sanktionen gegen Russland zu verhängen, müssen wohl schon starke Belege für die eindeutige Schuld Moskaus auf den Tisch.