Wie weit darf eine Frau gehen, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind? Und die mit Ende dreißig erkennt: Wenn ich jetzt nicht schwanger werde, klappt es nie. Dann wird niemals ein Baby in mir wachsen, nie werde ich spüren, wie es von innen gegen meine Bauchdecke tippt. Nie werde ich es in den Armen halten und stillen. Nie werde ich morgens Schulranzen packen, Pausenbrote schmieren, nie ein "Mama, schau mal, was ich kann" auf dem Spielplatz hören. Niemals werde ich Mutter sein.

Solche Gewissheiten sind für manche Frauen eine Tragödie. Jeder kennt Geschichten von Kinderwunschbesessenen, die sich über alles hinwegsetzen, was sich ihnen in den Weg stellt, um in letzter Minute doch noch schwanger zu werden. Wie weit Marie Anselm* dabei ging, wurde am Mittwoch vergangener Woche vor dem Landgericht München in allen peinlichen Details ermittelt.

Der Prozess wirft Licht auf einen rechtlich kaum erhellten Bereich: die Frage nämlich, wie weit sich Kinderwunschkliniken absichern müssen, was das tatsächliche Einverständnis des biologischen Vaters angeht. Es gibt dafür bislang keine verbindlichen Leitlinien, obgleich sich Tausende Frauen in solchen Kliniken befruchten lassen.

In Kinderwunschpraxen spielen sich täglich Dramen ab. Hoffnungen und Enttäuschungen füllen die Wartezimmer. Und erst nach und nach wird das, was dort geschieht, vom Millimeterpapier des deutschen Rechts erfasst. Dass Eizellspenden in Deutschland verboten sind, dass ein anonymer Samenspender keinen Unterhalt zahlen muss – das ist mittlerweile geklärt. Anderes aber ist noch sehr umstritten. Wie das, was Frau Anselm getan hat.

Marie sagt heute über Sebastian: "Er war einfach ein laxer Typ"

Marie Anselm brachte im Dezember 2014 einen kleinen Jungen zur Welt, von dessen Zeugung ihr mittlerweile geschiedener Ehemann Sebastian nichts wusste. Trotzdem ist Sebastian Anselm der rechtliche und biologische Vater des Kindes und soll nun für dessen Unterhalt zahlen. Er hat daher die Reproduktionsklinik verklagt. Seine Anwälte Jörg Heynemann und Simon Hollenstein argumentieren, die Klinik hätte erkennen müssen, dass Marie Anselm ohne das Einverständnis ihres Gatten behandelt wurde. Die Klinik soll daher die Unterhaltszahlungen an seiner statt übernehmen.

Die Anselms sind, als sie sich im Jahr 2005 kennenlernen, noch jung, er ist 25 und sie 30 Jahre alt. Sie arbeitet im Labor und steht schon einige Jahre im Berufsleben, er studiert auf Lehramt. Sie heiraten schnell und bauen sofort ein Haus. Als Heimat wählen sie einen idyllischen Kurort in Oberbayern, in dem die Dorfbewohner noch speckig-lederne Trachtenhüte tragen. Beide stammen nicht von dort, aber sie sind passionierte Skifahrer, sogenannte Free Rider, die im Neuschnee ihr Glück finden. Der Kurort liegt in den Bergen und hat viel Schnee.

Mitten in dieses Dorf aus traditionellen Holzhäusern setzen die Anselms einen langen Klotz aus unverputztem Beton. Wie ein Fels lehnt das Haus am Berg – ein Monolith, von den Nachbarn misstrauisch beäugt. Ein Kamerateam begleitete damals das ambitionierte Bauvorhaben. In dem Fernsehbeitrag kann man beobachten, wie sich das Projekt verselbstständigt. Der Hausbau wächst den Eigentümern über den Kopf und macht sie zu Nebendarstellern im Geschehen. Während sich die burschikose Marie um Zuversicht bemüht und Durchhalteparolen ausgibt, fühlt sich Sebastian Anselm sichtlich unwohl in der Rolle des Bauherrn, die er vor den Kameras spielen muss.