Auf den ersten Blick mag es ein wenig verwegen erscheinen, so unterschiedliche Persönlichkeiten wie den Philosophen Ludwig Wittgenstein, den Komponisten Alban Berg und die Salonière Berta Zuckerkandl miteinander in Beziehung zu setzen. Eben eine beliebige Auswahl klingender Namen aus dem Wiener Fin de Siècle, dessen intellektuelle Leuchttürme eine nicht enden wollende Faszination auf ein vornehmlich touristisches Publikum ausüben.

Genau diesen Kunstgriff wählt aber Bernhard Fetz, der Direktor des Literaturarchivs der Nationalbibliothek, der den Begleitband zu der gleichnamigen Ausstellung über die Zentralfiguren der Wiener Moderne herausgegeben hat. Er will damit die nicht sonderlich neue Einsicht demonstrieren, wie verschlungen die Lebenslinien und Schaffenskreise im merkwürdigen Biotop der Wiener Moderne waren, deren Protagonisten in unterschiedlicher Weise miteinander in Verbindung standen. Häufig in wenig wertschätzender.

Es war ein gegensätzlicher, widersprüchlicher, eifersüchtelnder, untereinander zerstrittener oder miteinander verbündeter, gegeneinander polemisierender oder gemeinsam kämpfender Mikrokosmos, in dem viele Sonnen strahlten, um die wiederum zahlreiche Planeten kreisten; manche dieser Himmelskörper um mehrere Sonnen zugleich, Tag- und Nachtseiten ineinander verschmelzend.

Der Karl-Kraus-Biograf Edward Timms hat schon vor über 30 Jahren den Versuch unternommen, das planetarische Chaos zu systematisieren. Man könne es sich, meinte er damals, als ein konzentriertes System von Mikroschaltkreisen vorstellen, die steter Ideenfluss verband.

Jeder Versuch, eine Astronomie des Wiener Geistes zu erstellen, muss allerdings unvollständig bleiben. Doch verdeutlicht auch dieser Band, dass sich in Wien nicht bloße Kaffeehauszirkel gebildet hatten, sondern tatsächlich ein komplexes Beziehungssystem, ein geistiges Universum, entstanden war.

Bernhard Fetz (Hrsg.): Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl. Zsolnay Verlag, Wien 2018; 336 Seiten, 27,60 €.

Die Ausstellung "Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl" ist vom 22. 3. 2018 bis zum 17. 2. 2019) im Literaturmuseum, Johannesgasse 6, 1010 Wien, zu sehen.