In einem Hinterhaus in Berlin treffe ich den Mann, der versucht hat, in mein Leben zu blicken. Ich weiß nicht viel mehr über ihn als das, was ich jetzt vor mir sehe: einen Mittdreißiger mit Nylonhose und Undercut unter den braunen Haarsträhnen. Er dagegen weiß möglicherweise mehr über mich, als mir lieb ist. Was das genau ist, werde ich in wenigen Minuten erfahren.

Der Mann heißt Danja Vasilev. An einem Montag Ende Februar sitzt er in einem Konferenzraum vor einem Laptop, hinter ihm hängt ein Poster mit einem Foto von einer Drohne und dem Schriftzug "Exposing the invisible". Das Unsichtbare entlarven – das ist Danja Vasilevs Job. Er ist IT-Spezialist des Tactical Technology Collective, einer gemeinnützigen Organisation, die über Datensicherheit im Netz aufklärt.

Ende letzten Jahres haben wir zum ersten Mal miteinander telefoniert. Er sagte zu, mir bei einem Experiment zu helfen. In Umfragen hatte ich gelesen, dass immer mehr Menschen mit einem Sprachassistenten wie Siri, Alexa oder Ok Google sprechen. In den USA sollen laut dem Marktforschungsinstitut Edison Research bereits 16 Prozent der Erwachsenen mit so einem Assistenten reden, insgesamt 39 Millionen Menschen. In Deutschland sollen es je nach Umfrage zwei bis vier Millionen Menschen sein.

Ich gehöre nicht dazu. Das liegt auch an Datenexperten wie Danja Vasilev. Sie warnen schon länger davor, dass die großen Digitalkonzerne es auf unsere Privatsphäre abgesehen haben – und Hacker oder Regierungen das ausnutzen. Selbst in Demokratien werden Daten politisch gezielt eingesetzt. Gerade erst wurde durch einen Whistleblower bekannt, dass die Datenanalysefirma Cambridge Analytica 50 Millionen Facebook-Profile ausgewertet haben soll, um den US-Wahlkampf zu beeinflussen. Die Firma bestreitet, dass es genau so war.

Im Fall von Amazons Sprachassistentin will ich es genau wissen: Was macht Alexa mit all dem, was die Leute ihr erzählen? Hört sie auch dann zu, wenn man nicht mit ihr spricht? Und lauscht bloß Alexa in die Zimmer – oder durch sie vielleicht auch jemand anderes? Mit Danja Vasilevs Hilfe will ich den Spieß umdrehen: Ich beschließe, Alexa auszuspionieren.

Mein Tag in Daten

Die ersten 24 Stunden mit Alexa, Datenverkehr pro Minute in Kilobyte

Tactical Technology Collective © ZEIT-Grafik

Ein paar Tage nach unserem ersten Telefonat schickt Vasilev mir ein Paket. Zwischen Luftpolsterfolie finde ich einen Router. "Wenn du den mit deinem Internetanschluss verbindest, funktioniert er wie ein Türsteher", hat Vasilev mir erklärt: "Er sieht alle Daten, die in deiner Wohnung ankommen oder sie verlassen." So bekommt Vasilev dieselbe Ansicht wie mein Internetanbieter. Er wird verfolgen können, was Alexa mit meinen Daten anstellt. Und was er dort später sieht, wird mir nicht gefallen.

An einem Freitagabend Ende Januar soll es losgehen: Bis Montag, ein verlängertes Wochenende lang, will ich mit Alexa sprechen. In meiner Küche glänzt nun mein neues "Echo Show", ein schwarzer Kasten aus Plastik, auf dem die Alexa-App installiert ist. Das Gerät ist frisch auf dem Markt, anders als seine Vorgänger hat es sogar einen Bildschirm und eine Kamera. "Eine ganz neue Art, Zeit miteinander zu verbringen", lese ich in der Beschreibung. "Mit acht Mikrofonen, Richtstrahltechnologie und Geräuschunterdrückung hört Echo Show Sie aus jeder Richtung – sogar wenn Musik läuft."

