Es ist das Wertvollste, das sich eine stinkreiche Stadt leisten kann: die Leere, das Nichts. Klar, die Stadt Zürich hat schon bedeutend größere Beträge verbaut als die 17 Millionen Franken, die sie der Sechseläutenplatz gekostet hat. Da sind zum Beispiel die 290 Millionen für das Triemli-Spital, die 88 Millionen für die Kunsthaus-Erweiterung oder die 44 Millionen für die Sanierung eines Hallenbades. Allein, und daran freuen sich all die Anti-Zürich-Spötter quer durchs Land: Für ein neues Fußballstadion hat das Geld – oder war es doch der politische Wille? – bis heute nicht gereicht.

Aber der Millionen-Platz vor dem Opernhaus, vom See nur durch eine vierspurige Straße getrennt, ist gebaut: 15.000 Quadratmeter freie Fläche, belegt mit Quarzit aus dem Valsertal. Darauf ein paar Dutzend Stühle, importiert aus dem Jardin du Luxembourg in Paris, keiner davon angekettet. Jeder Besucher bestimmt selbst, wo er auf diesem urbanen Parkett verweilen will.

So viel Großzügigkeit ist nirgendwo sonst in der größten Schweizer Stadt zu finden. Hier verströmt Zürich Grandezza.

Doch seit der neue Sechseläutenplatz im Jahr 2014 eröffnet wurde, wird er verstellt und verschandelt. Mal mit Hütten oder Pavillons, mal mit Bühnen oder Zelten. Immer begleitet von Halligalli und Rambazamba. Und das bis zu 185 Tage im Jahr.

Eine Volksinitiative will das nun ändern. Der Platz soll nur noch an 65 Tagen bespielt werden dürfen. Den Rest des Jahres soll er künftig dem Volk gehören. Den Flaneuren und Verweilerinnen, den Kinderwagenschiebern und Sonnentankerinnen, den Wartenden und Gehetzten, den Zmittag-Essern und Apéro-Trinkerinnen.

Eigentlich bestimmen die Zürcher Mitte Juni nur über eine Änderung ihrer Allgemeinen Polizeiordnung. Eine lokale Angelegenheit, müsste man meinen. Aber so, wie es aussieht, hat die Initiative das Zeug zum Kulturkampf.

"Spaßbremsen", schimpften die Initiativ-Gegner die links-grün-alternativen Platzfreihalter, als sie vor einigen Tagen ihre Schützt-die-Festhütte-Kampagne präsentierten. Organisiert wird sie von der bekannten PR-Agentur Furrerhugi, die dafür zahlreiche Promis eingespannt hat: den Winterthurer Viktor Giacobbo, den Rapperswiler Fredy Knie jr., den Heimweh-Oltner Mike Müller oder den Wahl-Kalifornier Xavier Koller. Den befreiten Sechseläutenplatz vor dem inneren Auge, packten den Komiker, den Zirkusdirektor, den Schauspieler und den Filmregisseur der Horror Vacui. Sie wenden sich deshalb in einem Appell an die Stadtzürcher: "Bewahrt die Vielfalt."

Dabei dürften, sollten die Zürcher der Initiative zustimmen, auch künftig pünktlich zum Frühlingsbeginn die Zünfter in Strumpfhosen um eine brennende Holzbeige galoppieren, und ihren Irrglauben pflegen, sie würden damit den Winter vertreiben. Ebenso bleibt Platz für den Zirkus.

Nun ist es Berühmtheiten und Politikern, egal ob von nah und fern, natürlich völlig unbenommen, wenn sie sich für die Eventkultur in Zürich engagieren wollen. Für eine "lebendige und attraktive Stadt", wie das im Touristiker-Jargon heißt. Im Gegensatz zum kleingeistigen Bern, dem verfilzten Basel oder dem aristokratischen Genf hat sich das moderne Zürich nie den äußeren Einflüssen und Meinungen verschlossen. Es lebt von den Zuwanderern, den Fremden, und wer hier arbeitet, auch wenn er woanders wohnt, selbst dessen Stimme wird gehört.

Trotzdem sei den prominenten Event-Kolonialisten und ihren pseudoliberalen einheimischen Kompagnons gesagt: Eine "extreme Verbotsinitiative" ist das Volksbegehren sicher nicht. Es will genau das Gegenteil: mehr Freiheit.

Freiheit vom Kommerz, Freiheit vom Konsum. Freiheit von der verordneten Fröhlichkeit. Freiheit vom vorweihnachtlichen Hipster-Glühwein-Rummel und der Techno-Fasnacht Street Parade, an der heute sowieso nur noch Norditaliener, Süddeutsche oder Aargauer freiwillig halb nackt durch die Stadt tanzen.

Als Anfang der achtziger Jahre die Zürcher Jugend für mehr Freiräume protestierte, ausgerechnet auf dem Sechseläutenplatz, begann im Tränengasnebel die Mediterranisierung der Stadt. Ging es den Bewegten um Freiräume, um ein Jugendzentrum, um "Alles, und zwar subito!", begründeten sie mit ihren Demos, mit ihrem Krawall, die Partystadt Zürich. Es fielen die Sperrstunde, das Tanzverbot an Feiertagen, das Wirtepatent.

Alle zog es ins Freie. Die Restaurants stellten ihre Stühle und Tische auf Terrassen und Trottoirs, die Konzerte und Kinos fanden plötzlich draußen statt, und irgendwann war dem Hinterletzten klar: Unter freiem Himmel lässt sich richtig Geld verdienen. Als Beizer, als Event-Organisator und als Stadt, die Bewilligungen erteilt und den öffentlichen Raum vermietet.

Kein Wunder, dass sich die Szene-Gastronomen, das Festgewerbe und die von ihnen bezahlten Künstler gegen weniger Rummel auf dem Sechseläutenplatz wehren. Klar will der Stadtrat nichts von diesem Anliegen wissen. Er will die Festivitäten zwar einschränken, aber nur ein ganz klein wenig.

Vielfalt bewahren? Ach was! Es geht, wie immer in Zürich, nur ums Geld.