Kennen Sie diese Frau, die da vorn an der Ampel steht? Die sich ihr Smartphone schräg vors Kinn hält, als wolle sie mit dem Mund lesen? Die, die jetzt über die Straße geht und dabei von ihrem letzten Wochenende erzählt, als wäre das Handy ihr Megafon und die Passanten ihr Publikum?

Diese Frau bin ich. Ich verschicke Sprachnachrichten, meistens über WhatsApp. Überall, minutenlang, in normaler Sprechstimme. Natürlich können Sie jetzt über mich lachen. Ich gebe es ja zu, befremdlich muss das schon aussehen, wenn ich mich ohne Gesprächspartner unterhalte. Oder wenn ich eine Nachricht anhöre. Mir mit leerem Blick das Handy ans Ohr halte, als wäre ich in einer sehr langen, intellektuell fordernden Warteschleife gefangen.

Lachen Sie also ruhig. Aber ich könnte genauso gut über Sie lachen. Denn Sie verpassen gerade die Kommunikationstechnik der Zukunft. Sie verpassen die Chance auf ein besseres, stressfreieres Leben. Nur weil Sie Angst davor haben, blöd auszusehen.

Ich erkläre Ihnen jetzt mal, warum Sprachnachrichten das Beste sind, was das Buffet der digitalen Kommunikation zu bieten hat. Nennen Sie mich Pionierin.

Tippen in der Öffentlichkeit hat früher ja ähnliche Teer-und-Federn-Fantasien hervorgerufen wie Sprachnachrichten heute. Was hat man sich empört über die Leute, die nur noch in ihre Smartphones gucken, lesen, tippen, vibrieren, lesen, tippen, vibrieren. Gefährlich sei das, es drohten Kollisionen mit Trams, Autos und Fußgängern. Die Langenscheidt-Redaktion erfand das Ekelwort "Smombie".

Nun komme ich, verschicke im aufrechten Gang mit den Augen auf der Straße eine Sprachnachricht – und das ist auch wieder falsch. Weil es komisch aussieht und weil angeblich niemand hören will, was ich da rede. Der Soziologe Günter Burkart schrieb bereits 2003 in einem Aufsatz: "Mit dem Handy verliert das Telefonieren seine Intimität, das Private rückt in die Öffentlichkeit." Damals war das vielleicht eine wissenschaftliche Erkenntnis, die es in einen Sammelband geschafft hat. Heute ist uns digitalen Pionieren die Empörung egal. Denn wir wissen, dass auch die Empörten sich irgendwann an alles gewöhnen.

Mir ist bewusst, dass es widersprüchlich wirkt, über das Ende der Textnachricht ausgerechnet einen Text zu schreiben. Um wirklich authentisch zu sein, müsste ich einen Radiobeitrag aufnehmen. Es ist aber so: Ich liebe Texte. Sie füllen mein Konto mit Geld, meine Freizeit mit Unterhaltung und meinen Kopf mit guten Gedanken. Wenn Kommunikation Wetter wäre, dann wären Texte Schnee – manchmal muss man gegen sie kämpfen, manchmal sind sie anstrengend. Aber sie machen selbst die banalste Landschaft zu einem Gemäldemotiv. Bei dem Vergleich sind Sie nicht mitgekommen? Ein Glück, dass Sie ihn einfach noch mal lesen können.

WhatsApp-Nachrichten waren kurz davor, meine Liebe zu Texten zu zerstören. Als ich mein erstes Handy bekam, war ich zwölf Jahre alt. Ich war ein pedantisches Kind. In jeder SMS habe ich jedes der 160 Zeichen genutzt. Für eine SMS habe ich gut zehn Minuten gebraucht, denn SMS kosteten wertvolles Handyguthaben, und der Platz darin durfte nicht verschwendet werden.

Kurze Podcasts aus dem eigenen Leben

Dann kam WhatsApp. Auf einmal war es egal, wie viele Nachrichten ich schicke, denn sie waren kostenlos. Und ich musste sie schnell beantworten, denn WhatsApp ersetzte den Anruf. Als ich aus meiner Heimatstadt wegzog und auf einmal "alte Freunde" hatte, ersetzte WhatsApp auch die Treffen mit ihnen. Die WhatsApp-Nachrichten wurden länger, aber hässlicher. Ich schrieb sie, während ich zur Bahn rannte oder in Seminaren saß. "hi was geht also ich war gestern in einer bar naja war ganz cool und was machst du am wochenende ich hatte überlegt in die heimat zu fahren" – dafür wurde Schriftsprache nicht erfunden!

Wahrscheinlich waren es schreibfaule Teenager, die angefangen haben, Sprachnachrichten zu verschicken. Texte hassten sie sowieso. Texte kannten sie nur als Barock-Balladen oder Nachkriegskurzgeschichten aus dem Schulunterricht. Erst schickten sie sich die Sprachnachrichten nur untereinander. Doch je normaler das für sie wurde, desto weniger wollten sie einsehen, dass Eltern, ältere Geschwister und Nachhilfelehrer sich der Sprachnachricht verweigerten.

Die Teenager haben die Alten also konfrontiert mit dieser neuen, überlegenen Technologie. Sie schickten nur noch Sprachnachrichten. An alle. Bekommen haben sie dafür erst mal nur Unverständnis. "Warum nicht einfach anrufen/schreiben/die Diktierfunktion benutzen?", haben die Alten gesagt.

Aber jede digitale Innovation erreicht irgendwann einen Punkt, an dem die ironische Akklimatisatierung beginnt. Ein Begriff, den ich mir ausgedacht habe. Denn Pioniere brauchen bekanntlich neue Begriffe, wenn sich ihre Welt nicht mehr in Worte fassen lässt.