Ich drücke den Einschaltknopf. "Willkommen Cwiertnia Laura", leuchtet es auf dem Echo-Bildschirm auf. Alexa läuft über mein Amazon-Konto. Sie weiß natürlich längst, wie ich heiße, wo ich wohne und mit welcher Kreditkarte ich bezahle. Am liebsten würde ich den schwarzen Kasten sofort wieder in seine Verpackung verbannen. Stattdessen rufe ich: "Alexa, spiel Musik!" Die Frauenstimme antwortet: "Hier ist ein Sender, der dir gefallen könnte: Lena von Amazon Music." Die Stimme von Lena Meyer-Landrut ertönt. Okay, so gut kennt Alexa mich anscheinend noch nicht, denke ich erleichtert.

Bevor ich Alexa in meine Welt ließ, habe ich mir einen Einblick in ihre verschafft. Ein paar Tage vor meinem Experiment besuchte ich die Imm Cologne, eine Einrichtungsmesse in Köln. Im Bereich E10 fand ich eine Wohnung, in der sogar die Zimmerpflanzen digital vernetzt waren. Nirgendwo sonst auf der Messe drängten sich so viele Leute: Männer in Turnschuhen und Pullunder, Frauen in Hosenanzug, Teenager mit Glitzerpullis. Mit Headsets lauschten sie einem Mann mit blonden Wuschelhaaren und einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Smart enough".

Euphorisch führte er ihnen intelligente Toilettensitze vor und vernetzte Dampfgarer. Alarmanlagen, die mit Fenstern kommunizieren, und Tische, die auswerten, wie lange man arbeitet. "Brauchen tut man das alles nicht", rief der Vertreter, "aber es erleichtert Ihr Leben!"

Was denkt Alexa bloß von mir?

Die Namen auf den Produkten: Samsung, Apple, Google. Aber auch deutsche Traditionskonzerne wie Miele und Grohe. Obwohl sich hierzulande viele um Datenschutz sorgen, gibt es kaum einen Hersteller, der nicht überlegt, wie er in das Geschäft mit dem Internet der Dinge einsteigen kann. "Die Deutschen meckern ja gerne", ruft der Vertreter, "aber die Geräte schreien danach, verheiratet zu werden."

Je länger der Mann erzählt, desto mehr klingt es, als rede er nicht über Backöfen oder Klodeckel, sondern über eine Utopie. Das Analyseunternehmen IHS Market veröffentlichte kürzlich ein E-Book mit dem Titel Das Internet der Dinge – eine Bewegung, kein Markt. Die Prognose darin: Bis 2030 könnte der weltweite Umsatz von intelligenten Geräten von 27 Milliarden auf 125 Milliarden Dollar steigen.

Wenn das tatsächlich eintritt, wäre dies eine "Bewegung", die den gesamten menschlichen Alltag umfassen kann, vom Zähneputzen bis zum Autofahren. Und Alexa könnte die Herrscherin sein, die in dieser intelligenten Welt die Befehle erteilt.

Bevor Alexa mir das Leben erleichtern kann, macht sie es mir aber erst einmal ziemlich schwer. Samstagmorgen, am zweiten Tag des Experiments, wache ich voller Tatendrang auf. Nur um wenig später festzustellen, dass ich mit meiner neuen "Mitbewohnerin", wie Amazon sie nennt, recht wenig anfangen kann. Egal, was ich sage, fast immer antwortet Alexa: "Es tut mir leid, ich kann deine Frage leider nicht beantworten."

Damit ich Alexa etwas fragen kann, muss ich ihr zunächst einiges erzählen: wann ich geweckt werden will zum Beispiel oder was auf meine Einkaufsliste soll. Ich muss sogenannte Skills installieren, damit sie lernt, wo ich Essen bestellen, Reisen planen oder Rezepte finden möchte. Ich erstelle einen Google-Kalender, trage dort Termine der nächsten Woche ein und verknüpfe ihn mit Alexa. Mein Adressbuch und das Passwort für meinen Account beim Musikdienst Spotify behalte ich lieber für mich.

