"Wenn man mit der Welt nicht ganz fremd werden will", schrieb Goethe mit 62 Jahren, "so muss man die jungen Leute gelten lassen für das, was sie sind, und muss es wenigstens mit einigen halten, damit man erfahre, was die übrigen treiben." Die "jungen Leute": Schon vor 200 Jahren klang der Begriff aus der Feder eines alternden Mannes so verheißungsvoll wie heute, nach einem verzierten großen Schlüssel für das Tor zum pulsierenden Diesseits, an dem man selbst keinen Anteil mehr hat. Auch der Vatikan redet jetzt von der Jugend, als ob er sie nicht richtig versteht, aber doch irgendwie glaubt, es zu müssen. Das erinnert mich an die Versuche auch der evangelischen Kirche, der ich angehöre, es "mit den jungen Leuten zu halten", durch Bibeln in Jugendsprache und coole neue Liedern, die den Gottesdienst lässiger machen sollen. Eine alternde Institution wirbt um die Jugend und biedert sich an.

Jetzt aber hat eine Bischofssynode junge Menschen befragt. Das ist doch mal was! Klingt nach wirklichem Interesse an den verlorenen Söhnen und Töchtern, vielleicht auch an mir, einer protestantischen Kirchenmusikerin mit eher kirchenkritischen Ansichten. Damit an den jungen Leuten nicht vorbeigeredet wird, lud man diese Woche 300 von ihnen nach Rom ein, und für die, die nicht vor Ort sein konnten, gab es seit Anfang Februar Facebook-Gruppen in verschiedenen Sprachen. Dort konnte sich jeder zwischen 16 und 29 Jahren anmelden, aber bitte mit echtem Profil und nicht beim Alter schummeln. Auch mein Account wurde von den Administratoren gründlich durchgecheckt und erst nach einem Tag freigeschaltet. So gehörte ich zu den 15.340 Teilnehmern dieses vorsynodalen Treffens. Welche Ehre. In die Sprachgruppen wurden Mitte März 15 gehashtagte Fragen gepostet, als hippe Memes in Pastellfarben, auf die man per Kommentar oder WhatsApp-Video antworten sollte. Unsere Gedanken gehen dann an die Synodenväter. Hört die kühne Jugend!

Der Vatikan hat zu diesem Versuch ausdrücklich auch Protestanten, Agnostiker und Atheisten eingeladen (was ist nur mit dieser katholischen Kirche los?), und einige Fragen sind dann wirklich interessant: Was erträumt sich die junge Generation für die Gesellschaft? Empfinden die Jugendlichen eine Berufung oder Sendung in dieser Welt? Wie prägen neue Technologien ihre Identität? Es gibt aber auch Formulierungen, die mich skeptisch stimmen: Welche Orte sind wichtig, um den Jugendlichen das Licht des Glaubens nahezubringen? Für mich zu viel der Esoterik. Oder: Welche Merkmale müsste die Kirche haben, damit sie bei der jungen Generation Faszination weckt? So langsam bekomme ich Zweifel an der Echtheit des Erkenntnisinteresses. Geht es den Veranstaltern nur um die Rettung einer Institution? Ich fürchte, man will katholisch missionieren und missbraucht dazu meine Gedanken.

Relativ viele Kommentare lesen sich, und das wundert mich, konservativ: "Je vielfältiger die Welt ist, umso klarer und scharfkantiger muss man sich zu seinem eigenen Standpunkt bekennen", schreibt eine junge Frau. Eine andere fordert, "zu erklären, warum es aus Sicht des Glaubens völlig richtig ist, keinen Sex vor der Ehe zu haben, keine 'Ehe für alle' existieren kann oder welche Gründe für den Zölibat und die Priesterweihe nur für Männer sprechen." Wie bitte? Der Post hat 26 Likes. Ein junger Mann schreibt, man solle die "schönen katholischen Traditionen pflegen." Fünf Likes. Diskussionen entstehen kaum. Ich schreibe provokante antiautoritäre Dinge und bekomme keinen Widerspruch, dafür zwei bis drei Daumen-hochs.

Viele "junge Leute" schreiben über "die jungen Leute", als gehörten sie nicht dazu. Ich ertappe mich sogar selbst dabei. Vielleicht liegt es an den unpersönlichen, indirekten Fragen. Das Problem: "Die Jugend" ist eben keine homogene Gruppe. Es gibt unter ihnen (halt, unter uns!) die Traditionalisten wie die Neuerer. Eine von ihnen postet: "Traditionen? Latein, Weihrauch, Liturgie, Feiertage – das sind lange nach Christus hinzugefügte Details. Was ist mit der christlichen Urbotschaft? War sie nicht rebellisch und unbequem? Prangerte sie nicht das Bestehende an?" Das tat sie! Ihr Geist war Feuer, um es mit Søren Kierkegaard zu sagen. Und heute? Im virtuellen Facebook-Raum wird für mich ein Problem sichtbar, das die Kirche hat, und zwar konfessionsunabhängig: Sie kreist wie eine Spieluhrballerina um sich selbst. Sie rechtfertigt ihre Existenz aus sich selbst heraus. Es geht ihr zu sehr darum, die Kirchenbänke zu füllen, statt um davon unabhängige Ideale. Von dem Zeichner Janosch gibt es dazu eine schöne Karikatur, da trägt ein Mann, gebeugt von der Last, eine Kirche auf seinem Rücken.

Die Kirche solle Menschen aber nicht niederdrücken, sagt Franziskus, sondern ihnen aufhelfen. Er findet, sie müsse dafür "das Risiko eingehen, verbeult zu werden". Dieser Papst scheint mir mit seinen 82 Jahren erstaunlich fortschrittlich. Vielleicht ist ja das, was "die Jugend" will, gar nicht die Lösung des Problems. Es gibt ziemlich altbackene 17-Jährige und überraschend avantgardistische alte Männer im weißen Gewand. "Um große Dinge zu tun" – und hier widerspreche ich dem alten Goethe –, muss man nicht unbedingt jung sein.