DIE ZEIT: Frau Karliczek, aus der Lernforschung wissen wir: Auf den Anfang kommt es an. Kinder lernen eine Fremdsprache besonders gut, wenn sie früh damit beginnen. Was haben Sie in den ersten Tagen als neue Ministerin für Bildung und Forschung gelernt?

Anja Karliczek: Eine ganze Menge – dass es viele Pakte gibt zum Beispiel: den Hochschulpakt, den Qualitätspakt Lehre, den Pakt für Forschung und Innovation, alles Vereinbarungen zwischen dem Bund und den Ländern. Es kommt in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik darauf an, dass beide Seiten zusammenarbeiten.

ZEIT: Als Außenseiterin im Amt stehen Sie vor einer steilen Lernkurve. Wie gehen Sie dabei vor?

Karliczek: Ich gehe nach dem Abschichtungsprinzip vor. Erstens, was ist die Grundidee? Zweitens, was ist das Problem? Drittens, wo wollen wir hin?

ZEIT: Fangen wir bei dem Wichtigsten an ...

Karliczek: ... der Digitalisierung.

ZEIT: Gut, wo wollen wir hin?

Karliczek: Fest steht: Wir erreichen gerade durch die Digitalisierung eine neue Dimension unserer wirtschaftlichen Entwicklung. Deutschland muss den nächsten Sprung schaffen, ohne dass es zu einer tiefen Krise kommt. Obwohl unsere Chancen gut stehen, ist das keineswegs gesichert.

ZEIT: Warum?

Karliczek: Ich habe mich öfter mit der Kondratjew-Theorie beschäftigt: Innovation verläuft in langen Wellen. Vor einem Aufschwung mussten Länder oft Krisen bewältigen, mitunter mit vielen Arbeitslosen. Diese Aussicht macht vielen Menschen Angst. Man braucht aber Mut, Chancen anzunehmen und sich zu verändern. Bildung in allen Facetten kann Menschen diese Angst nehmen.

ZEIT: Was bedeutet für Sie Bildung?

Karliczek: Bildung ist zum einen Selbstzweck: Menschen brauchen eine Grundbildung, um am Leben teilzuhaben. Zum anderen braucht der Einzelne Bildung, um im Arbeitsleben klarzukommen. Das Land braucht Bildung, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

ZEIT: Wie können Schulen diesen Ansprüchen gerecht werden?

Karliczek: Wir sollten darüber grundlegend diskutieren und entsprechend die Schulen umbauen. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir die Kinder immer weiter spezialisiert. Durch die Umwälzungen der digitalen Welt kann aber niemand mehr sagen, was in Zukunft richtig sein wird. Daher müssen wir das Gegenteil von Spezialisierung tun. Wir brauchen eine große Grundlagenbildung, um Kinder zu befähigen, Dinge einzuschätzen und zu vernetzen.

ZEIT: Wie soll das im Schulalltag aussehen?

Karliczek: Als Elternvertreterin habe ich nie verstanden, warum Fächer getrennt voneinander unterrichtet werden. Politik, Geschichte und Literatur – das gehört doch zusammen! Warum hat ein Autor etwas geschrieben? Wie hat sein Kontext seine Perspektive verzerrt? Lehrpläne und Strukturen sollten anders werden. Darüber müssen wir diskutieren.

ZEIT: Sie wollen fünf Milliarden Euro für digitale Bildung ausgeben – wofür genau?