In einem Hinterhaus in Berlin treffe ich den Mann, der versucht hat, in mein Leben zu blicken. Ich weiß nicht viel mehr über ihn als das, was ich jetzt vor mir sehe: einen Mittdreißiger mit Nylonhose und Undercut unter den braunen Haarsträhnen. Er dagegen weiß möglicherweise mehr über mich, als mir lieb ist. Was das genau ist, werde ich in wenigen Minuten erfahren.

Der Mann heißt Danja Vasilev. An einem Montag Ende Februar sitzt er in einem Konferenzraum vor einem Laptop, hinter ihm hängt ein Poster mit einem Foto von einer Drohne und dem Schriftzug "Exposing the invisible". Das Unsichtbare entlarven – das ist Danja Vasilevs Job. Er ist IT-Spezialist des Tactical Technology Collective, einer gemeinnützigen Organisation, die über Datensicherheit im Netz aufklärt.

Ende letzten Jahres haben wir zum ersten Mal miteinander telefoniert. Er sagte zu, mir bei einem Experiment zu helfen. In Umfragen hatte ich gelesen, dass immer mehr Menschen mit einem Sprachassistenten wie Siri, Alexa oder Ok Google sprechen. In den USA sollen laut dem Marktforschungsinstitut Edison Research bereits 16 Prozent der Erwachsenen mit so einem Assistenten reden, insgesamt 39 Millionen Menschen. In Deutschland sollen es je nach Umfrage zwei bis vier Millionen Menschen sein.

Ich gehöre nicht dazu. Das liegt auch an Datenexperten wie Danja Vasilev. Sie warnen schon länger davor, dass die großen Digitalkonzerne es auf unsere Privatsphäre abgesehen haben – und Hacker oder Regierungen das ausnutzen. Selbst in Demokratien werden Daten politisch gezielt eingesetzt. Gerade erst wurde durch einen Whistleblower bekannt, dass die Datenanalysefirma Cambridge Analytica 50 Millionen Facebook-Profile ausgewertet haben soll, um den US-Wahlkampf zu beeinflussen. Die Firma bestreitet, dass es genau so war.

Im Fall von Amazons Sprachassistentin will ich es genau wissen: Was macht Alexa mit all dem, was die Leute ihr erzählen? Hört sie auch dann zu, wenn man nicht mit ihr spricht? Und lauscht bloß Alexa in die Zimmer – oder durch sie vielleicht auch jemand anderes? Mit Danja Vasilevs Hilfe will ich den Spieß umdrehen: Ich beschließe, Alexa auszuspionieren.

Mein Tag in Daten

Die ersten 24 Stunden mit Alexa, Datenverkehr pro Minute in Kilobyte

Tactical Technology Collective © ZEIT-Grafik

Ein paar Tage nach unserem ersten Telefonat schickt Vasilev mir ein Paket. Zwischen Luftpolsterfolie finde ich einen Router. "Wenn du den mit deinem Internetanschluss verbindest, funktioniert er wie ein Türsteher", hat Vasilev mir erklärt: "Er sieht alle Daten, die in deiner Wohnung ankommen oder sie verlassen." So bekommt Vasilev dieselbe Ansicht wie mein Internetanbieter. Er wird verfolgen können, was Alexa mit meinen Daten anstellt. Und was er dort später sieht, wird mir nicht gefallen.

An einem Freitagabend Ende Januar soll es losgehen: Bis Montag, ein verlängertes Wochenende lang, will ich mit Alexa sprechen. In meiner Küche glänzt nun mein neues "Echo Show", ein schwarzer Kasten aus Plastik, auf dem die Alexa-App installiert ist. Das Gerät ist frisch auf dem Markt, anders als seine Vorgänger hat es sogar einen Bildschirm und eine Kamera. "Eine ganz neue Art, Zeit miteinander zu verbringen", lese ich in der Beschreibung. "Mit acht Mikrofonen, Richtstrahltechnologie und Geräuschunterdrückung hört Echo Show Sie aus jeder Richtung – sogar wenn Musik läuft."

Ich drücke den Einschaltknopf. "Willkommen Cwiertnia Laura", leuchtet es auf dem Echo-Bildschirm auf. Alexa läuft über mein Amazon-Konto. Sie weiß natürlich längst, wie ich heiße, wo ich wohne und mit welcher Kreditkarte ich bezahle. Am liebsten würde ich den schwarzen Kasten sofort wieder in seine Verpackung verbannen. Stattdessen rufe ich: "Alexa, spiel Musik!" Die Frauenstimme antwortet: "Hier ist ein Sender, der dir gefallen könnte: Lena von Amazon Music." Die Stimme von Lena Meyer-Landrut ertönt. Okay, so gut kennt Alexa mich anscheinend noch nicht, denke ich erleichtert.

Bevor ich Alexa in meine Welt ließ, habe ich mir einen Einblick in ihre verschafft. Ein paar Tage vor meinem Experiment besuchte ich die Imm Cologne, eine Einrichtungsmesse in Köln. Im Bereich E10 fand ich eine Wohnung, in der sogar die Zimmerpflanzen digital vernetzt waren. Nirgendwo sonst auf der Messe drängten sich so viele Leute: Männer in Turnschuhen und Pullunder, Frauen in Hosenanzug, Teenager mit Glitzerpullis. Mit Headsets lauschten sie einem Mann mit blonden Wuschelhaaren und einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Smart enough".

Euphorisch führte er ihnen intelligente Toilettensitze vor und vernetzte Dampfgarer. Alarmanlagen, die mit Fenstern kommunizieren, und Tische, die auswerten, wie lange man arbeitet. "Brauchen tut man das alles nicht", rief der Vertreter, "aber es erleichtert Ihr Leben!"