Gekommen, um zu gehen – Seite 1

Michael Großbötzl ist die Wut deutlich anzusehen. In seinem Büro, umgeben von Lackmustern, Beschichtungsstoffen und Dekormalereien, wälzt er die 96 Seiten eines negativen Asylbescheids. Der betrifft seinen Maler-Lehrling Ehsan Mohammed. Seit knapp zwei Jahren beschäftigt der Chef der Malereifirma im oberösterreichischen Ried im Innkreis den 18-jährigen Afghanen. Der soll nun während der Ausbildung abgeschoben werden. Zum dritten Mal kämpft der oberösterreichische Unternehmer mit einem Anwalt dafür, dass sein Lehrling hier bleiben darf. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Die Geschichte ist kein Einzelfall. Viele Asylwerber, die in Österreich eine Lehre absolvieren, die deutsche Sprache sprechen und Steuern zahlen, sollen nun außer Landes verfrachtet werden. Dabei sind sie in Berufen wie Koch, Maler, Dachdecker oder Tischler gefragte Arbeitskräfte, füllen die Lücken, die Pensionierungswellen, schwache Geburtenjahrgänge und der Zustrom junger Menschen an höhere Schulen hinterlassen haben.

Viele Mittelständler wollen das nicht mehr hinnehmen. Überall formieren sich Initiativen gegen die massenhaften Negativbescheide. Unternehmer wie Großbötzl, der selbst ÖVP-Stadtpolitiker ist, fühlen sich von der eigenen Partei im Stich gelassen.

"Es ist ein klares Ziel dieser Bundesregierung, den Wirtschaftsstandort zu stärken", erklärte ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz vor zwei Wochen. Doch der Standort sei durch die negativen Asylbescheide gefährdet, sagt Großbötzl. "Gewisse Investitionen kann ich nicht tätigen. Nicht, weil ich kein Geld habe, sondern weil niemand da ist, der die Arbeiten ausführt."

Im Jahr 2012 hat das Sozialministerium unter SPÖ-Sozialminister Rudolf Hundstorfer Asylwerbern unter 18 Jahren erlaubt, einen Lehrberuf in Österreich zu ergreifen. Später wurde das Höchstalter auf 25 Jahre angehoben.

Österreichweit gibt es derzeit etwa 782 Asylwerber, die eine Lehre absolvieren. 312 sind es allein in Oberösterreich mit seinen vielen Industriestädten. Die Mehrheit der oberösterreichischen Lehrlinge, insgesamt 227, kommt aus Afghanistan, die meisten sind junge Männer im Alter zwischen 18 und 19 Jahren. Rund 100 von ihnen haben einen negativen Asylbescheid erhalten; in Salzburg sind gar 110 Lehrlinge betroffen.

Mit Sozialromantik hat der Einsatz des Unternehmers für Flüchtlinge nichts zu tun

Wenn Großbötzl seinem Lehrling Mut zuspricht, wirkt der Unternehmer wie eine Vaterfigur. Nur, wenn Mohammed nicht im Raum ist, verkehrt sich das Lächeln des Chefs in einen besorgten Ausdruck. Dann nennt er den Bescheid ein Todesurteil.

Der 18-Jährige ist aus der Provinz Maidan Wardak vor den Taliban geflohen. Die Islamisten hätten seinen Vater ermordet, erzählt er. Dasselbe Schicksal drohe auch ihm, wenn er zurückmüsse. Mohammed verzichtete auf Förderunterricht, suchte sich sofort einen Job und lernte sowohl Deutsch als auch parallel dazu die Fertigkeiten des Malerberufs. "Ich wollte nie von Sozialhilfe leben", sagt er ruhig. "Für eine gute Zukunft braucht jeder Mensch einen Beruf." Mit seinen beiden Brüdern wohnt er in Ried im Innkreis, nur unweit vom Betrieb entfernt. Alle drei jungen Männer haben Lehrstellen gefunden.

Wird ein Lehrling abgeschoben, bleiben nur die Kosten

Mit Sozialromantik habe sein Einsatz für Ehsan nichts zu tun, sagt Großbötzl. Händeringend suchte der Firmenchef nach guten und "geschickten" Lehrlingen. Ehsan sei einer davon. Der oberösterreichische Familienunternehmer leitet die Firma in dritter Generation. Er war Teil der Jungen ÖVP und später Stadtobmann und Bezirksobmann der Jungen Wirtschaft. Heute sitzt Großbötzl im Finanzausschuss des Gemeinderats der Stadt Ried. Sein Unternehmen hat 22 Mitarbeiter, und er stellt jedes Jahr zwei Lehrlinge ein, wenn es die Bewerbungen zulassen. Denn viele seien schlichtweg so schlecht, dass er die Bewerber nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch einlädt.

Auch Sylvia Hochstöger findet kaum Lehrlinge. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie eine Dachdeckerei und Spenglerei in der oberösterreichischen 1.800-Einwohner-Gemeinde Pabneukirchen mit 30 Mitarbeitern. Pro Jahr gebe es eine Bewerbung, wenn überhaupt. Dann müsse sie "nehmen, was kommt", erzählt die zierliche Frau auf dem Weg in die Werkstatt. "Shafi", sagt sie, "war ein richtiger Glücksfall." Gemeint ist ihr Lehrling, Shafiqulla Shinwari. Auch der groß gewachsene 23-Jährige stammt aus Afghanistan, und sein Vater, der als Polizist arbeitete, wurde ebenso von den Taliban ermordet. Als der junge Mann kurz darauf einen Drohbrief erhielt, sei er noch in derselben Nacht geflüchtet.