Als die Teenager nicht aufhörten, Sprachnachrichten zu verschicken, wollten die Erwachsenen es "nur mal ausprobieren" – ironisch, versteht sich. Sie fühlten sich dabei wie Kinder mit dem ersten Walkie-Talkie. Und dann standen sie eines Tages in der Tram. Hatten eine schwere Einkaufstüte in der einen Hand. Wollten jemandem sagen, dass sie gleich da sind. Da haben sie eine Sprachnachricht geschickt. Wie einfach das ging!

Die ironische Akklimatisatierung beginnt als Witz vieler Einzelner und endet in gesellschaftlicher Normalität. Neulich habe ich eine Nachricht von meinen Großeltern bekommen, die sich ein Smartphone teilen. Unter einem Selfie, auf dem man jeweils nur die Hälfte ihrer Gesichter sieht, steht: "Liebe Anna, viele Grüße von Teneriffa, der Insel des ewigen Frühlings. Wir denken an dich im eiskalten München " Niemand hätte gedacht, dass Großeltern eines Tages die Kulturtechniken Selfie und Emoji in nur einer Nachricht verwenden würden. Nächstes Jahr schicken sie mir eine Sprachnachricht, während sie auf Teneriffa im schwarzen Sand liegen.

Wahrscheinlich senden sie dann nicht nur sonnige Urlaubsgrüße. Eher werden sie mir eine kurze Geschichte erzählen – davon, wie es am ersten Tag geregnet hat. Wie eine Möwe meinem Opa ein Brötchen geklaut hat. Wie sie bei einer Bootstour die Sonnencreme vergessen haben.

Sprachnachrichten fordern den Storyteller in uns heraus. Sprachnachrichten sind Reportagen, kurze Podcasts aus dem eigenen Leben, aufgenommen als exklusiver Inhalt für eine sehr kleine Zielgruppe. Textnachrichten sind meistens nur das, was sie sind: Informationen, lieblose Push-Mitteilungen.

Kleine Inseln der Stressfreiheit

Man kann eine Geschichte in 30 Sekunden erzählen, in zwei Minuten, aber auch in einer Viertelstunde. Sprachnachrichten haben keine Maximallänge. Und deshalb gilt: Je länger die Sprachnachricht, desto größer ist die Liebe zum Empfänger. Es kann sein, dass ich über Wochen keinen Kontakt zu meiner besten Freundin habe – aber dann schicke ich eine 15-minütige Sprachnachricht, in der ich ausführlich meinen Tag rekapituliere; wie viele Stunden ich geschlafen habe, was es zum Frühstück gab und was das über mein Leben aussagen könnte. Alles ist wichtig.

In einer Welt, in der alles immer schneller gehen muss, sind Sprachnachrichten kleine Inseln der Stressfreiheit. Jede Nachricht hat ja ein Verfallsdatum, nach dessen Ablauf es irgendwie peinlich wird, zurückzuschreiben. Bei Textnachrichten sind es ungefähr zwölf Stunden, bis der Absender sich ignoriert fühlt. Wer eine 15-minütige Sprachnachricht schickt, erwartet aber auf keinen Fall, dass die Empfänger direkt reagieren. Lange, liebevolle Sprachnachrichten halten sich mehrere Tage. Das ist auch romantisch. Schließlich sucht der Empfänger nach einem guten, ruhigen Moment, um die Nachricht mit Sorgfalt zu hören. Ich habe noch nie einen Brief verschickt, der nicht an eine Behörde ging. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich freundschaftliche Papierkorrespondenz in etwa so anfühlt wie eine Sprachnachrichtenbeziehung.

Vor einer Nebenwirkung übrigens muss ich ausdrücklich warnen: Seit ich fast nur noch Sprachnachrichten verschicke, nervt mich das Tippen so sehr, dass ich auf ganze Wörter verzichte. "bin weg", textete ich einer Freundin. Ich meinte: "Ich bin auf dem Weg". Sie sah es als Aufforderung, wieder nach Hause zu gehen. Mit solchen Rückschlägen müssen Pioniere wohl leben.

Meistens sind es Männer, die sich der Sprachnachricht verweigern. Ich mache dafür genderstereotype Erziehung verantwortlich. Wir erziehen unsere Söhne zur Scham vor dem eigenen Plapperbedürfnis. Neulich saß ich im Zug neben einem Fünfjährigen, der Ole hieß. Ole hörte nicht auf zu reden. Er redete über Züge, über andere Länder, über Züge in andere Länder, und manchmal redete er einfach zufällige Worte hintereinanderweg, Regionalexpress fäll’ einen Baum Playmobil. Seine Mutter war genervt und versuchte, Oles Mund mit geschälten Apfelstücken zu stopfen.

Wenn kleine Mädchen viel reden, gelten sie als aufgeschlossen. Wenn kleine Jungs viel reden, gelten sie als aufdringlich. Die Söhne werden dann zu Männern, die gelernt haben, dass alles, was sie sagen, gehaltvoll sein muss. Ole wird sich also nicht trauen, mit seinem ersten Smartphone eine Sprachnachricht aufzunehmen. In seinem Unterbewusstsein ist für immer die Angst verankert, dass gleich jemand kommt und ihm einen Apfel in den Mund stopft.

Aber selbst wenn mehr Männer sich Sprachnachrichten zutrauen würden – vor einer Sache schrecke ich zurück: Sprachnachrichten-Sex. Ich habe mir viele Gedanken über die Vorteile gemacht. Es müssten nicht beide gleichzeitig Lust haben. Ein Sprachnachrichten-Akt könnte sich über Tage und Wochen hinziehen, ähnlich wie manche Tantra-Praktiken. Das wären dann aber die einzigen Sprachnachrichten, bei denen ich es peinlich fände, sie in der Öffentlichkeit aufzunehmen.

Noch.

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