Dann kam WhatsApp. Auf einmal war es egal, wie viele Nachrichten ich schicke, denn sie waren kostenlos. Und ich musste sie schnell beantworten, denn WhatsApp ersetzte den Anruf. Als ich aus meiner Heimatstadt wegzog und auf einmal "alte Freunde" hatte, ersetzte WhatsApp auch die Treffen mit ihnen. Die WhatsApp-Nachrichten wurden länger, aber hässlicher. Ich schrieb sie, während ich zur Bahn rannte oder in Seminaren saß. "hi was geht also ich war gestern in einer bar naja war ganz cool und was machst du am wochenende ich hatte überlegt in die heimat zu fahren" – dafür wurde Schriftsprache nicht erfunden!

Wahrscheinlich waren es schreibfaule Teenager, die angefangen haben, Sprachnachrichten zu verschicken. Texte hassten sie sowieso. Texte kannten sie nur als Barock-Balladen oder Nachkriegskurzgeschichten aus dem Schulunterricht. Erst schickten sie sich die Sprachnachrichten nur untereinander. Doch je normaler das für sie wurde, desto weniger wollten sie einsehen, dass Eltern, ältere Geschwister und Nachhilfelehrer sich der Sprachnachricht verweigerten.

Die Teenager haben die Alten also konfrontiert mit dieser neuen, überlegenen Technologie. Sie schickten nur noch Sprachnachrichten. An alle. Bekommen haben sie dafür erst mal nur Unverständnis. "Warum nicht einfach anrufen/schreiben/die Diktierfunktion benutzen?", haben die Alten gesagt.

Aber jede digitale Innovation erreicht irgendwann einen Punkt, an dem die ironische Akklimatisatierung beginnt. Ein Begriff, den ich mir ausgedacht habe. Denn Pioniere brauchen bekanntlich neue Begriffe, wenn sich ihre Welt nicht mehr in Worte fassen lässt.

Als die Teenager nicht aufhörten, Sprachnachrichten zu verschicken, wollten die Erwachsenen es "nur mal ausprobieren" – ironisch, versteht sich. Sie fühlten sich dabei wie Kinder mit dem ersten Walkie-Talkie. Und dann standen sie eines Tages in der Tram. Hatten eine schwere Einkaufstüte in der einen Hand. Wollten jemandem sagen, dass sie gleich da sind. Da haben sie eine Sprachnachricht geschickt. Wie einfach das ging!

Die ironische Akklimatisatierung beginnt als Witz vieler Einzelner und endet in gesellschaftlicher Normalität. Neulich habe ich eine Nachricht von meinen Großeltern bekommen, die sich ein Smartphone teilen. Unter einem Selfie, auf dem man jeweils nur die Hälfte ihrer Gesichter sieht, steht: "Liebe Anna, viele Grüße von Teneriffa, der Insel des ewigen Frühlings. Wir denken an dich im eiskalten München " Niemand hätte gedacht, dass Großeltern eines Tages die Kulturtechniken Selfie und Emoji in nur einer Nachricht verwenden würden. Nächstes Jahr schicken sie mir eine Sprachnachricht, während sie auf Teneriffa im schwarzen Sand liegen.

Wahrscheinlich senden sie dann nicht nur sonnige Urlaubsgrüße. Eher werden sie mir eine kurze Geschichte erzählen – davon, wie es am ersten Tag geregnet hat. Wie eine Möwe meinem Opa ein Brötchen geklaut hat. Wie sie bei einer Bootstour die Sonnencreme vergessen haben.

Sprachnachrichten fordern den Storyteller in uns heraus. Sprachnachrichten sind Reportagen, kurze Podcasts aus dem eigenen Leben, aufgenommen als exklusiver Inhalt für eine sehr kleine Zielgruppe. Textnachrichten sind meistens nur das, was sie sind: Informationen, lieblose Push-Mitteilungen.