"Ich wusste, was passieren würde ... Ich habe es in ihren Augen gesehen. Blicke, die sagen, ich will, dass du tot bist." So spricht der Schauspieler Matthias Hinz als Hasan Nuhanović auf der Bühne des Schauspielhauses Salzburg: leise, nachdenklich, bedauernd, ohne Hass. Hasan, ein 22-jähriger Maschinenbaustudent, erkannte schon 1992, in der Frühphase des Jugoslawienkrieges, dass er und seine Familie, alle Bosniaken, fliehen müssten, um am Leben zu bleiben.

Als sie sich schließlich zur Flucht durchrangen, war es zu spät. Nur Hasan ist davongekommen. Seine Eltern, sein kleiner Bruder und Abertausende sind der Mordlust zum Opfer gefallen.

Warum habe ich überlebt? Mit dieser Frage quält sich der junge Mann, der gerettet wurde, weil ihn sein UN-Abzeichen als Dolmetscher auswies. Seine Eltern, sein Bruder hätten überleben können, wenn die Offiziere des Dutchbat, des holländischen Blauhelmbataillons, nicht so feige gewesen wären. Sie hätten die Serben stoppen können, um die Bewohner der UN-Schutzzone von Srebrenica vor dem Massenmord zu bewahren.

Das Theaterstück Srebrenica, das am 24. März in Salzburg uraufgeführt wird und bei dessen Proben wir dabei sein konnten, dreht sich um diese ewige Frage aller Überlebenden: Warum ich und nicht die anderen? Hasan Nuhanović hat über seine Kriegserlebnisse und seinen Kampf vor holländischen Gerichten zwei Bücher geschrieben: Under the UN-Flag: The International Community and the Srebrenica Genocide (2005) und The Last Refuge (Die letzte Zuflucht, 2018 ). Peter Arp hat daraus das Theaterstück Srebrenica gemacht; er führt auch Regie.

Für die Recherche hat Arp mithilfe der salzburgischen Hilfsorganisation Bauern helfen Bauern im vergangenen Sommer das ganze Team mit Hasan Nuhanović vier Tage lang durch dessen Heimat Bosnien wandern lassen – durch die Wälder, die Dörfer, die Stationen, die den Leidensweg der Bosniaken markieren.

Der in Srebrenica geborene und in Rom lebende Regisseur Ado Hasanović hat den Marsch des Schauspielteams auf Video aufgezeichnet. Die Monologe und Gespräche des Autors (und Hauptzeugen) sowie seiner Eltern und seines kleinen Bruders werden immer wieder verschnitten mit den Videos vom letzten Sommer. Szene um Szene wird die Qual des Protagonisten, sein Leben zwischen gestern und heute für den Zuschauer begreifbarer.

"Ich lebe immer zwei Leben", erklärt Nuhanović an einer Stelle, "eines in der Vergangenheit und eines in der Gegenwart." In der Vergangenheit leben heißt für den Überlebenden, die Schönheit seiner Heimat nicht mehr erfahren zu können: "Ich sah nicht mehr die Wälder, ich sah nur die zerrissenen Leichen ..." In den Videos dann sieht man Hasan mit Matthias Hinz, seinem schauspielerischen Alter Ego, gemeinsam entlang der Spuren des Grauens durch Bosnien stapfen. Das ist die Gegenwart. Hasan Nuhanović hat eine Frau und eine Tochter. "Ich will, dass meine Vergangenheit nicht ihre Zukunft ist." So lautet der letzte Satz der Aufführung. Matthias Hinz spricht sie leise und ein bisschen müde.

Das Massaker von Srebrenica ist die Tragödie, die nach dem Zweiten Weltkrieg nie wieder hätte passieren dürfen – der Genozid in der Mitte unseres scheinbar befriedeten Kontinents. Ein paar Autostunden von Salzburg entfernt spielte sich das Drama von Verfolgung und Flucht, von Hunger und Vernichtung ab.

Die Welt rang die Hände, vorweg die UN, derweil Verbrecher wie Karadžić und Mladić unbeirrt ihren teuflischen Plan verwirklichten: die Vertreibung und Ausrottung der bosnischen Zivilbevölkerung.

Wie bringt man dieses unfassbare Grauen auf die Bühne? Peter Arp, so lassen unsere Probenbeobachtungen ahnen, ist es gelungen, ohne Kitsch, ohne moralische Didaktik die Geschichte von Hasan Nuhanović zu erzählen. Sie verlangt den Schauspielern das Äußerste an emotionaler Glaubwürdigkeit ab und treibt den Zuschauern die Tränen in die Augen. Das Bühnenbild ist schlicht und deshalb umso eindringlicher: ein Feld, mit Mulch bedeckt, aus dem weiße Balken von unterschiedlicher Höhe ragen. Die Balken sind Bäume, unter denen man sich versteckt, an die man sich erschöpft anlehnt. Oder sie symbolisieren die Stelen des Gräberfelds in Potocari. Eine Szene, die den Fluchtweg durch eine steile Schlucht zum Boot in der Drina schildert, entfaltet sich in kompletter Dunkelheit. Die Zuschauer packt das Gefühl, selbst abzustürzen und nie mehr das rettende Boot zu erreichen.

Der Regisseur heroisiert weder die Hauptperson noch die Opfer. Er bettet sie in eine typische Familiendynamik ein, zeigt Vater-Sohn-Konflikte, aber auch komische Momente. Das Entsetzliche wird durch nüchterne, ja protokollartige Elemente konterkariert.

Diese Dramaturgie ist so überzeugend, dass die Zuschauer automatisch an das Gemetzel im syrischen Ostghuta denken. Wieder das gleiche Bild wie in Srebrenica: Die Welt schwankt zwischen Händeringen und Desinteresse. Die UN appellieren. Die Russen legen Vetos ein. Die Bomben fallen. Hilfskonvois werden nicht durchgelassen. Tote Kinder, weinende Mütter – Srebrenica II, ein Vierteljahrhundert später.

Glänzend besetzt sind die Rollen: der machtbewusste Patriarch Ibro (Antony Connor), der trotzig-rotzige Teenager Braco (Magnus Pflüger) und vor allem die Mutter (Ute Hamm). Sie hat scheinbar alles unter Kontrolle, bis ihre Gefühle mit ihr durchgehen und sie ihre Kinder wie eine Wahnsinnige schützen will. Zusammen mit der Erzählerin (Ulrike Arp) erhält die Truppe den Spannungsbogen 100 Minuten lang aufrecht. Die Zuschauer der Voraufführung sind am Ende wie gelähmt. Jede Schulklasse in Europa sollte in dieses Stück geschickt werden.