Im März 2013 treffen sich drei Männer im Schweizer Schaffhausen, einem idyllischen Städtchen direkt an der Grenze zu Deutschland. Im italienischen Restaurant Santa Lucia ziehen sie sich, so geht es aus späteren Aussagen vor Strafverfolgern hervor, in den Weinkeller zurück, einen großen, fensterlosen Raum mit schmiedeeisernem Schmuck und italienischen Wandbemalungen. Dort setzen sie sich an einen Tisch und schließen die Tür. Der Wein schmeckt, nach zehn Minuten ist man beim Du. Einer der Männer steigt zwischendurch die Treppe hinauf und ruft der Bedienung zu: "Wir hätten gerne noch ein Viertel Wein!"

So feuchtfröhlich beginnt ein wüster und zugleich hochpolitischer deutsch-schweizerischer Wirtschaftskrimi, in dem es längst alles andere als lustig zugeht. Gegen die drei deutschen Männer hat die Staatsanwaltschaft Zürich in diesem März, fünf Jahre nach dem Treffen im Santa Lucia, Anklage erhoben: unter anderem wegen Wirtschaftsspionage und Verletzung des Bankgeheimnisses. Geht es nach den Schweizer Staatsanwälten, gehören die drei Männer ins Gefängnis.

Auch auf deutscher Seite sorgt das Treffen im Santa Lucia für eine Kettenreaktion. Die brisanten Unterlagen, die die Männer im Nachgang des Treffens austauschen, werden zu zentralen Bausteinen im Verfahren rund um den größten Steuerraub in Deutschland, durch den der Staat viele Milliarden Euro verloren hat. Mittlerweile ermitteln die deutschen Staatsanwälte gegen Dutzende Beschuldigte, gegen Banker, Berater, Broker und Anwälte. Es ist eines der größten Wirtschaftsverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik. Und die Männer aus dem Weinkeller haben es mit ausgelöst.

Sind sie nun also Helden oder Spione?

Es ist eine komplizierte Geschichte, die die ZEIT in Kooperation mit dem Recherchezentrum Correctiv , dem ZDF-Magazin Frontal 21 und dem Schweizer Online-Magazin Republik recherchiert hat. In ihr geht es um einen steinreichen Unternehmer, viel Geld und Verhöre unter dem Einfluss von Opioiden. Es geht aber auch um ein noch weitgehend unbekanntes Kapitel in einem Steuerkrieg, der schon lange zwischen Deutschland und der Schweiz tobt. Bereits 2009 drohte Peer Steinbrück, damals Finanzminister, die Kavallerie zu schicken, um den kleinen Nachbarn zum Einlenken zu bewegen. Dessen Banken hatten reichen Deutschen mithilfe des Schweizer Bankgeheimnisses über Jahrzehnte geholfen, ihr Geld vor dem Fiskus zu verstecken. Mittlerweile ist das Schweizer Bankgeheimnis zwar löchrig geworden. Aber vorbei ist der Steuerkrieg längst nicht (siehe Kasten). Auch die Schweiz hat ihre Kavallerie.

Einer der drei nun angeklagten Männer ist der Stuttgarter Anwalt Eckart Seith. Normalerweise vertritt er die Interessen seiner Mandanten bei Wirtschaftsverfahren. Nun ist er selbst zur Zielscheibe der Schweizer Justiz geworden. Der Grund: Seith hat nach dem Treffen im Santa Lucia brisante Dokumente entgegengenommen. Diese wiederum, so die Zürcher Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift von Anfang März, hätten dazu beigetragen, dass der Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin ein Schaden von 45 Millionen Euro entstanden sei. Seith habe sich durch seine Handlungen "schuldig gemacht, wofür er zu bestrafen ist". Ihre Forderung: drei Jahre und sechs Monate Gefängnis.

Ein zweiter Mann beim Treffen im Santa Lucia arbeitet damals noch als Jurist für die Bank J. Safra Sarasin. Nennen wir ihn Josef Talheimer, sein richtiger Name soll nicht genannt werden. Er ist der Whistleblower, der die brisanten Dokumente an Seith übergeben hat und nun ebenfalls angeklagt ist. Er soll für drei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Talheimer ist seit seiner Geburt halbseitig spastisch gelähmt. Auch das wird in dieser Geschichte noch eine entscheidende Rolle spielen. Genau wie der dritte Mann im Bunde, ein Banker, der das Treffen im Santa Lucia vermittelt hat.

Aber der Reihe nach.

Der Fall beginnt für Anwalt Seith im Januar 2013 mit einem prominenten Mandanten: Erwin Müller. Der Unternehmer hat die Drogeriekette Müller aufgebaut, einen Konzern mit 34 000 Mitarbeitern, den er auch heute, mit 85 Jahren, noch immer leitet. Sein Vermögen wird vom Forbes- Magazin auf knapp 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Einen Teil dieses Geldes investierte Müller über die Bank J. Safra Sarasin in komplizierte Aktiendeals. Dabei handelt es sich um sogenannte Cum-Ex-Geschäfte. Bei denen geht es darum, vom deutschen Fiskus Geld zu bekommen, das einem eigentlich nicht zusteht. Vereinfacht gesagt, wird eine Steuer einmal gezahlt, aber mehrfach zurückgefordert. Dem Staat wurde auf diese Weise über die Jahre ein hoher Milliardenbetrag geraubt. Für Banken, Investoren und Berater war es ein Bombengeschäft.

Bei Müller aber geht die Sache schief. Der deutsche Fiskus wird schließlich doch misstrauisch und stoppt die Auszahlungen. Das Geschäftsmodell bricht zusammen. Von Müllers Geld, immerhin 50 Millionen Euro, ist fast alles weg. Das aber will der Unternehmer nicht akzeptieren. Er stellt sich auf den Standpunkt, gar nicht gewusst zu haben, in was er da genau investiert habe. Müller will seine Millionen zurück. Anwalt Seith soll sie besorgen. Er fordert die Bank auf, 47.129.254,72 Euro an Müller zurückzuzahlen. Als sie das nicht tut, reicht er im Auftrag seines Mandanten Klage beim Landgericht Ulm ein. So weit, so normal für einen Anwalt. Doch dabei bleibt es nicht.