Wer nicht in Hamburg wohnt, in Frankfurt, München oder einem anderen Immobilienhotspot, der kann sich entspannen und das wohlige Gruseln genießen. Für die Einwohner der fraglichen Städte ist die Sache ernst. Die Kosten ihrer Wohnungen wachsen ihnen über den Kopf.

Sieben von zehn Hamburgern machen sich große oder sehr große Sorgen, sie persönlich könnten sich das Leben in ihrer Stadt in Zukunft nicht mehr leisten. Das ergab soeben eine repräsentative Umfrage im Auftrag der ZEIT. Es liegt nahe, dieses Ergebnis auf die anderen Großstädte zu übertragen, die in der kühlen Investorensprache "A-Städte" heißen: München, Frankfurt, Berlin, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, dazu kommen die kleineren Universitätsstädte. Sie alle werden ihren Bewohnern zu teuer.

Es sind Orte, in denen normale oder recht gute Gehälter und Renten längst nicht mehr für das genügen, was einmal selbstverständlich war: im eigenen Freundeskreis, in der eigenen Nachbarschaft oder Kirchengemeinde alt zu werden. Mindestens zehn Millionen Deutsche leben in Städten, in denen die Wohnkosten seit Jahren schneller steigen als Einkommen und Sozialleistungen. In einer Zeit, in der Deutschland sich ein Heimatministerium zulegt, droht ihre Heimat für sie unerschwinglich zu werden.

Oder sollte man sagen: Sie ist es bereits? Wenn das Einstiegsgehalt eines Polizisten oder die Rente einer Krankenschwester nicht mehr genügen, um eine kleine Wohnung in einem unspektakulären Viertel zu bezahlen, taugt die Stadt nicht mehr als Heimat für viele. Sie wird zum Schutzraum einer wohlhabenden Minderheit.

Einfach zu lösen ist dieses Problem nicht. Ein Allheilmittel gibt es nicht, sonst würde es in Städten wie London, Barcelona oder San Francisco längst angewandt. Und viele Rezepturen schaden: Die Landflucht aufhalten, den Wohnraum umverteilen, das Mietrecht den Wünschen der Investoren anpassen – solche Vorschläge sind bestenfalls naiv. Zwei Maßnahmen aber könnten die Wohnungskrise zumindest in Grenzen halten: erstens, neue Häuser bauen, und zweitens, den längst nicht mehr funktionierenden Mietwohnungsmarkt regulieren.

Wohnungsbau ist ein Problem der Städte, und es muss dort gelöst werden. Es sind ihre Bürger, die Wohnraum benötigen, und es sind ihre Bürger, die sich dem Wohnungsbau in der je eigenen Nachbarschaft immer wieder widersetzen. Auch diese Bewegung reicht längst von München über Berlin nach Hamburg: Wohnungen, ja bitte, aber nicht bei uns! Wo Häuser entstehen sollen, gilt plötzlich jedes Gestrüpp als Naturerbe. Gegen sozialen Wohnungsbau im eigenen Stadtteil wehren sich viele Anwohner, als seien die zukünftigen Nachbarn eine Art von Giftmüll, der vor ihrer Haustür abgeladen werden soll. Das erscheint widersprüchlich angesichts der verbreiteten Angst vor wachsenden Wohnkosten. Es ist wohl eine kurzsichtige Ausprägung von Geiz: Das wenige, was wir haben und teuer bezahlen, wollen wir nicht auch noch teilen.

Die Regulierung des Marktes dagegen ist Aufgabe des Bundes – und sie ist dringend erforderlich. Denn von echten Märkten kann in den umkämpften Städten längst nicht mehr die Rede sein. Wohnraum ist so knapp, dass die Vermieter nicht miteinander konkurrieren und nahezu beliebig hohe Mieten verlangen können.

Und auch die neue Regierung plant dagegen: nichts. Das neue Baukindergeld hilft an teuren Wohnorten allenfalls akademisch gebildeten Doppelverdienern mit Familienvermögen im Hintergrund. Und die neue, angeblich verschärfte "Mietpreisbremse" lässt in den meisten Städten Preissteigerungen im Tempo der vergangenen Jahre zu. Einer strikteren Begrenzung, wie die SPD sie vorschlägt, steht die Union im Weg. Dabei ist gerade in diesem Punkt das Gegenargument längst widerlegt: Nichts spricht dafür, dass irgendwo eine Wohnung nicht gebaut würde, weil eine vermeintliche Überregulierung die Investoren verschreckte. Im Gegenteil, sie reißen sich nach wie vor darum, ihr Geld in Immobilien anzulegen.

Darüber nur zu reden hilft natürlich nicht. Aber es wäre ein Fortschritt, wenn die Stadtbewohner sich verständigen könnten, was ihnen nützt und wer ihnen schadet.