Auf meinem Rückflug von Amerika, genauer gesagt auf der letzten Etappe München–Leipzig, saß der Philosoph Slavoj Žižek einige Sitzreihen vor mir. Ist er’s wirklich, überlegte ich kurz, ich hatte ihn einmal während der Schillertage in Mannheim live erlebt, und ich wusste, dass er einen Auftritt auf der Leipziger Buchmesse hat, die an diesem Morgen begann.

Gerne wäre ich aufgestanden und hätte ihn gefragt, was er zu all diesen Dingen, Vorgängen ... zu sagen habe, genauer gesagt, zu den Vorgängen in Dresden, in Sachsen, in Ost- und Gesamtdeutschland. Über Gesinnungskorridore, den großen oder kleinen Suhrkamp-Streit, über Dresden (schon wieder, immer noch), Hahnen-Kämpfe, Gräben im Land (fällt er in den Graben / fressen ihn die Raben!), Spaltungen, Strahlungen (frei nach einem Titel Ernst Jüngers) von rechts, halb rechts, links, mittig oder woher auch immer, rückwärts nimmer-vorwärts ..., und ob das Grundproblem nicht der unsägliche, zerrissene Zustand der Welt sei (ist, wäre, sei ... Versailles?, deutsche Sprache, wir sind dabei!). Aber simple Verallgemeinerungen verhindern nur den Tiefgang in die spezifischen Vorgänge und Probleme, doch manchmal it’s pure and simple, as a Dimple (ein Dimple ist ein Scotch Whisky Blend: mehrere Malt-Whiskys werden beziehungsweise wurden von einem Masterblender zu einer wunderbar rauchig und smooth zugleich schmeckenden Komposition "verblendet").

Doch erstens stehe ich im Flugzeug nie auf (Flugangst!) und bleibe immer angeschnallt, und zweitens ist das so eine Sache mit dem "Zustand der Welt". Als ich in Amerika ankam, Anfang Februar, war es in den ersten Tagen wie immer, wenn ich in Amerika ankomme (obwohl der letzte Aufenthalt sechs Jahre zurücklag, und wir sprechen genau genommen von New York und nicht von Amerika): Angst und Unverständnis und ein schlechtes Gewissen. Obdachlose neben einem Laden mit Acht-Dollar-Smoothies, das Rufen der Verwirrten und psychisch Kranken in der New Yorker Nacht, Schlangen vor den Apple-Stores, aber gesunde Äpfel sind teure Mangelware, schwarze Mamas früh gealtert, nahrungsvergiftet, gestützt auf Rollatoren, Dollar-Dollar-Dollar-Mannie!, Mannie ist schwarz, aber gerne auch weiß, und hat drei Jobs in Manhattan (nicht in Magdeburg!) und wohnt in irgendeinem Gewerbegebiet in New Jersey, schlafen tut er in der U-Bahn.

"I am from a poor area", entschuldige ich mich bei einem Schwarzen in Uniform, der in der vornehmen Lexington Avenue vor einem Hotel steht und mit einer Handglocke für die Unterstützung der Homeless bimmelt. Ich bin auf den Spuren Old Shatterhands, der im Mai 1973 auf der Lexington Avenue, Ecke 61. Straße, mit einem Herzinfarkt umkippte. "Hier starb Old Shatterhand", flüstere ich später, Pfeife rauchend, an ebenjener Kreuzung und meine natürlich den amerikanischen Schauspieler Lex Barker, der den Helden unseres sächsischen Fantasten Karl May so einzigartig verkörperte und der Deutschland liebte, obwohl er 1943 gegen die Deutschen kämpfte, und der sich später, in den Sechzigern, als die Karl-May-Filme boomten, einige deutsche Qualitätstabakspfeifen zulegte.

"Poor area?", lachte der uniformierte Schwarze, "with this pipe? No chance!", und ich legte weitere Dollars in seine Box. Ich gebe zu, ich wollte mich einreihen in die großen Pfeifenraucher der deutschsprachigen Literatur: Grass, Johnson, Frisch. Und wanderte Pfeife paffend durch die große Stadt. Johnson zumindest hatte ich dabei für meinen Kurs an der New York University: "Auf der Suche nach der Deutschen Moderne".

Über Wolfgang Hilbig sprachen wir, Alte Abdeckerei, gerade ins Amerikanische übersetzt, über Franz Fühmann, der in seinem Fragment Im Berg den Sozialismus und die Welt und die Romantik und die Gegenwart untergrub. Über die wunderbare, immer noch so moderne Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, aber auch über den westdeutschen Cut-up-Poeten/Piloten Jürgen Ploog, der seine Texte oft im Cockpit zwischen USA und Deutschland schrieb. Ich spielte die Kinderhymne von Eisler/Brecht ("dass ein gutes Deutschland blühe / wie ein gutes neues Land") in meinem kleinen Hörsaal, verschnitt sie mit den Ploogschen Mixtapes aus Nordafrika und Asien, Stimmen, Sounds, alte und neue Zeit ... Während von der anderen Seite dieses Flugangst-Ozeans andere Sounds zu uns rüberkamen. Schwer zu entschlüsseln der Kontext. Dresden hin, Dresden her ... iPhone habe ich keins, aus Prinzip. Halt den Informationen-Overkill mal schön draußen.

Eins fehlte mir in Amerika. Die deutsche Presse. Drei, vier Zeitungen lese ich zu Hause (Heeme) fast jeden Tag. Nichts liegt mir ferner als das zwanghaft politisch Korrekte. Ich halte nichts von geschlechtsneutralen Toiletten, wär aber ganz witzig, hätte man immer ein neues sauberes Shithouse ... Cut-up aufm Rückflug. Judith Butlers Gender-Ideen sind mir eher fremd, aber ich denke drüber nach, nee, sorry!, ich meckere rum und fluche wie ein Sachse, wenn aufm Hauptbahnhof ein Flüchtling aggressiv auftritt, ja, kommt vor, und?, in einer Bücher-Kneipe in Brooklyn entdecke ich Ezra Pound und lese wieder rein und erzähle meinen Studenten, wie dieser große Lyriker und Faschist in einem Käfig durch Neapel gekarrt wurde 1944 oder 45. Aber was für ein Dichter!

Zurück in die Gesinnungskäfige meiner Heimat? Nee. Gibt’s keine. Auch wenn mir vieles auf den Sack geht. Einst träumten wir uns in den Orient ...

Slavoj Žižek entschwindet vor mir Richtung Buchmesse. Ach, die Heimat. Ja, da ist sie.

Auch wenn mich ein wenig fröstelt. Aber ist ja auch Winter, nicht mehr lange hoffentlich.