I. Adelsprädikat Weinlese

Wie der Begriff Vintage, der im Englischen ursprünglich für Weinlese stand und dann zum gern verwendeten Synonym für alt, altmodisch oder klassisch wurde, zur Kunst kam, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aber seine Karriere außerhalb des Winzer-Milieus ist längst unaufhaltsam. Autos, für die die Bezeichnung Oldtimer zu betulich klingt, werden als "Vintage Cars" angeboten. Läden für altmodische Kleidung schmücken ihre Klamotten mit dem Label. Möbel aus den zwanziger, dreißiger Jahren gelten als "Vintage" (im Unterschied zu den modernen Kopien, die als "Retro" firmieren). Und vor allem bei Fotografien gilt Vintage-Print als Adelsprädikat für wertvolle Bilder, die es zu sammeln lohnt.

II. Analog wie im Familienalbum

Damit gemeint sind nicht digitale Aufnahmen, sondern analoge Fotografien. Solche, die noch auf Rollfilm oder gar Glasplatte aufgenommen wurden und deren Negativ in der Dunkelkammer dann in ein Positiv verwandelt wurde. Es sind jene Aufnahmen, die sich noch in den guten alten Familienalben finden, genauso wie in Pressearchiven, deren Inhalte weiter zurückreichen, oder historischen Sammlungen.

III. Vom Fotografen abgezogen

Weil eine Fotografie beliebig oft abgezogen werden kann, haben sich im Kunsthandel Bezeichnungen herausgebildet, die das Alter und die Originalität eingrenzen. Einen Vintage-Print zu besitzen, den der Fotograf unmittelbar nach der Aufnahme selbst abgezogen hat, ist das höchste der Gefühle – und das teuerste Exemplar. Manche lassen die Bezeichnung "Vintage" auch für Abzüge gelten, die ein paar Jahre danach entstanden sind. Besonders umstritten ist die Bezeichnung, wenn der Abzug von einem Assistenten stammt. Oder wenn der Fotograf nach Jahrzehnten die Negative aus seinem Archiv hervorholt und nochmals abzieht. Das mag ein Original sein, aber kein Vintage.

IV. Wie die Zeitung von gestern

Wird das Foto später von einem Originalnegativ ohne Zutun des Fotografen – beispielsweise von Erben und Nachlassstiftungen – erneut vervielfältigt, handelt es sich um einen "Reprint", "Modern Print" oder auch einen "späteren Abzug". Ein so zustande gekommener Abzug liegt im Preis deutlich niedriger als der Originalabzug, selbst wenn die Auflage limitiert ist. Dasselbe gilt für die Presseabzüge, die als Vorlage für Zeitungen dienten. Denn die Reporter schickten für gewöhnlich die belichteten Filme an ihre Redaktion, die sie dann in eigenen Labors entwickelte, abzog und für den Druck rasterte. Weil auch in diesem Metier die Versuchung groß ist, Unechtes als echt zu verkaufen, finden sich häufig bei Internet-Auktionen oder Sammlermärkten Fotos, die nur fotografische Reproduktionen der Originale sind. Sie haben den Wert der Zeitung von gestern.