Die schärfste Waffe im Streit der Meinungen ist der Vorwurf, rechts zu sein. Wem es zuerst gelingt, den Gegner in jene Ecke zu schieben, wo nur noch der braune Abgrund droht, der hat gewonnen. Das ist ein sehr deutscher Mechanismus. Er hat – das liegt auf der Hand – mit unserer Vergangenheit zu tun. Das in allen Demokratien übliche politische Spektrum von rechts, konservativ, liberal und links ist bei uns beschädigt.

Konservativ genannt zu werden, mag man sich noch gefallen lassen, während rechts zu sein sich jedem verbietet, der kein politischer Abenteurer ist. Das Rechte ist das ein für alle Mal Böse, während das Linke, ungeachtet aller fürchterlichen historischen Erfahrungen, immer noch als respektabel gilt. Man könnte auch sagen: Rechts ist all das, was diejenigen, die auf der richtigen Seite stehen wollen, nicht sind.

Vor diesem Hintergrund muss man das Dresdner Streitgespräch zwischen den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Grünbein sehen. Tellkamp hat nicht behauptet, er herrsche eine "Gesinnungsdiktatur" in diesem Land, wohl aber hat er eine Asymmetrie beklagt: die öffentliche Ungleichbehandlung linker und rechter Ansichten. Er, Tellkamp, fürchte zum Beispiel die massenhafte Einwanderung junger Muslime, er fürchte, dass sich dieses Land zu seinem Nachteil verändere. Wer das sage, werde dadurch "herabgewürdigt", dass man ihn in die rechte Ecke stelle. Und wer auf solch leichtfertige, ungerechte Weise zum Nazi erklärt werde, der gerate in Versuchung, wirklich einer zu werden.

Das Recht auf Meinungsfreiheit schließt das Recht auf Beifall nicht ein, wohl wahr. Aber der notorische Hinweis, die konservativen oder rechten Diskussionsteilnehmer hätten doch alle Publikationsmöglichkeiten, führt in die Irre. Ja, Thilo Sarrazin zum Beispiel kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit und Auflage nicht beklagen. Doch möchte, wer sich öffentlich äußert, als seriöser Gesprächspartner wahrgenommen werden. Stattdessen wird er verächtlich gemacht, abqualifiziert, absichtsvoll missverstanden. Der Resonanzraum, auf den jeder am Gedankenaustausch Interessierte dringend angewiesen ist, wird stumm.

Die Freiheit der Meinungsäußerung schließt die beiderseitige Pflicht mit ein, die Argumente auf ihre Triftigkeit hin zu prüfen, einen gewissen Vertrauensvorschuss zu gewähren und das, was der Partner oder Gegner offensichtlich meint, ernst zu nehmen. In unserer Streitkultur jedoch hat die Zahl der Platzanweiser zugenommen. Anhand bestimmter Vokabeln und mithilfe einer hämischen, vereinseitigenden Lesart sammeln sie ideologische Anklagepunkte. Dann gerät jeder, der Begriffe wie "deutsch", "Volk" oder "Heimat" verwendet, unter schwersten Verdacht. Der Schriftsteller Rüdiger Safranski hat eben im Spiegel gesagt: "Für manche ist das Reden vom 'Volk' bereits unanständig. Die Selbstverständlichkeit, dass es 'Völker' gibt, sollte jedoch nach dem nationalsozialistischen Missbrauch auf Dauer nicht verdunkelt werden. Auch in Deutschland gibt es ein Volk, das steht sogar im Grundgesetz."

Es wird in diesen Dingen, da hat Tellkamp recht, "mit zweierlei Maß gemessen". Die Äquidistanz zu den Extremen, die Botho Strauß schon vor Jahren gefordert hat, ist hierzulande illusionär. In seinem Werk Der Archipel Gulag hatte Alexander Solschenizyn die stalinistischen Vernichtungslager geschildert. Der Schock, den das Buch 1973 auslöste, brachte die französischen Intellektuellen von ihrer Kommunismus-Begeisterung ab, in Deutschland blieb er fast folgenlos. In der Medienöffentlichkeit herrscht noch immer eine Grundsympathie für alles Linke, während das Rechte, das gerne auch populistisch oder reaktionär genannt wird, sofort Abwehrreflexe auslöst. Dann genügt es, jemandem nachzusagen, er stehe der AfD nahe oder er rede wie die Pegida-Leute, schon ist der Fall erledigt.

Das ist auch Uwe Tellkamp passiert. Viele Berichte und Kommentare über das Dresdner Gespräch kaprizierten sich auf ein paar Zuspitzungen Tellkamps und auf fragwürdige Zahlen. Wer sich die Veranstaltung auf YouTube ansieht, der wird darüber erstaunt sein, wie diszipliniert und ruhig die kontroversen Meinungen ausgetauscht wurden. Im Vergleich mit Grünbein wirkte Tellkamp etwas gereizt und angespannt, aber die meisten seiner Äußerungen waren nachvollziehbar, keine war skandalös. Was ihn offensichtlich umtreibt, ist eine Art Lokalpatriotismus. Er mag seine Heimat nicht als braunes Deutschland gezeichnet sehen, während Grünbein die rechten Gewalttaten beim Namen nannte. Worauf Tellkamp die linken Chaoten beim G20-Gipfel ins Feld führte. Worauf Grünbein eine "verbale Aufrüstung" feststellte und die Neigung der AfD kritisierte, "die Grenzen des Sagbaren auszutesten".

Es lässt sich endlos darüber streiten, wer mit der Eskalation angefangen hat und wo die meisten Antidemokraten sitzen – in der rechten oder in der linken Ecke. Letztlich sind das Sandkistenspiele. Wir hocken aber nicht mehr in der Sandkiste. Es wäre nicht schlecht, endlich erwachsen zu werden und einander aufmerksam zuzuhören. Um diese Tugend steht es derzeit nicht sonderlich gut.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio