Die Briten haben bereits Erfahrung mit Anschlägen auf Gegner der russischen Regierung. Der ehemalige Geheimdienstler Alexander Litwinenko wurde 2006 in London mit Polonium vergiftet. Und Motive hätten Auftraggeber in Moskau auch. Es könnte späte Rache an Skripal gewesen sein, der mehrere Jahre wegen Landesverrats in Russland im Gefängnis gesessen hatte, bevor er 2010 ausgetauscht wurde. Danach soll er weiterhin mit britischen Geheimdiensten zusammengearbeitet haben. Doch warum würde man dann ein Gift verwenden, das so eindeutig nach Russland zurückverfolgt werden kann? Vielleicht ging es um eine Warnung – sowohl an russische Regierungskritiker im Ausland wie an Geheimdienstmitarbeiter in Russland, dass sie im Fall eines Verrats bis zum Ende ihres Lebens nicht in Ruhe gelassen würden. Die Ermittlungen dauern an. Noch ist nicht bekannt, wie das Gift nach Großbritannien transportiert wurde und wer der Täter ist. Ob der Befehl von Putin kam, der Überläufer als Schweine, Viecher und Verräter bezeichnete, ob es sich um eine eigenmächtige Entscheidung innerhalb der Geheimdienste handelte oder ob willfährige Gehilfen außerhalb der Dienste eine Rolle spielten, wird sich vielleicht nie abschließend beantworten lassen.

Nach dem Anschlag in Salisbury ordnete die Innenministerin Amber Rudd an, die Ermittlungen in 14 früheren Todesfällen zu überprüfen. Darunter ist etwa der des Oligarchen Boris Beresowski – der Putin an die Macht verholfen hatte und später ins Exil ging – durch Erhängen. Die britische Polizei ging seinerzeit von einem Selbstmord aus. Beresowskis Freunde glauben, er wurde stranguliert. Rudd sagte, sie vermute nicht hinter allen 14 Fällen Russland, hinter einigen aber schon.

3. Warum ist Großbritannien ein so gefährliches Land für seine russischen Bewohner?

Das Vereinigte Königreich ist sowohl bei Gegnern wie auch bei Freunden Putins beliebt. Hier können sie gut leben und ihre Kinder auf renommierte Schulen schicken. Regimekritiker dürfen mit Asyl rechnen, regimetreue Oligarchen werden nicht nach der Herkunft ihres Geldes gefragt.

Aus einem prachtvollen Gebäude in Whitehall Gardens öffnet sich ein Blick auf die Themse und auf das Riesenrad London Eye. "Die Wohnungen hier gehören zu den größten in London", sagt Arthur Doohan. Der Ire, früher selbst Banker, organisiert mit seinem russischen Freund Roman Borisowitsch "Kleptocracy Tours" durch London. Im Gebäude an der Themse besitzt eine Offshorefirma mit Verbindungen zum russischen Vizepremier Igor Schuwalow zwei Wohnungen im Wert von mindestens 11,4 Millionen Pfund. Alischer Usmanow und Roman Abramowitsch, zwei Oligarchen mit guten Beziehungen zur russischen Regierung, haben ebenfalls Millionen in Londoner Immobilien investiert. In der britischen Hauptstadt leben viele Banker, Immobilienmakler und Juristen davon, reichen Kunden aus Russland dabei zu helfen, ihr Geld anzulegen. "Wenn sie Probleme zu Hause haben, können sie immer hierher kommen. Sie haben hier Aufenthaltsrecht, und das Geld sieht jetzt sauber aus", sagt Doohan. "Damit bringen sie auch die Korruption hierher." Steueroasen in den britischen Überseegebieten machen es möglich.

Großbritannien mag in der letzten Zeit durch markige Worte in Richtung Moskau aufgefallen sein, aber die wirtschaftlichen Beziehungen sind eng. Russische Unternehmen werden an der Londoner Börse gehandelt. Der britische Konzern BP hält Anteile am russischen Ölgiganten Rosneft. "Die britische Wirtschaft ist zwar von der russischen nicht abhängig", sagt James Nixey, der beim Thinktank Chatham House das Russland-Programm leitet. "Aber bestimmte Unternehmen sind in Russland einem Risiko ausgesetzt und könnten leiden, wenn Russland beschließen würde, britisches Eigentum zu verstaatlichen." Dies sei einer der Gründe, warum Großbritannien zuvor bei verdächtigen Todesfällen zögerlich reagierte. Nach dem Polonium-Mord an dem Geheimdienstler Litwinenko wies London vier russische Diplomaten aus. Solche laschen Maßnahmen bestärken die Mordauftraggeber in dem Glauben, dass aus London keine harte Reaktion kommen wird. Über den Fall Skripal sagt Nixey: "Wir werden getestet."

4. Wird der Konflikt zwischen Großbritannien und Russland jetzt weiter eskalieren?

Manche in der britischen Regierung bewerten die Vergiftung von Sergej Skripal und seiner Tochter nicht als versuchten Mord, sondern als Terroranschlag: Wer eine solche hochgefährliche Substanz benutzt, nehme den Tod vieler Menschen in Kauf. Ein Polizist, der kontaminiert wurde, befindet sich nach wie vor in einem ernsten Zustand; in Salisbury ist die Gegend rund um die Parkbank, wo Sergej Skripal mit seiner Tochter aufgefunden wurde, abgesperrt. Nach dem Polonium-Mord an dem Ex-Agenten Litwinenko geschah erst einmal lange Zeit gar nichts. Deshalb sahen sich die britischen Konservativen dieses Mal unter Druck, sofort zu handeln. Diskutiert wurde, die Vermögen russischer Oligarchen einzufrieren, Sanktionen zu erlassen, dem russischen Sender RT die Lizenz zu entziehen. Schließlich entschied die britische Premierministerin Theresa May, 23 russische Diplomaten auszuweisen, die angeblich für den Geheimdienst arbeiten – so viele sind in den vergangenen 30 Jahren nicht ausgewiesen worden. Die Antwort aus Russland war prompt und unverhältnismäßig: Man werde 23 britische Diplomaten ausweisen und das Konsulat in Sankt Petersburg sowie die Kulturinstitute des British Council schließen.

Das ist der erste Schlagabtausch. Der zweite könnte bald folgen, wenn die Organisation für das Verbot chemischer Waffen den Wirkstoff untersucht und womöglich Hinweise darauf findet, woher dieser stammte. Viele Fragen dürften dennoch offen bleiben. Dann bleibt es im politischen Ermessen, ob anhand von Indizien und Vermutungen weitere Schritte gegen die russische Regierung unternommen werden.

Die diplomatische Krise erwischt Großbritannien inmitten der Verhandlungen zum Brexit. Theresa May versicherte sich jedoch der Unterstützung der Deutschen, Franzosen und der USA, die eine gemeinsame Erklärung abgaben, in der sie die russische Seite als Täter vermuten.