Ein Lehrling ist eine Investition. Wird er abgeschoben, bleiben nur die Kosten

"Ich möchte gerne hierbleiben und arbeiten", sagt Shinwari, während er zurechtgeschnittene Aluminiumplatten zum Biegen vorbereitet. Im April kommt er in die zweite Klasse der Berufsschule: "Ich war sehr glücklich, als ich mit der Schule angefangen habe", erzählt er, "aber jetzt mache ich mir mehr und mehr Sorgen um meinen Aufenthalt." Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl hat seinen Asylantrag in erster Instanz abgelehnt. Im Juni folgt die Verhandlung über das Asylverfahren am Bundesverwaltungsgericht.

"Im Asylbescheid steht, dass er keine sozialen Kontakte hat, die ihn an Österreich binden", sagt die Unternehmerin und seufzt, "aber ein Lehrverhältnis bindet ihn sehr wohl an Österreich." Shafi sei in Pabneukirchen bestens integriert. In der kleinen Gemeinde gebe es kaum eine andere Möglichkeit, als die Sprache zu lernen, meint die Chefin.

Auch Malermeister Großbötzl ärgern an den Asylbescheiden von Ehsan Mohammed und seinen Brüdern die Begründungen. Auf 96 Seiten, erzählt er, während er hastig in den Zetteln blättert, finden sich veraltete OECD-Berichte und etliche Textpassagen, die wirken, als wären sie im Copy-Paste-Verfahren hineinkopiert worden. Beim jüngsten der drei Brüder, er ist erst 15, steht, dass weder eine Lebensgemeinschaft noch geborene Kinder in Österreich bestünden. "Da hat keiner nachgedacht. Und das ist diese Willkür, die ich einfach nicht verstehe", sagt Großbötzl und schüttelt den Kopf.

Großbötzl sieht ein, dass man nicht jeden Fall bis ins kleinste Detail prüfen könne. Deshalb wünscht sich der Unternehmer, der sich selbst als "dunkelschwarzen ÖVPler" bezeichnet, dass Asylbehörden die Bürgermeister mehr in den Entscheidungsprozess mit einbinden.

Ein Lehrling sei zudem eine Investition für die Unternehmer. Pro Auszubildenden gibt der Malermeister im ersten Lehrjahr circa 14.000 Euro, im zweiten Jahr 15.500 Euro und im dritten Lehrjahr etwa 19.500 Euro aus. Vieles davon kann er abschreiben, am Ende bleiben ihm aber Kosten von 24.000 Euro in drei Jahren. Wird sein Lehrling abgeschoben, war das Geld beim Fenster rausgeworfen.

Unternehmen am Land finden kaum noch Lehrlinge

Rudi Anschober, grüner oberösterreichischer Integrationslandesrat startete im vergangenen Dezember die Initiative Ausbildung statt Abschiebung und wirbt für das deutsche Modell "3+2", das Asylwerbern erlaubt, für den Zeitraum der Ausbildung und für zwei weitere Jahre als Fachkraft im Land zu bleiben. Dann wird der Aufenthaltsstatus neu geprüft.

Für Österreich sei diese Lösung ungeeignet, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium: Wenn Asylwerber eine gewisse Dauer von etwa fünf Jahren im Land seien, würde dies automatisch ein Bleiberecht auslösen.

Für Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl spielt es eine untergeordnete Rolle, welche Lösung die passende ist. "Mehr als drei Viertel unserer Unternehmen nennen den Fachkräftemangel als ihr größtes Problem", sagt Leitl. Negative Asylbescheide träfen dadurch den Jugendlichen, aber auch den Betrieb mit entsprechender Härte. Er wünscht sich raschere Asylverfahren und pocht bei den anhängigen Fällen auf eine aufenthaltsrechtliche Einigung, etwa in Form einer "humanitären Lösung oder der Rot-Weiß-Rot-Card", erklärt er. Leitls designierter Nachfolger Harald Mahrer schweigt lieber zu dem Problem.

Vor zwei Wochen schrieb der oberösterreichische Großunternehmer Andreas Fill in einem Brief an Sebastian Kurz von den guten Erfahrungen, die Innviertler Betriebe mit Asylwerbern gemacht haben. Fill, Chef des gleichnamigen, international tätigen Maschinen- und Anlagenbauunternehmens, spricht von einer "Win-win-Situation" für Unternehmer und ihre Lehrlinge.

"Der Umstand, dass für Asylwerber bis zum 25. Lebensjahr die Möglichkeit eröffnet wurde, eine Lehre auszuüben, steht in keinem Zusammenhang mit der Prüfung ihres Asylvorbringens", heißt es im Antwortbrief des Bundeskanzleramtes. 964 anerkannte Schutzberechtigte würden eine Lehrstelle suchen.

Diese wohnen jedoch nicht dort, wo sie gebraucht werden. Vor allem Unternehmen am Land finden kaum noch Lehrlinge. "Wir müssen sehr viel Zeit in die Lehrstellen investieren", sagt Sylvia Hochstöger. Jahr für Jahr gehe sie auf Berufsmessen und in Schulklassen, um den Beruf des Dachdeckers und Spenglers wieder attraktiv zu machen. Doch das nütze nicht viel. Hochstöger hofft auf einen Abschiebestopp für Asylwerber in Ausbildung. Denn schließlich möchte sie vor allem eines: motivierte und geschickte Lehrlinge für ihren Betrieb.