Nach zwei Stunden habe ich Alexa dennoch ziemlich viel über mich verraten. Trotzdem schlägt sie mir weiter Songs von Lena Meyer-Landrut vor. Anders als am Abend zuvor freut mich ihr Irrtum nicht mehr. Ich bin beleidigt. Was denkt Alexa bloß von mir?

Wenn Alexa die Zukunft ist, habe ich bislang in der digitalen Vergangenheit gelebt. Bis auf ein Smartphone und einen Laptop steht kein einziges internetfähiges Gerät in meiner Wohnung. Im Amazon-Shop habe ich viel Kram gefunden, wie einen Luftbestäuber, der auf Befehl ätherische Öle versprüht. Gekauft habe ich eine vernetzte Glühbirne, die ihre Farbe ändert, eine Steckdose, die sich per Zuruf einschalten lässt, und eine Türklingel mit Kamera.

Amazon wirbt damit, dass man mit dem Bildschirm des neuen Echo Show und einer Kamera nun bequem die Kinder beim Schlafen beobachten kann. Da ich keine Kinder habe, blieben nur meine Nachbarn: Mit meiner intelligenten Klingel will ich meine Straße überwachen. Das wird ein Reinfall. Zweimal kann ich vor meiner Haustür filmen, dann reißt die Verbindung ab. Mein Internet ist zu langsam für die Zukunft, und ich bin genervt.

Meine Freunde verstehen sich im Gegensatz zu mir auf Anhieb mit Alexa. Samstagabend, bei Wein in meiner Küche in Köln, fragen sie: "Alexa, kannst du Kölsch?" – "Sischer dat!", antwortet sie, und meine Freunde juchzen. Nur eine wird enttäuscht. "Alexa, sprichst du Schwäbisch?", fragt sie. "Tut mir leid, aber momentan verstehe und spreche ich nur Deutsch."

Solche Missverständnisse dürfte es bald nicht mehr geben. Amazon hat eine Funktion entwickelt, mit der man individuelle Stimmenprofile anlegen kann. So soll Alexa Menschen unterscheiden können. Damit sie jemanden glücklich machen kann, muss sie ja wissen, mit wem sie es zu tun hat.

Faulheit spielt Alexa in die Hände

Aber auch mit meinen Kölner Freunden verscherzt Alexa es sich ziemlich bald: Sie wollen Karnevalslieder hören, Alexa spielt Après-Ski. Sie wünschen sich Reggae, jedes zweite Lied ist von Bob Marley. Spanische Songtitel versteht Alexa grundsätzlich falsch. Schließlich schreie ich sie an: "Alexa, öffne Spotify!" Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihr doch noch mein Passwort für den Account zu verraten. Langsam verstehe ich, wie Alexa funktioniert: Sie nervt die Leute so lange, bis sie ihr freiwillig ihr ganzes Leben erzählen.

Am Sonntag wache ich mit Kopfschmerzen auf. Da kommt mir Alexa zum ersten Mal nützlich vor. Vom Bett aus fordere ich sie auf, die Steckdose anzuschalten, der Wasserkocher in der Küche beginnt zu brodeln. Danach verstehen wir uns langsam besser. Ich begreife, wie ich meine Fragen formulieren muss – und sie lernt allmählich, was ich von ihr hören will. Ich erwische mich sogar bei dem Gedanken: "Praktisch, dass sie meine Termine kennt." Faulheit spielt Alexa in die Hände.

Und dann passiert es: "Alexa, spiel Musik", rufe ich. Eine Stimme beginnt auf Spanisch zu singen. Leider ist es nur Pietro Lombardi mit Señorita, aber immerhin nicht mehr Lena Meyer-Landrut.

Am Ende des Wochenendes habe ich etwas Grundsätzliches verstanden: Egal wie skeptisch jemand ist – je mehr Zeit man mit Alexa verbringt, desto mehr wünscht man sich, dass sie einen kennt. Damit sie tut, was man will, ist man irgendwann bereit, sie freiwillig in sein Leben zu lassen.

