Die Recherche für diesen Text fing damit an, dass ich mich ärgerte. Über mich selbst. Darüber, dass ich seit knapp zehn Jahren über den Turnschuhmarkt schreibe – aber nie auf die Idee kam, das Schreiben aufzugeben und stattdessen mit Sneakers Geld zu verdienen. Immer wieder habe ich darüber berichtet, welche wahnsinnigen Summen irgendwelche wahnsinnigen Konsumopfer für ein Paar Turnschuhe bezahlen. Ich könnte Millionärin sein. Längst.

So wie Benjamin Kapelushnik, ein 17-jähriger US-Amerikaner, der schon mit zwölf Jahren schlauer war als ich und mit 16 bereits eine Million Dollar verdient hatte. Reich gemacht haben ihn Menschen, die Sneakers sammeln wie andere Überraschungseier-Figuren. Sie bezahlen mehrere Tausend Euro für besondere Turnschuhe. Über 30.000 US-Dollar für ein Paar Nike Air Mag zum Beispiel, ein Modell, das in den Neunzigern im Film Zurück in die Zukunft zu sehen war. Oder 3.000 Euro für ein Paar Adidas Yeezy Boost.

Ich beschließe, dass ich Benjamin und all den anderen Sneakerverkäufern Konkurrenz machen werde. Besser spät reich als nie. Ich habe in meinem Leben schon ungezogene Kleinkinder gehütet, die mich Tittenmonster nannten, bin in Sydney von Haustür zu Haustür gelaufen, um billige Ölgemälde zu verkaufen, und habe im Dschungelhostel Toiletten geschrubbt. Turnschuhe verkaufen klingt da nach leicht verdientem Geld.

Turnschuhe - Der Sneakfluencer Willy Iffland gibt schon mal 1.000 Euro für ein Paar Turnschuhe aus. Wie ihm diese Leidenschaft sogar Geld einbringt, erzählt er im Video. © Foto: Ana-Marija Bilandzija

In den vergangenen Jahren hat sich neben dem klassischen Schuhhandel ein Parallelmarkt entwickelt. Grundlage ist das Marketingkonzept großer Sportartikel-Konzerne, Schuhe in künstlich verknappter Menge zu produzieren, meistens sind es Kooperationen mit Stars, Händlern oder Designern. Das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage sorgt für weltweite Hypes und dafür, dass Menschen nächtelang vor Läden darauf warten, ihr Geld ausgeben zu dürfen – so wie man das auch von Apple und den iPhones kennt. Das steigert den Wert der Marke und den der einzelnen Schuhe enorm. Noch am Tag des Erscheinens sind sie oft ein Vielfaches des Verkaufspreises wert.

Für die Marken zahlt sich das indirekt genauso aus wie für die sogenannten Reseller: Sie müssen keine klassische Werbung machen, die Zielgruppe macht Werbung für sie. Bilder der Schuhe werden millionenfach in sozialen Netzwerken geteilt und kommentiert. Die Markennamen sind ständig im Gespräch.

Doch man sollte lieber gleich in Turnschuhe investieren. Sie sind die neuen Briefmarken – und das Anlageobjekt der Stunde. Auch weil einem, anders als bei Bitcoin oder Wertpapieren, wenn alles schiefgeht, wenigstens etwas für die Füße bleibt. Online gibt es sogar eine Börse nur für Sneakers: StockX. Das US-Start-up zeigt den Wert bestimmter Modelle, man kann dort Schuhe kaufen und verkaufen. Bereits 2015 berichtete Gründer Josh Luber von sechs Milliarden Dollar Umsatzvolumen im Resellermarkt.

Rund das Zehnfache des Verkaufspreises verspricht der Schuh, auf den ich es für den Start meines Nebenjobs abgesehen habe: eine Kooperation von Nike und dem US-Label Off-White, ein weißer, hoher Turnschuh mit etwas schwarzer Schrift auf den Seiten. Off-White wird in der Modebranche so gefeiert wie Kendrick Lamar bei Rap-Fans: Der Macher, Virgil Abloh, ist DJ und war lange kreativ für den Musiker Kanye West tätig, entwarf Bühnenbilder und Fanartikel wie Bomberjacken und T-Shirts für ihn. Er gilt als kreatives Genie.

Seine neue Kooperation mit Nike wird von Magazinen für Sneakerfans als der Schuh des Jahres betitelt und soll in ausgewählten Läden für 150 bis 190 Euro verkauft werden. Ausschließlich in Europa, was den Wert noch mal nach oben treiben dürfte. Wenn er, wie von Profis prognostiziert, tatsächlich für 1.800 Euro gehandelt wird, würde ich in einer Woche 1.600 Euro verdienen. Ich überlege mir, was ich für meinen Gewinn alles kaufen könnte und wie viele Zeilen in der ZEIT ich dafür schreiben müsste. Mehr als für diesen Artikel, so viel ist klar.

Klar ist auch, dass es schwierig werden wird, den Schuh zu bekommen.

Es ist Samstagmorgen, noch sieben Tage, bis der Schuh kommt. Über Google versuche ich herauszufinden, ob ich vor einem Schuhladen campen muss – und habe Glück. Das Kaufrecht für die Schuhe wird fast ausschließlich online verlost, die meisten Händler schicken den Schuh nach Kauf sogar an die auserwählten Kunden. Google zeigt mir zwei Links von Nike, die mich in eine App der Marke führen. Kurze Zeit später kennt der US-Konzern von mir Geburtsdatum, E-Mail-Adresse, Kreditkartendetails und Handynummer. Jetzt darf ich mir exklusive Schuhe ansehen und versuchen, sie zu kaufen. Die meisten sind jedoch vergriffen. Wer dabei sein will, muss schnell sein, sich permanent mit der Marke beschäftigen.