Man kann eine Geschichte in 30 Sekunden erzählen, in zwei Minuten, aber auch in einer Viertelstunde. Sprachnachrichten haben keine Maximallänge. Und deshalb gilt: Je länger die Sprachnachricht, desto größer ist die Liebe zum Empfänger. Es kann sein, dass ich über Wochen keinen Kontakt zu meiner besten Freundin habe – aber dann schicke ich eine 15-minütige Sprachnachricht, in der ich ausführlich meinen Tag rekapituliere; wie viele Stunden ich geschlafen habe, was es zum Frühstück gab und was das über mein Leben aussagen könnte. Alles ist wichtig.

In einer Welt, in der alles immer schneller gehen muss, sind Sprachnachrichten kleine Inseln der Stressfreiheit. Jede Nachricht hat ja ein Verfallsdatum, nach dessen Ablauf es irgendwie peinlich wird, zurückzuschreiben. Bei Textnachrichten sind es ungefähr zwölf Stunden, bis der Absender sich ignoriert fühlt. Wer eine 15-minütige Sprachnachricht schickt, erwartet aber auf keinen Fall, dass die Empfänger direkt reagieren. Lange, liebevolle Sprachnachrichten halten sich mehrere Tage. Das ist auch romantisch. Schließlich sucht der Empfänger nach einem guten, ruhigen Moment, um die Nachricht mit Sorgfalt zu hören. Ich habe noch nie einen Brief verschickt, der nicht an eine Behörde ging. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich freundschaftliche Papierkorrespondenz in etwa so anfühlt wie eine Sprachnachrichtenbeziehung.

Vor einer Nebenwirkung übrigens muss ich ausdrücklich warnen: Seit ich fast nur noch Sprachnachrichten verschicke, nervt mich das Tippen so sehr, dass ich auf ganze Wörter verzichte. "bin weg", textete ich einer Freundin. Ich meinte: "Ich bin auf dem Weg". Sie sah es als Aufforderung, wieder nach Hause zu gehen. Mit solchen Rückschlägen müssen Pioniere wohl leben.

Meistens sind es Männer, die sich der Sprachnachricht verweigern. Ich mache dafür genderstereotype Erziehung verantwortlich. Wir erziehen unsere Söhne zur Scham vor dem eigenen Plapperbedürfnis. Neulich saß ich im Zug neben einem Fünfjährigen, der Ole hieß. Ole hörte nicht auf zu reden. Er redete über Züge, über andere Länder, über Züge in andere Länder, und manchmal redete er einfach zufällige Worte hintereinanderweg, Regionalexpress fäll’ einen Baum Playmobil. Seine Mutter war genervt und versuchte, Oles Mund mit geschälten Apfelstücken zu stopfen.

Wenn kleine Mädchen viel reden, gelten sie als aufgeschlossen. Wenn kleine Jungs viel reden, gelten sie als aufdringlich. Die Söhne werden dann zu Männern, die gelernt haben, dass alles, was sie sagen, gehaltvoll sein muss. Ole wird sich also nicht trauen, mit seinem ersten Smartphone eine Sprachnachricht aufzunehmen. In seinem Unterbewusstsein ist für immer die Angst verankert, dass gleich jemand kommt und ihm einen Apfel in den Mund stopft.

Aber selbst wenn mehr Männer sich Sprachnachrichten zutrauen würden – vor einer Sache schrecke ich zurück: Sprachnachrichten-Sex. Ich habe mir viele Gedanken über die Vorteile gemacht. Es müssten nicht beide gleichzeitig Lust haben. Ein Sprachnachrichten-Akt könnte sich über Tage und Wochen hinziehen, ähnlich wie manche Tantra-Praktiken. Das wären dann aber die einzigen Sprachnachrichten, bei denen ich es peinlich fände, sie in der Öffentlichkeit aufzunehmen.

Noch.

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