Daran muss ich denken, als ich ein paar Wochen später bei dem Datenspezialisten Danja Vasilev im Büro sitze. Mit den Fingern fährt er über sein Touchpad, ein Beamer wirft Nummern und Symbole an die Wand. An einer Zahl bleibt der Pfeil hängen: 10 965 475,2. "Mehr als zehn Millionen Datenpakete hat Alexa in den paar Tagen hoch- und runtergeladen." Insgesamt 6,8 Gigabyte. "Das ist dreimal so viel, wie die meisten Menschen mit dem Smartphone im Monat verbrauchen", sagt Vasilev.

Aber hat Amazon mich auch ohne mein Einverständnis ausspioniert? Das ist die Frage, die mich am meisten interessiert. Damit ich mit ihr reden kann, muss Alexa mir permanent zuhören. Zwar verspricht Amazon, nur dann Daten aus meiner Wohnung zu senden, wenn jemand "Alexa" sagt. Glaubt man dem Bundesverband Digitale Wirtschaft, geht es mir trotzdem wie einem Drittel der Deutschen: Ich fürchte mich davor, dass Alexa mich abhört.

Das liegt auch an Gruselmeldungen wie dieser, die ich vor ein paar Wochen in der Zeitung las: Alexa soll in mehreren Häusern laut gelacht haben – angeblich ohne dass jemand mit ihr geredet hatte und mitten in der Nacht. Amazon entschuldigte sich und installierte ein Update. Wie es sein konnte, dass Alexa lachte, wenn keiner mit ihr redete, erklärte das Unternehmen nicht.

Danja Vasilevs Pfeil fährt zu einer anderen Zahl. "Versendet hat Alexa etwa 392 Megabyte", sagt er. "Das ist zwar viel weniger, als sie empfangen hat, aber genug, um in geringer Qualität einen durchgehenden Audio-Stream hochzuladen." Das bedeutet, Alexa könnte Gespräche versendet haben, wenn ich sie nichts gefragt habe. Theoretisch ist es also möglich, dass sie mich abgehört hat.

"Sicher wissen wir es nicht", sagt Vasilev. "Alle Daten wurden verschlüsselt an Amazon gesendet."

Datenströme funktionieren ähnlich wie die Post. Sind sie unverschlüsselt, kann man sie lesen, wie eine Postkarte. Sind sie verschlüsselt, bleibt einem der Inhalt verborgen.

Vasilev konnte auch die Zeiten ermitteln, zu denen Alexa Daten gesendet und empfangen hat. Ein paarmal sei sie auch in der Nacht aktiv gewesen, als ich gar nicht mit ihr gesprochen habe. Aber auch das beweise nichts, sagt Vasilev. Es könne auch sein, dass sie nach einem Update gefragt hat.

Alexa wurde zur Wanze

Nach meinem Besuch bei Vasilev will ich Amazon selbst fragen. Doch anders als bei anderen großen Unternehmen finde ich auf der Homepage keinen Sprecher, nur eine allgemeine E-Mail-Adresse und eine Nummer für Presseanfragen. Als ich dort anrufe, entschuldigt sich ein Mann, er könne mir keinen Ansprechpartner nennen. So ist das also: Ich soll Alexa alles von mir erzählen, aber ich darf nichts erfahren.

Ein paar Tage später antwortet Amazon aber auf meine E-Mail. Bei den Daten, die gesendet wurden, ohne dass ich mit ihr gesprochen habe, "handelt es sich um technische Verbindungsdaten, um die Verbindung zwischen Echo und Amazon-Servern zu gewährleisten", steht dort.

Amazon wird von Datenschützern sehr genau beobachtet. Andrea Voßhoff, Bundesbeauftragte für Datenschutz, warnte schon vor einer Weile vor Sprachassistenten: Es sei nicht erkennbar, "wie, in welchem Umfang und wo die erfassten Informationen verarbeitet werden". Auch Stiftung Warentest kritisiert in einem neuen Bericht, Amazons Datenschutzerklärung weise deutliche Mängel auf.

Wie Danja Vasilev haben auch andere IT-Spezialisten Alexa untersucht. Die meisten hielten es für unwahrscheinlich, dass Amazon die Nutzer abhört. Aber alle kamen zu demselben Ergebnis: Ganz sicher sein kann man nicht.

In dem Moment, in dem ich Alexa in meine Wohnung ließ, wurde sie zu einer potenziellen Wanze. Ob jemand diese Wanze nutzt, kann ich nicht kontrollieren. Die Server von Amazon stehen in den USA, nur das Unternehmen weiß, was dort gespeichert wird. Und die Politik hat bislang kein Gesetz verabschiedet, das das ändern könnte.

Aber nicht nur Amazon könnte Menschen über Alexa belauschen. Einem Berater vom Institut MWR InfoSecurity gelang es kürzlich, ein Echo Show so zu manipulieren, dass er jedes Wort auf seinem Laptop hören konnte, das in der Wohnung gesprochen wurde. Zwar musste er das Gerät aufschrauben. Doch wenn Amazon eine Sicherheitslücke lässt, wäre es auch möglich, dass ein Hacker Alexa aus der Ferne manipuliert. Anders als analoge Geräte sind intelligente veränderbar – auch lange nach dem Kauf.

Ein paar Plätze von Vasilev entfernt sitzt seine Kollegin Raquel Renno. Sie zuckt mit den Schultern. "Alle haben Angst, dass Alexa einem dabei zuhört, wenn man sich mit seiner Mutter streitet", sagt sie. "Dabei ist es viel spannender, was du ihr freiwillig erzählt hast."

In meiner Alexa-App kann ich das alles auch jetzt, Wochen später, noch sehen: mehr als 400 Kästchen mit Bildern. Klicke ich sie an, kann ich sogar alle meine Fragen noch einmal hören. Wie ich Alexa morgens bitte, das Licht anzuschalten, wie meine Freunde sich Karnevalslieder wünschen. Alexa braucht mich gar nicht zu belauschen. Amazon weiß auch so sehr genau, was an dem Wochenende in meiner Wohnung los war.

Die Befehle kann ich in der App später löschen. Wenn jemand längere Zeit mit Alexa lebe, könne Amazon aber ein sehr genaues Profil über sein Verhalten anlegen, sagt Renno. Anhand der Daten kann Amazon seinen Nutzern passende Produkte anbieten. Und anderen Firmen Werbung: Amazon ist laut der Marktforschungsagentur E-Marketer schon jetzt fünftgrößter Anbieter für Online-Werbung in den USA.

Vielleicht war Alexa ja gar nicht zu blöd, meine Lieblingsmusik zu spielen. Was, wenn Amazon für seinen Irrtum mit Lena Meyer-Landrut bezahlt wurde? In der E-Mail schreibt das Unternehmen, die Auswahl der Songs basiere auf meinem Hörverhalten oder den Charts. "Es gibt aktuell keine Pläne, Werbung in Alexa zu integrieren."

"Deine Glühbirne hat unverschlüsselte Daten an die Server geschickt"

Der Finanznachrichtensender CNBC berichtete allerdings im Februar, dass Amazon mit verschiedenen Konzernen über eine Werbekooperation mit Alexa verhandeln soll.

Das ist die Gefahr, wenn man sich von Amazon das Leben erleichtern lässt: Das Unternehmen bestimmt, welche Informationen ich bekomme. Deshalb ist auch relevant, was Alexa erzählt. Sie kann beeinflussen, was ich kaufe, und vielleicht sogar, wie ich denke.

"Hast du Radio gehört?", fragt mich der Datenexperte nach dem Experiment

Ähnliches gilt für Smartphones oder Suchmaschinen wie Google. Aus Rennos Sicht geht Alexa dabei aber noch eine Stufe weiter. "Wenn man sie mit all den Geräten zu Hause verknüpft, bekommt sie noch einen viel intimeren Zugang."

Dass Alexa Stimmen hört, sei besonders problematisch. "So weiß Amazon sogar, wer sich in deiner Wohnung aufhält."

Und möglicherweise nicht nur Amazon.

Im März wurde ein Mann in einem Whirlpool in Arkansas stranguliert aufgefunden. Im Haus entdeckte die Polizei ein Amazon Echo. Anhand der Audiodateien, die Alexa aufgezeichnet hatte, wurde der Mörder überführt. Zwar hatte sich Amazon geweigert, die Daten rauszugeben, bis der Verdächtigte zustimmte. Doch Konzernstrategien können sich ändern. Oder die Gesetze.

Vor zwei Jahren berichtete Human Rights Watch, die chinesische Regierung lege eine Datenbank mit Stimmprofilen der Bürger an. Laut einem Bericht von The Intercept belegen Dokumente, dass der amerikanische Geheimdienst NSA an einer Sprachanalyse arbeitet, mit der er Menschen anhand ihrer Stimme identifizieren kann. Ebenso soll die EU ein solches Programm gefördert haben, das unbekannte Stimmen in verschiedenen Sprachen verstehen soll. Es gibt keine Garantie, dass nicht auch der deutsche Staat auf die Idee kommt, Unternehmen wie Amazon dazu zu zwingen, solche Daten auszuhändigen. Wenn in einem Mordfall ermittelt wird, würden viele das vielleicht noch akzeptieren. Aber wo zieht man die Grenze?

Im Büro von Vasilev und Renno erklingt nun eine Gitarre, dann ein Akordeon. "Hast du Radio gehört?", fragt Vasilev. Tatsächlich lief beim Frühstück über Alexa der Sender "Cosmo". Anders als die Daten, die Alexa an Amazon gesendet hat, ist dieser Stream unverschlüsselt. Auf Vasilevs Laptop können wir daher hören, was vor Wochen in meiner Küche lief.

Mit dem Pfeil zeigt Vasilev auf einen Namen: addradio. Um den Radiosender hören zu können, hatte ich Alexa einen Skill runterladen müssen. Ähnlich wie Apps bieten andere Anbieter wie Chefkoch.de oder die Deutsche Bahn damit ihre Dienste über Alexa an. Und der Skill, der mir den Radiostream in meine Wohnung geschickt hat, sendete die Daten, ohne sie zu verschlüsseln. Das Problem ist also nicht nur Alexa: Auch E-Mails oder Suchanfragen, die von Anbietern unverschlüsselt versendet werden, kann jeder lesen, der sie wie Danja Vasilev in die Finger bekommt.

Der Radiosender ist nicht die einzige unverschlüsselte Datei, die laut Vasilev in meine Wohnung gekommen ist. In den Daten, die sein Router gesammelt hat, fand er auch die Tonspur eines Films, den ich über mein Echo Show angeklickt hatte. In Vasilevs Büro kann ich den Film so noch einmal nachhören.

Auch aus meiner Wohnung hinaus wurden so Informationen gesendet. "Deine Glühbirne hat unverschlüsselte Daten an die Server geschickt", sagt Vasilev. Die Glühbirne ist von Philips. Als ich später dort nachfrage, schreibt das Unternehmen: "Philips Lighting nimmt Sicherheit sehr ernst. Die gesamten Daten, die das System erzeugt, sind verschlüsselt, bevor sie das Wifi-Netzwerk des Benutzers verlassen." Danja Vasilev sieht das anders.

Alexa zieht wieder aus

Datenströme zu verstehen ist sehr komplex. Auch das ist ein Problem. "Bei Amazon arbeiten Spezialisten", sagt Renno, "die Daten sind dort etwas besser geschützt." Schon deshalb, weil das Unternehmen Geld mit diesen Daten verdient. Es nützt Amazon, sie für sich zu behalten. "Wenn Firmen, die sonst nicht mit solcher Software arbeiten, intelligente Geräte produzieren, passieren schneller mal Fehler", sagt Renno.

Viele intelligente Geräte werden kaum getestet – das macht sie unsicher

Aber auch viele Start-ups bringen jetzt "Gadgets" auf den Markt – kleinere Geräte, die ohne viel Aufwand und vor allem sehr günstig produziert werden können. Von smarten Bettunterlagen, die messen, wie jemand schläft, bis zu Puppen, denen Kinder ihre Geheimnisse erzählen sollen. "Die werden häufig kaum getestet", sagt Renno. Außerdem verschwinden manche der Unternehmen nach ein paar Jahren wieder. So kann es passieren, dass die Geräte kein Update mehr bekommen. Das macht sie anfällig für Datenlecks – und damit auch für Hacker, die sich ungewollt Zutritt verschaffen.

So einfach scheinen die smarten Geräte den Alltag also doch nicht zu machen. Wenn ich nach dem Kauf ständig darauf achten muss, ob die Software meines Kühlschranks auf dem neuesten Stand ist, klingt das sogar ziemlich anstrengend. Und nicht mal dann kann ich sicher sein, dass meine Daten geschützt sind.

"Es kann auch mit Absicht eine Überwachungssoftware installiert werden", sagt Renno. Bei einer Glühbirne kann man das vielleicht noch verschmerzen. Bei anderen Geräten schon weniger. In Kanada musste kürzlich die Firma Innovation Standard nach einem Rechtsstreit fünf Millionen kanadische Dollar zahlen. Sie hatte mit einem smarten Vibrator heimlich Daten gesammelt, darunter solche, die verraten, wie lange und wie häufig das Gerät verwendet wurde. Eine App sendete die Informationen an den Hersteller – mit der Mail-Adresse der Benutzer.

Im Netz findet man viele solcher Beispiele – von unsicheren Webcams bis zu gehackten Babyfonen. Laut einer Studie von Edison Research gaben 90 Prozent der Besitzer von Sprachassistenten in den USA an, dass ihre Kinder mit den Geräten spielen, 57 Prozent hatten sie sogar extra für sie gekauft. Besonders problematisch ist das, da sie nicht einmal zustimmen können, ob jemand in ihre Intimsphäre blicken darf oder nicht.

Ein Glück, dass meine intelligente Türklingel nicht funktioniert hat. Wer weiß, wer sonst noch alles meine Nachbarn hätte sehen können.

Vasilev öffnet nun eine animierte Grafik: ein schwarzes Feld, in der Mitte ein pinker Kreis, der immer größer wird. Von dem Kreis zeigen Strahlen auf lange Nummern. "Lass mich raten: Am Freitag von 22.49 Uhr bis 00.26 Uhr hast du einen Film geguckt", sagt er. Tatsächlich erinnere ich mich, dass ich da den James-Bond-Film Spectre auf meinem Echo-Bildschirm angesehen habe. Vasilev braucht nicht einmal eine Tonspur zu finden, um zu wissen, was ich gemacht habe.

Verschlüsselte Daten sind wie verschlossene Briefe. Selbst wenn man sie nicht öffnet, kann man daraus viel erfahren: den Absender, den Empfänger, das Sendedatum. Bekommt jemand zum Beispiel öfter Post vom Scheidungsanwalt, weiß der Briefträger sehr genau, was los ist. So unsichtbar, wie die Daten scheinen, die aus meiner Wohnung strömten, sind sie also längst nicht für jeden.

Jene Daten, die Vasilev in meiner Wohnung ein und aus gehen sah, kann auch mein Internetanbieter sehen. In Deutschland muss er das bislang noch für sich behalten. Im vergangenen Jahr entschied allerdings der US-Kongress, dass diese Konzerne künftig auch Benutzerdaten verkaufen können, genauso wie Amazon oder Google. Gesetze könnten künftig die Telekoms dieser Welt natürlich auch dazu zwingen, den Behörden diese Daten auszuhändigen. "Die Regierungen können sich ändern", sagt Renno. "Und die Daten sind dann schon da."

Je länger ich bei Vasilev und Renno im Büro sitze, desto klarer wird mir: Alexa mag sich als lustige "Mitbewohnerin" tarnen. Aber sie öffnet auch meine Haustür für einen der mächtigsten Konzerne der Welt, bei dem ich nicht weiß, was er mit meinen Daten anstellt. Und nebenbei vielleicht noch für ganz andere.

Als ich mich schließlich im Treppenhaus verabschiede, steht mein Entschluss fest: Alexa zieht wieder aus, und zwar sofort!